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Biodiversität

«Die Menschheit muss ihre Werte überdenken»

Natur & Umwelt | Donnerstag, 16. Mai 2019 08:00, Interview: Leo Niessner

Der letzte Woche veröffentlichte Weltbiodiversitätsbericht zeichnet ein düsteres Bild zum Artensterben. Eine Einschätzung von Markus Fischer von der Uni Bern, Mitglied des Weltbiodiversitätsrats IPBES.

Herr Fischer, die Veröffentlichung des UN-Biodiversitätsberichts sorgte letzte Woche für grosses Aufsehen. Eine Million Arten seien vom Aussterben bedroht, ist darin zu lesen. Auf das beschleunigte Artensterben wird allerdings seit Jahren hingewiesen. Was wird nun unternommen, um es zumindest zu verlangsamen?
Mehr als 150 Forscher aus aller Welt haben jahrelang an der Studie gearbeitet, darunter Natur- und Sozialwissenschaftler. So entstand die beste Zusammenstellung allen Wissens zur Biodiversität, die heute existiert. So werden auch viele Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt. Diese reichen von der Einrichtung grösserer Schutzgebiete über das Streichen schädlicher Subventionen bis hin zur Berücksichtigung von Biodiversität in nationalen Bilanzen und Steürn. Da der Bericht von über 130 Regierungen akzeptiert wurde, ist zu hoffen, dass solche Handlungsoptionen auch umgesetzt werden.

Die Studie enthält eine Warnung, nämlich davor, im bisherigen Tempo weiter zu leben. 
Das stimmt. «Business as usual» funktioniert einfach nicht mehr. Das zeigen die untersuchten Zukunftsszenarien deutlich. Es wird aufgezeigt, dass es einen eigentlichen Wertewandel in der Bevölkerung braucht, um die weltweit vereinbarten Biodiversitätsziele und die globalen Nachhaltigkeitsziele der UN erreichen zu können. Die Menschheit muss ihre Werte überdenken.

In welcher Hinsicht?
Man muss sich fragen, wie hohe Lebensqualitäet ohne den derzeit viel zu hohen Verbrauch an natürlichen Ressourcen erreicht werden kann und wohl noch grundsätzlicher, in welchem Verhältnis zur Natur der Mensch leben möchte.

Welche konkreten Handlungsoptionen werden im Bericht genannt?
Zur Reduktion des Bedarfs an natürlichen Ressourcen gehört auch das Vermeiden der Verschwendung von Nahrungsmitteln, dem so genannten Food Waste, das im Bericht thematisiert wird. Es ist völlig unvernünftig, dass so viele Lebensmittel weggeworfen werden. In Entwicklungsländern wird weniger weggeworfen, dafür verderben aber viele Lebensmittel, weil sie nicht fachgerecht gelagert oder transportiert werden können. Auch da herrscht Handlungsbedarf. Zugleich wird es wichtig sein, generell den Abfall zu reduzieren.

Der Bericht erwähnt des Weiteren, dass Handel und Importwirtschaft als Steuerungsinstrument funktionieren können. Wie soll das funktionieren?
In diesem Bereich ist unter anderem die Schweiz gefragt. Sie importiert ja viele Lebensmittel und fungiert auch als international enorm bedeutende Handelsdrehscheibe für landwirtschaftliche und andere natürliche Produkte. Umweltstandards bei der Produktion, Transparenz und faire Preisgestaltung können massgeblich dazu beitragen, Produktion und Konsum in nachhaltige Bahnen lenken. Eine weitere wichtige Handlungsmöglichkeit ist das Stoppen schädlicher Subventionen – weltweit und in der Schweiz. Auch das höhere Besteuern biodiversitätsfeindlicher Produkte und Angebote kann einen wichtigen Anreiz schaffen, umweltfreundlicher zu produzieren und konsumieren.

Wie sieht es in der Schweiz aus mit der Schaffung von Biodiversitäts-Schutzgebieten, wie sie im Bericht erwähnt werden?
Eigentlich ist das eine sehr offensichtliche Handlungsmöglichkeit, die aber in der Schweiz im internationalen Vergleich sehr unzureichend eingesetzt wird. Um die Biodiversität und die Leistungen der Natur für den Menschen zu erhalten, müsste mehr Schutzgebietsfläche ausgewiesen, vernetzt und angemessen gemanagt werden. Hier hinkt die Schweiz stark hinterher.

Das überrascht.
Und doch ist es der Fall. Während im weltweiten Durchschnitt fast 17 Prozent der Fläche als Schutzgebiete ausgewiesen sind – in einigen Ländern sogar mehr als ein Drittel der Fläche –, sind es in der Schweiz nur gut 12 Prozent.

Wie sieht es mit dem Aktionsplan zur schweizerischen Biodiversitätsstrategie aus?
Im Vergleich zur Breite der Handlungsmöglichkeiten, die der globale Biodiversitätsbericht aufzeigt, greift der Aktionsplan Biodiversität der Schweiz nur einen kleinen Teil auf. Zudem stehen für die Massnahmen nur sehr beschränkt Mittel zur Verfügung.

Welches Vorgehen empfiehlt der Bericht im Umgang mit der Politik, welche die Macht zur Umsetzung griffiger Massnahmen hat?
Ich habe den Eindruck, dass sich in diesem Bereich etwas tut. Immerhin haben 130 Staaten den vorliegenden globalen Biodiversitätsbericht in Auftrag gegeben. Und die Folgen des Artenschwundes betreffen alle. Und alle wüssten gern, wie sie den Artenschwund und den Rückgang der natürlichen Ressourcen aufhalten und umkehren können, ohne ihre anderen Entwicklungsziele aus dem Auge zu verlieren.

Ist das überhaupt möglich?
Hier ist die gute Nachricht, dass Biodiversitätsförderung auch vielen weiteren Zielen dient, vom Klimaschutz über Wasser- und Luftreinhaltung, Bodenbildung, Bestäubung und Schutz vor Naturgefahren bis zu Erholung, Gesundheit und dem mit intakten Landschaften verbundenen Heimatgefühl. Hier setzt der Bericht an und stellt der Politik relevante Informationen zur Verfügung, die als Entscheidungsgrundlage dienen können.

Nächstes Jahr werden die weltweiten Biodiversitätsziele neu verhandelt.
Der Zeitpunkt der Veröffentlichung des Berichts ist tatsächlich perfekt. Erfreulich ist, dass das Thema dank des Berichts bereits von der Politik aufgegriffen wird. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat aufgrund des Berichts angekündigt, den Einsatz von Pestiziden deutlich zu verringern, die Schutzgebietsfläche zu vergrössern und über die Gestaltung der Steuern nachzudenken.

Spielen die von Greta Thunberg angeführten Klimaproteste dem erforderlichen Wertewandel in die Hand?
Es ist erfreulich, dass das Thema Umwelt in der Öffentlichkeit an Sichtbarkeit gewonnen hat. Bei den Klimademonstrationen wird oft darauf hingewiesen, dass die Abnahme der Biodiversität eng mit dem Klimawandel verknüpft ist und dass sich die beiden Themen nicht trennen lassen. An den Klimakundgebungen sieht man unzählige Transparente mit Pflanzen oder Tieren als Hinweis darauf, was zu verlieren wir im Begriff sind und dass dies auch den Klimaschutz untergräbt. Greta Thunberg ist das längst bewusst, sie selber spricht ja immer in einem Zug von «Climate Change» und «Biodiversity Loss». Das entspricht auch den Befunden des globalen Berichts zur Biodiversität.

Sind Sie zuversichtlich, dass die Menschheit die Kurve noch kriegt?
Das ist durchaus noch möglich. Allerdings braucht es wirklich eine Transformation der Gesellschaft, ein allgemeines Umdenken. So lange der Verbrauch an natürlichen Ressourcen deutlich höher bleibt als diese von der Natur wieder nachgeliefert werden können, so lange befeuern wir die Klimaerwärmung und tragen durch intensive Landnutzung, Überfischung, Umweltverschmutzung und das Verbreiten invasiver Arten zu ungebremstem Biodiversitätsverlust bei. Der Bericht zeigt klar, dass dies die Leistungen der Natur für den Menschen stark verringert und Kosten verursacht, unter anderem auch wegen zunehmender Gesundheitsprobleme. In Regionen, in denen die natürlichen Ressourcen besonders stark erschöpft sind und die vom Klimawandel besonders stark betroffen sind, wird das Konfliktpotential steigen und auch die Migration wird dann zunehmen.

Wie fest muss sich jeder einzelne einschränken?
Zentral wird laut Bericht sein, den Verbrauch an natürlichen Ressourcen nachhaltig zu gestalten. Dazu sind alle erwähnten Massnahmen wichtig, in der Politik, der Wirtschaft und von jedem Einzelnen. Dann kann es gelingen, gleichzeitig die Lebensqualität hoch zu halten. Dazu muss ganz allgemein biodiversitätsfreundliches Verhalten belohnt werden, auch, aber nicht nur bei Preisen, Abgaben und Subventionen. Machen wir weiter wie bisher, sägen wir am Ast, auf dem wir sitzen.

Markus Fischer ist Professor für Pflanzenökologie am Institut für Pflanzenwissenschaften  sowie Direktor des Botanischen Garten an der Universität Bern. Zudem ist er Mitglied des IPBES Expertenrats. (Foto: Markus Bürki)

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