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Filmtipp

Kniffliges Zusammenleben von Wolf und Mensch

Unterhaltung | Donnerstag, 7. November 2019 09:00, Leo Niessner

Diskussionen sind nach diesem Dokumentationsfilm so gut wie sicher: Zum heutigen Schweizer Filmstart von Thomas Horats «Die Rückkehr der Wölfe».

Umweltbiologe Reinhard Schnidrig vom Schweizer Bundesamt für Umwelt bringt es auf den Punkt: «In den Städten stehen die Menschen der Rückkehr des Wolfes positiv gegenüber. Die Sorgen aber haben andere. Und denen muss man helfen», sagt er mit Verweis auf die Landwirte und Bergbauern in Thomas Horats Doku «Die Rückkehr der Wölfe». Der Schwyzer hat einen Film geschaffen, der nicht wertet, sondern beobachtet. 

Und einen, der nachfragt: Etwa bei zwei Schafhaltern, die – ohne jegliche Ressentiments – erzählen, dass der Wolf vor drei Jahren ihre Leitschafe gerissen habe. Dadurch sei das Gefüge der Herde durcheinandergeraten. Erst jetzt würde sich die Lage allmählich normalisieren.

Thomas Horat
Dokumentarfilmer Thomas Horat
  Bild: ZVG
Landwirte werden oft alleine gelassen
Wildtierbiologin Gudrun Pflüger kennt solche Berichte. Oft würden praktizierende Landwirte alleine gelassen, wenn es Konflikte mit dem Wolf gebe, sagt sie. Schnell einmal seien sie überfordert. Die Sorgen und Nöte der Bauern sind ihr vom Zuhören und von Besuchen auf den Alpen geläufig. Das Leben der Wildtiere hat sie derweil auf abenteuerliche Art und Weise erforscht.

Eine atemberaubende Filmsequenz zeigt, wie Pflüger die Neugier von Wölfen in Kanada erweckte und deren Vertrauen gewann. Sie legte sich in die Wiese an einem Waldrand und stellte sich tot, als ein Wolfsrudel aus dem Dickicht äugte. Die Szene lässt den Pulsschlag des Betrachters hochschnellen: Es braucht schon einiges an Mut und Selbstvertrauen, um sich so von den Wildtieren beschnuppern zu lassen. Die scheinen sich aber nicht weiter für die Biologin zu interessieren und tollen sich bald schon neben ihr in der Wiese.

Dazu schreibt Regisseur und Filmer Horat im Vorwort zum Film «Die Rückkehr der Wölfe» passend: «Der Wolf polarisiert und fasziniert, und er bringt Unordnung in unser System. 150 Jahre nachdem der Wolf in Mitteleuropa ausgerottet wurde, erobert er sich unaufhaltsam seinen Platz zurück.» Auf die Frage, ob ein Zusammenleben mit dem Menschen möglich ist, gibt es in der Doku verschiedene Auffassungen. Horat verzichtet darauf, diese zu werten, sondern stellt Pro und Contra gegenüber.

Sicher ist: Der Wolf kommt zurück
Konsens herrscht aber darin, dass der Wolf zurückkehrt. Und weil der Mensch immer neue Regionen besiedelt, ist die Wahrscheinlichkeit immer grösser, dass sich die beiden Spezies begegnen.

Umweltbiologe Reinhard Schnidrig relativiert im letzten Drittel des Films die finanziellen Schäden, die der Wolf – und der ebenfalls wieder vermehrt verbreitete Luchs – anrichten. Sie seien bei weitem nicht so hoch, wie man landläufig annimmt. Auf 100'000 bis 150'000 Franken jährlich schätzt er sie.

Horats Doku zeigt des weiteren Möglichkeiten auf, wie Schafherden geschützt werden können. Dafür blickt er über die Landesgrenzen hinaus, etwa nach Bulgarien. Ein Landwirt erzählt, dass vor dem ersten Schneefall vier Wölfe in der Nähe waren. Er habe seine Tiere aber gut bewacht und vor Angriffen schützen können. Das erfülle ihn als Hirten mit Stolz. Auf die Nachfrage, ob er sich denn auch ohne seine Hunde getraut hätte, nachts bei der Herde zu bleiben, schüttelt er indes den Kopf.   

Die Rolle der Herdenschutzhunde
Nicht alle Landwirte haben Lust und die Möglichkeit, ihre Herde vor Ort selber zu beschützen. Ein probates Mittel, um den Tieren Sicherheit zu gewähren, seien Herdenschutzhunde. Mehrfach geht die Doku auf diese Thematik ein. In Gesprächen mit Wildtierbiologen wird klar, warum diese Methode funktioniert. Die Menschen haben einst aus dem Wolf einen Hund gezüchtet.

Wenn der Hund nun umgekehrt einem Wolf gegenübersteht, wird sich dieser zweimal überlegen, ob er ihn angreifen soll. Obwohl vermutlich der Wolf der Stärkere ist – die Gefahr, dass er sich im Kampf verletzt, ist zu gross. Und das könnte für ihn tödliche Folgen haben.

Zurück in die Vergangenheit
Der Film, der heute in den Schweizer Kinos anläuft, blendet immer wieder auch zurück in die Vergangenheit. Horat greift dazu auf die Technik der Zeichenanimation zurück, die in poetisch anmutenden Bildern die Zeit um 1850 lebendig werden lässt. Damals hatte man den Wolf beinahe ausgerottet. Umso erstaunlicher ist es nach Ansicht verschiedener Biologen, dass sich die Bestände seither erholt haben und momentan gerade auch in der Schweiz wachsen.  

«Der Wolf ist wieder da und bringt Unordnung in unser System. Ist ein Zusammenleben mit Raubtieren möglich?», schreibt Horat im Vorwort zum Film. Eine Feststellung und eine Frage, die viel zu diskutieren gibt. Das ist gewollt. Gesprächen wurden an den bisherigen Vorpremieren in Österreich Platz eingeräumt. Diskussionen wird es auch an der heutigen Vorpremiere in Einsiedeln SZ geben. Horats bildgewaltige und stimmungsvolle Doku bietet dank ihrer inhaltlichen Neutralität und Brisanz eine Steilvorlage dafür.

Schweizer Kinostart von «Die Rückkehr der Wölfe»: Do, 7. November.

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