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Genetik

Fellfarbe bei Katzen: rot-schwarz ist weiblich

Katzen | Montag, 4. Dezember 2017, Meret Signer

Begegnet man einem rot-schwarzen oder einem rot-schwarz-weissen Büsi, kann man davon ausgehen, dass es sich um ein Weibchen handelt. Aber weshalb ist das eigentlich so?

Warum ihr Kater Samir die junge, dreifarbige Katze anfaucht, weiss die Katzenhalterin aus Dinhard im Kanton Zürich nicht. Sie weiss auch nicht, wie das Büsi heisst, das erschreckt davonhuscht, nur um gleich darauf wieder aus dem Gebüsch zu lugen. Was die Katzenhalterin aber weiss: Diese Katze ist ein Weibchen. Und damit hat sie Recht. Katzen mit rot-schwarzem oder rot-schwarz-weissem Fell sind tatsächlich weiblich (wobei die im Volksmund als rot bezeichnete Farbe eigentlich orange ist) – zumindest die überwältigende Mehrheit von ihnen.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, müssen wir zuerst ein fundamentales Prinzip verstehen: den Unterschied zwischen Männlein und Weiblein. Bei Säugetieren liegt dieser in zwei Buchstaben: X und Y. Sie stehen für Geschlechtschromosomen, wobei ein Weibchen mit zwei X-Chromosomen und ein Männchen mit einem X- und einem Y-Chromosom ausgestattet ist, also XX und XY. Zusätzlich zu den Geschlechtschromosomen besitzt jedes Lebewesen eine bestimmte Anzahl weiterer Chromosomen, sogenannte Autosomen. Auf all diesen Chromosomen sind die Gene, also die Erbinformationen platziert. Sie befinden sich in den Zellen.

Ein X ausgeschaltet
Die Gene sind zu einem grossen Teil dafür verantwortlich, wie ein Lebewesen aussieht – auch bei Katzen. Wie sie das machen, ist häufig nicht ganz einfach zu durchschauen. «Die Genetik der Fellfarben und Musterungen bei Katzen ist sehr komplex», sagt Konrad Basler, Professor am Institut für Molekulare Biologie an der Universität Zürich. So kommen Gene immer in mehreren Ausführungen vor. Diese nennt man Allele. Nehmen wir zum Beispiel das auf einem Autosom liegende Gen «B». Von ihm gibt es drei Allele: Eines sorgt für die schwarze Fellfarbe, eines für die braune und das Dritte für die hellbraune. Für das Gen «O», das für die orange Farbe zuständig ist, gibt es hingegen nur zwei Allele: orange und nicht-orange. Ersteres führt zur Bildung von orangem Farbstoff und unterdrückt die Ausbildung der anderen Farben. «Das heisst, wenn das dominante orange Allel vorhanden ist, überdeckt es die Farben des B-Gens und das Fell wird orange-rot», erklärt Basler. Das nicht-orange Allel dagegen signalisiert der Zelle, keine orange Farbe herzustellen. In diesem Fall kommen die schwarzen und braunen Farben des B-Gens zum Vorschein. Graue- und cremefarbene Abstufungen entstehen durch das Verdünnungsgen «D», das festlegt, ob die Farben der Gene B und O stark oder schwach ausgeprägt vorhanden sind.

Das Besondere am O-Gen (orange / nicht-orange) ist nun, dass es auf dem X-Chromosom liegt. Männliche Katzen, die ja nur ein X-Chromosom haben, sind somit entweder rot oder schwarz, aber nicht beides gleichzeitig. Bei Weibchen mit ihrer doppelten Ausführung des X-Chromosoms jedoch können beide Allele des O-Gens zusammen vorhanden sein, was dazu führt, dass Teile des Fells rot und andere Teile schwarz werden. Dieses Muster werde in der frühen Embryonalentwicklung festgelegt, sagt Basler. «Wenn der Embryo aus etwa 500 Zellen besteht, wird in jeder Zelle zufallsabhängig eines der beiden X-Chromosomen inaktiviert.» Also produziert jede Zelle fortan nur noch orange Farbe oder schwarze. Diese Zellen teilen sich, bilden weitere Zellen, der Embryo wächst. Die «Entscheidung», nur noch die Farben Schwarz oder Orange zu produzieren, wird an alle aus einer Zelle hervorgehenden Tochterzellen weitergegeben. So entsteht ein rot-schwarzes Fleckenmuster. Diese Färbung nennt man bei Katzen Schildpatt oder Tortie, kurz für Tortoiseshell, das englische Wort für Schildkrötenpanzer.

Männliche Raritäten
Nun kommt die weisse Scheckung ins Spiel. Diese wird von dem auf einem Autosom liegenden Gen «S» festgelegt, das dafür sorgt, dass Teile der Haut keine farbstoffbildenden Zellen enthalten, also weiss bleiben. Dies nennt man Leuzismus (siehe «Tierwelt» 38 / 2016), der bei vielen Tierarten vorkommt. Weil die Zellen gar nicht erst Pigmente herstellen können, verhindert das S-Gen damit auch die Ausbildung von allen anderen Farben. Weiss ist daher dominant. Dies führt bei Weibchen zu der als Calico bekannten Dreifarbigkeit: neben rot und schwarz mischen sich weisse Flecken ins Fell. Die Männchen dagegen sind rot-weiss, schwarz-weiss oder einfarbig. 

Ausnahmen bestätigen die Regel. Es gibt sie nämlich, die sehr seltenen Schildpatt- oder Calico-Kater. So kann es vorkommen, dass durch einen Fehler in der Zellteilung beim Elterntier ein Kater mit zwei X- und einem Y-Chromosom zur Welt kommt. Noch seltener sind Kater mit Kombinationen wie XX /  XY oder XY / XY. Sie entstehen durch die Verschmelzung zweier Embryonen in der Gebärmutter. Solche Kater sind fast immer unfruchtbar. Forscher glauben, dass eine von 3000 Schildpatt-Katzen männlich ist. 

Um also hundertprozentig sicher zu sein, müsste die Katzenhalterin aus Dinhard ihre Nachbarn wohl nach dem Geschlecht ihres Büsis fragen. Es könnte ja genau eines dieser seltenen Männchen sein – und wenn es gross ist, ihrem Kater Samir, der übrigens cremefarben, also rot verdünnt ist, den Platz im Revier streitig machen. Samirs Besitzerin findet währenddessen: «Männlich, weiblich, so wichtig ist das nun auch wieder nicht. Hauptsache, Büsi.»

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