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Gefährliche Zahnerkrankungen

Auch Katzen müssen Zähne putzen

Katzen | Donnerstag, 14. März 2019, Claudia Riedel

Einer Katze die Zähne zu putzen, ist wie einem Tiger die Krallen zu stutzen. Trotzdem ist regelmässige Zahnpflege beim Stubentiger wichtig. Warum und wie man dabei am besten vorgeht, erklärt ein Experte. 

Vom Zähneputzen hält der 20-jährige Sumo gar nichts. Dabei wäre der Kater dafür in den allerbesten Händen. Sein Besitzer Thomas Baumgartner ist Tierarzt der Tierklinik Sonnenhof in Derendingen SO und hat sich auf Zahnprobleme bei Katzen und Hunden spezialisiert. Zudem ist er Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Tierzahnheilkunde (SSVD). Aber Sumo beeindruckt das alles nicht. Baumgartner: «Ich brauche nicht einmal in die Nähe seines Kop­fes zu kommen, schon haut er ab.» Der Tierarzt spricht also aus eigener Erfahrung, wenn er sagt: «Bei der Mundhygiene sind Katzen nicht sehr kooperativ.»

Wie wichtig die Zahnpflege jedoch ist, zeigt die Statistik. «Mit drei Jahren haben 70  Prozent der Katzen Zahnfleischprobleme und ab dem vierten Lebensjahr kriegt jede dritte Katze Probleme mit den Zähnen», sagt Baumgartner. Auch Kater Sumo fehlen schon ein paar Backenzähne.

Die Probleme gehen häufig über einfachen Zahnstein hinaus. «Sehr viele Katzen leiden unter knochenabbauenden Zellen, welche den Zahn regelrecht wegfressen.» Die Ursache für die sogenannte Feline Odontoklastische Resorptive Läsion (Forl) ist nicht bekannt. Katzen sind schon seit Jahrhunderten davon betroffen, wie Schädelfunde aus dem Mittelalter zeigen. Doch trotz intensiver Forschung sind die Behandlungsmethoden bis heute sehr begrenzt. Neben einer Schmerztherapie müssen betroffene Zähne gezogen werden.

Alarmsignal Mundgeruch
Die zweithäufigste Erkrankung ist die sogenannte Gingivostomatitis. Dabei handelt es sich um eine massive Entzündung des Zahnfleischs, die bis in den Rachen gehen kann. Die Hauptursache dafür ist Stress. Im schlimmsten Fall droht der Verlust sämtlicher Backenzähne.

Was alle Krankheiten in der Mundhöhle gemein haben: Sie werden oft sehr spät erkannt weil die Katzen deswegen nicht jammern und in den meisten Fällen weiter fressen. «Sie kauen einfach auf den gesunden Zähnen», sagt Baumgartner. Darum nennt man Zahnerkrankungen bei Katzen auch das stille Leiden. «Wenn sich die Probleme statt im Mund auf der Haut zeigen würden, kämen die Leute viel eher mit ihrer Katze zum Tierarzt.» Auch ihm sei es schon passiert, dass er beim eigenen Tier Zahnprobleme nicht sofort erkannt habe, räumt der Tierarzt ein. Es sei darum wichtig, auf allfällige Veränderungen zu achten.

«Mundgeruch ist immer ein Alarmzeichen», sagt der Spezialist. Auch plötzliches Zurückschrecken beim Fressen, lautes Schmatzen, starker Speichelfluss oder komisches Schlucken können Anzeichen für Probleme mit den Zähnen sein. Eine gute Vorsorge ist also wichtig. Baumgartner nimmt auch seine Berufskollegen in die Pflicht: «Bei der Tierärzteschaft gibt es grossen Nachholbedarf.» So sollten die Zähne mindestens bei jedem Tierarztbesuch kontrolliert werden.

Jährliche Zahnreinigung
Damit es mit dem Zähneputzen zu Hause klappt, müssen die Katzen sehr früh daran gewöhnt werden. Am besten direkt, nach dem Wechsel der Milch- auf die bleibenden Zähne. Das geschieht in der Regel im Alter zwischen vier und sechs Monaten. «Wer nicht früh genug anfängt, mit seiner Katze zu üben, wird vermutlich scheitern», so Baumgartner.

An Hilfsmitteln fehlt es dabei nicht. Von Dreikopf-Zahnbürsten über Fingerlinge bis hin zur Zahnpasta mit Fleisch- oder Fischgeschmack findet man im Fachhandel alles. Es reiche aber auch schon, seiner Katze den Zahnbelag mit einem Wattestäbchen oder einem Tuch abzureiben, sagt Baumgartner. Weil sich innert 48 Stunden neuer Zahnbelag bildet, wäre es ideal, seiner Katze alle zwei Tage die Zähne zu putzen. Aber Baumgartner bleibt realistisch: «Einmal die Woche wäre schon ein sehr guter Schnitt.» 

Ist dies wie bei Sumo gar nicht möglich, kann auch Futter die Zahnpflege ein Stück weit übernehmen. Geeignet ist alles, auf dem die Katze ordentlich rumkauen muss. «Am besten sind Vögel oder Mäuse», sagt der Tierarzt. Wer keinen guten Jäger zu Hause hat, findet im Fachhandel spezielle Futtermittel zur Zahnreinigung. Wichtig ist, dass sie viele Raufasern enthalten und der Zahn beim Fressen ins Futter drückt. Nicht optimal ist Nassfutter mit zu viel Sauce. «Die Tiere schlucken es meist ohne zu kauen runter.» Eine weitere Möglichkeit ist die jährliche Zahnreinigung. Dabei entfernt der Tierarzt den Zahnstein und poliert die Zähne.

Die Preise dafür können sich regional unterscheiden. Bei Baumgartner in der Tierklinik Sonnenhof belaufen sie sich auf rund 200 Franken. Müssen zusätzlich einzelne Zähne gezogen werden, sind es gegen 300 Franken. Kaputte Zähne zu flicken, lohnt sich jedoch kaum. «Man weiss nie, ob man einen Zahn auch wirklich retten kann», sagt Baumgartner. Katzen kommen zudem gut mit Zahnlücken zurecht. Selbst ohne Backenzähne können sie noch kauen. «Das Zahnfleisch wird härter – vergleichbar mit Babys, die auf Brotrinde kauen.» Der Tierarzt hat sogar zahnlose Patienten, die noch Mäuse fangen und fressen. 

Bei allen Behandlungen in der Mundhöhle sind die Katzen in Narkose und intubiert. «Viele Halter schreckt das wegen des Narkoserisikos ab», sagt Thomas Baumgartner. Aber dieses sei wesentlich kleiner als das Risiko, das von schlechten Zähnen ausgehe, und der Katze gehe es danach immer besser, so der Tierarzt. Denn: «Auch Katzen leiden unter Zahnschmerzen wie wir, nur zeigen sie es nicht.» 

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