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Experten im Interview

«Zecken gefährden jedes Haustier mit Auslauf»

Katzen, Haustiere, Hunde | Mittwoch, 26. Juni 2019, Interview: Simon Koechlin

Was für Krankheiten übertragen Zecken auf Haustiere? Wie schützt man sein Tier am effizientesten? Und wie entfernt man die Blutsauger? Die beiden Parasitenexperten Manuela Schnyder und Walter Basso beantworten diese und andere Fragen.

Frau Schnyder, wie gefährlich sind Zecken für Hunde und Katzen?
Manuela Schnyder: Der eigentliche Zeckenstich hat für die Tiere, ausser Hautirritationen oder Juckreiz, meist wenig Folgen. Nur bei schwerem Zeckenbefall und unter bestimmten Umständen kann das Blutsaugen bei Hund oder Katze eine Blutarmut verursachen oder kann es zu Sekundärinfektionen der Stichstellen vorkommen. Aber Zecken sind bei Haustieren die bedeutendsten Überträger von Erregern. 

Von welchen?
Schnyder: Zecken können Viren, Bakterien und Parasiten übertragen. Vor allem bei Hunden gibt es darunter solche, die lebensbedrohliche Krankheiten verursachen wie Babesiose und Ehrlichiose. Oder, bei jungen Katzen, die Tularämie.  

Wo treten diese Infektionen wie häufig auf?
Schnyder: Das Verbreitungsgebiet der Infektionen steht in direktem Zusammenhang mit der Verbreitung entsprechender Zecken: Es gibt zahlreiche Zeckenarten, und diese können als Überträger verschiedener Erreger agieren. Daher kommen die Infektionen regional unterschiedlich vor: Babesiose zum Beispiel ist in der Genfersee-Region verbreitet, kommt jedoch auch brennpunktartig im Mittelland vor. Bei zahlreichen durch Zecken übertragenen Infektionen handelt es sich um «Reiseerkrankungen». 

Herr Basso, bestehen besondere Risiken, wenn man sein Tier mit ins Ausland nimmt?
Walter Basso: Ja, für Hunde und Katzen, die ins Ausland mitreisen oder von dort in die Schweiz gebracht werden, bestehen unter Umständen zusätzliche Gefahren. Sie können von Ektoparasiten befallen und mit Krankheitserregern angesteckt werden, die bei uns nicht vorkommen oder selten sind.

Zum Beispiel?
Basso: Beispiele sind die von Zecken übertragenen Erreger Hepatozoon canis, Ehrlichia canis, Babesia vulpes und Babesia gibsoni. In südlichen Reiseländern besteht durch Mücken zudem die Gefahr einer Infektion mit Herzwürmern oder dem Erreger der Leishmaniose. Vor einer Reise oder der Einfuhr eines Tieres sollte man sich deshalb eingehend in der Tierarztpraxis beraten lassen.

Weiss man, wie sich Zeckenstiche und die von ihnen übertragenen Krankheiten in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben?
Schnyder: Es gibt Studien, welche die Verbreitung gewisser Zeckenarten und der von ihnen übertragenen Erreger verfolgt haben. Es gibt aber auch Erreger, welche von Zecken auf Hunde und Katzen übertragen werden, die man erst seit Kurzem kennt. Über sie weiss man nicht immer, wo sie genau vorkommen und welche Auswirkungen sie auf die Tiergesundheit haben. 

Was kann passieren?
Schnyder: Ist die Infektion wenig bekannt, so ist auch deren Erkennung schwieriger. Bei einem Erreger, der milde Symptome verursacht, können Infektionen über längere Zeit unentdeckt bleiben. Bei Erregern mit schweren klinischen Folgen müssen die Diagnose möglichst schnell abgesichert und, wie es zum Beispiel bei der Babesiose erfolgt ist, Tierärzteschaft, Tierhalterinnen und Tierhalter sowie die Bevölkerung informiert werden. 

Wo holen sich die Haustiere Zecken? 
Basso: Zecken befallen Hunde und Katzen vor allem im Freien, sie halten sich bevorzugt an Gebüschen und Gräsern auf. Jedes Tier mit Auslauf ist gefährdet. Selten kommt es vor, dass sich bestimmte Zecken-Arten, etwa die braune Hundezecke, innerhalb von Räumen, Gehegen oder Zwingern einnisten und es dann auch an solchen Orten zu einem Befall kommt.

Von wann bis wann im Jahr besteht Ansteckungsgefahr?
Basso: Aktiv sind die Blutsauger je nach Art fast das ganze Jahr über. Zeckenhauptsaison ist März bis November. Der Holzbock und die Igelzecke kommen gehäuft im Frühjahr und Herbst vor. Vom Februar bis Dezember findet man die Auwaldzecke besonders in der Westschweiz. Die braune Hundezecke kommt im Tessin und in der Westschweiz, selten in der übrigen Schweiz, vor und kann nördlich der Alpen auch in warmen Innenräumen überleben.

Gibt es Tiere, die besonders anfällig sind?
Schnyder: Ein Tier kann mehr oder weniger häufig mit Zecken in Kontakt kommen, das hängt einerseits stark von der Nutzung präventiver Anti-Zeckenmittel, deren Wirksamkeit und der korrekten Anwendung ab. Halterinnen und Halter berichten aber auch über häufigeres Vorkommen bei Tieren mit hellem Fell. Gemäss Studien beim Menschen ziehen Personen mit heller Kleidung eine höhere Anzahl Zecken an.  

Gibt es Unterschiede zwischen Hunden und Katzen?
Schnyder: Im Allgemeinen sind Katzen weniger von zeckenübertragenden Krankheiten betroffen als Hunde. 

Muss ich mein Haustier jeden Abend nach Zecken absuchen?
Basso: Es ist sinnvoll, den Hund nach jedem Spaziergang eingehend auf Zecken zu untersuchen und sie umgehend zu entfernen. 

Wo genau finde ich die winzigen Zecken auf meinem Haustier? 
Basso: Sie sind überall am Körper des Tieres zu finden. Besonders betroffen sind schwach behaarte Körperteile mit dünner Haut an Kopf, Ohren, Achseln und Innenschenkeln. Im Larven- und Nymphenstadium sind die Zecken winzig klein und lassen sich auf Hund und Katze nicht immer leicht finden. Vor allem bei Tieren mit dunklem, langem und dichtem Fell kann man sie sehr leicht übersehen. Bei weiblichen Zecken steigt jedoch, nachdem sie gestochen und Blut gesogen haben, das Gewicht um das bis zu 120-Fache an. Ein vollgesogener weiblicher Holzbock kann etwa einen Zentimeter gross werden, vollgesogene Auwaldzecken sind meist noch grösser und sehr gut zu erkennen. 

Womit entferne ich sie am besten?
Schnyder: Zecken sind rasch und vollständig zu entfernen. Dafür geeignet sind Zeckenzangen und spitze Pinzetten. Beim Entfernen allein mit den Fingern besteht die Gefahr, dass die Zecke gequetscht wird und dadurch Krankheitserreger in den Stichkanal gedrückt werden. Öl, Alkohol, Klebstoff und Äther sollen nicht verwendet werden.

Manchmal wird empfohlen, die Zecke beim Rausziehen zu drehen.
Basso: Das ist falsch. Zecken sind nach dem Stich fest in der Tierhaut verankert. Daher soll man sie nahe an der Haut fassen und gleichmässig aus dem Stichkanal nach oben herausziehen. Unter Umständen kann es länger dauern, bis sich die Zecke löst. Dann aber gleitet sie leicht aus der Haut. Wird die Zecke gedreht, bleiben nicht selten ihre Mundwerkzeuge in der Haut stecken. 

Was gilt es danach zu tun?
Basso: Die Zecken sind sicher zu entsorgen. Anschliessend sollen das betroffene Tier und alle zum Haushalt gehörenden Hunde und Katzen bis zum Ende der Zeckensaison prophylaktisch auch gegen Zecken behandelt werden.

Für welche Tiere ist sonst ein Zeckenschutzpräparat angezeigt? 
Schnyder: Für Tiere mit Auslauf ist ein Zeckenschutzpräparat mindestens während der Zeckenhauptsaison anzuwenden, und zwar in den vom Hersteller empfohlenen Abständen. Tiere ohne Auslauf sollen regelmässig auf Zeckenbefall untersucht werden. Bei Befall ist eine Therapie anzusetzen. Da es Hundepräparate gibt, die für die Katze tödlich sein können, ist es empfohlen, sich von der Tierärztin oder dem Tierarzt beraten zu lassen.

Wie funktionieren die Zeckenmittel?
Schnyder: Es gibt Mittel, welche die Zecken abtöten und solche, welche sie abschrecken, sogenannte Repellentien. Sie verhindern nicht, dass Zecken auf das Tier gehen; sie verhindern aber, dass die Zecken nach dem Kontakt auf dem Tier bleiben und stechen. Dadurch verringert sich das Risiko einer Infektion mit zeckenübertragenen Krankheiten. Es ist jedoch nicht bewiesen, dass andere Zeckenmittel bei der Prävention zeckenübertragener Krankheiten weniger erfolgreich sind, da diese einen Grossteil der Zecken abtöten, bevor es zu einer Übertragung von Erregern kommt. 

Und wenn die Anti-Zeckenmittel nicht wirken?
Basso: Ist die Vorsorge gegen Zecken erfolglos, hat dies meist einen oder mehrere der folgenden Gründe: Die Präparate wurden nicht richtig angewendet. Die Abstände zwischen den Behandlungen waren zu gross. Waschen oder Schwimmen der Tiere haben die Wirksamkeit der Medikamente verringert. Die Region, in der sich das Tier im Freien aufhält, ist extrem verseucht mit Zecken, so dass ein normaler Schutz nicht genügt.

Gibt es auch Hausmittelchen? Mancherorts wird Kokosöl empfohlen.
Basso: Es sind keine sich auf natürliche Basis stützende Präparate mit ausreichender Wirkung gegen Zecken bekannt.

Passiert es auch, dass Zecken vom Haustier auf den Menschen übergehen?
Schnyder: Schildzecken wie der Holzbock können den Menschen direkt befallen und damit Erreger übertragen. In Mitteleuropa haben sie die grösste Bedeutung als Überträger der Frühsommer-Meningoencephalitis und von Borreliose. Von Zecken, die sich an einem Hund oder einer Katze festgesaugt haben, geht dagegen keine direkte Gefahr für den Menschen aus. Die von den Tieren entfernten Zecken sind dennoch sorgfältig zu beseitigen. Zusammengefasst ist ein sachgerechter Schutz vor Zecken für das Wohlbefinden und die Gesundheit von Tier und Mensch wichtig!

Manuela Schnyder ist Professorin und Leiterin Veterinärparasitologie an der Universität Zürich und Präsidentin von ESCCAP Schweiz. Walter U. Basso war langjähriger praktizierender Tierarzt und ist heute Privatdozent und Teamleiter Veterinärdiagnostik an der Universität Bern sowie Präsidiumsmitglied von ESCCAP Schweiz. ESCCAP ist eine Organisation europäisch führender VeterinärparasitologInnen. Ihr Ziel ist es, mit unabhängigen und fundierten Informationen mitzuhelfen, Hunde, Katzen und Pferde – aber auch den Menschen – vor einem Befall mit Parasiten und dessen Folgen zu schützen. Unterlagen zum Herunterladen und ein Reisetest finden sich auf www.esccap.ch.

 

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