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Feline Hyperthyreose

Gift für die Katzen-Schilddrüse

Katzen | Mittwoch, 3. Juli 2019, Heidi van Elderen

Vor vierzig Jahren war die feline Hyperthyreose noch völlig unbekannt, heute ist sie die häufigste hormonelle Erkrankung bei Katzen, die älter als acht Jahre alt sind. Woran das genau liegt, weiss man nicht.

Die Überfunktion der Schilddrüse, in der Fachsprache feline Hyperthyreose genannt, ist eine typische Seniorenkrankheit. Bei Katzen über dem achten Lebensjahr tritt die Erkrankung bei rund 10 Prozent auf. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko. Es gibt Schätzungen, die davon ausgehen, dass jede vierte Katze über 13 Jahren an Hyperthyreose leidet.

Bei betroffenen Tieren ist die Schilddrüse deutlich vergrössert und produziert das Hormon Thyroxin im Übermass. Das führt, vereinfacht gesagt, dazu, dass der gesamte Stoffwechsel ständig Vollgas gibt. Erkrankte Tiere haben häufig Heisshunger und fressen mehr als zuvor, nehmen aber trotzdem ab. Weitere typische Symptome sind vermehrter Kot- und Urinabsatz, erhöhter Puls und schnellere Atemfrequenz, struppiges Fell, Nervosität und leichte Erregbarkeit. Einige Patienten werden aber auch lethargisch. Langfristig leiden das Herz und andere Organe, im schlimmsten Fall stirbt das Tier. 

Frühzeitig erkannt, kann die Krankheit aber gut behandelt werden. In bestimmten Fällen ist eine operative Entfernung der Schildrüsenknoten sinnvoll. Weitaus häufiger kommen Medikamente in Pillen- oder Salbenform zum Einsatz. Diese hemmen die Thyroxin-Produktion, müssen aber ein Leben lang verabreicht werden und können Nebenwirkungen haben. Diese beiden Nachteile hat die Radiojod-Therapie, bei der die erkrankten Zellen in der Schilddrüse mit radioaktivem Jod zerstört werden, nicht. Dafür ist die Behandlung sehr teuer und wird hierzulande bislang nur im Tierspital der Universität Bern angeboten (siehe «Tierwelt» Nr. 5 / 2017).

Behandeln lässt sich die Hyperthyreose also relativ gut, verhindern leider nicht. Denn bis jetzt kennt niemand die genauen Ursachen der Schilddrüsenerkrankung – diverse Studien zum Thema kommen zu ganz unterschiedlichen, zum Teil auch widersprüchlichen Ergebnissen. So wurde zum Beispiel in einer kürzlich erschienenen Untersuchung aus Irland lediglich zunehmendes Alter als Risikofaktor identifiziert, während die meisten Wissenschaftler gleich eine ganze Reihe von Umwelteinflüssen verantwortlich machen.

Dosenfutter unter Verdacht
«Mit grösster Wahrscheinlichkeit gibt es nicht nur eine einzige Ursache für die Hyperthyreose, sondern sie ist multifaktoriell», sagt Claudia Reusch, seit 1996 an der Universität

Zürich Professorin für Innere Medizin Kleintiere und Direktorin der Klinik für Klein­-
tiermedizin. Der erste Verdächtige: Dosennahrung. «Das war naheliegend, denn die Hyperthyreose der Katze wurde 1979 das erste Mal beschrieben, also in der Zeit, in der auch die erste Generation Katzen mehr oder weniger vollständig mit kommerziellem Futter gefüttert wurde», erklärt Reusch.

Tatsächlich gibt es einige Hinweise darauf, dass Dosenfutter zwar gut für den Wasserhaushalt und die Nierengesundheit, aber auf Dauer schlecht für die Schilddrüse ist. Der japanische Wissenschaftler Hazuki Mizukawa kam in einer Studie bereits 2015 zu dem Ergebnis, dass vor allem Seefisch negative Auswirkungen hat. Aber auch Futter, das
Leber und Innereien enthält, ist mit Vorsicht zu geniessen. Das liegt unter anderem an den sehr hohen Jodkonzentrationen, die die Entstehung der Hyperthyreose vermutlich
begünstigen. Als Proteinquelle wird vielen Futtersorten Soja beigemischt. Für Katzen mit Schilddrüsenüberfunktion ist das alles andere als ideal, da die in Soja enthaltenen polyphenolischen Isoflavone die Umwandlung des Thyroxin (T4) in das biologisch aktive Tri­iodthyronin (T3) fördern, das Problem also noch verstärken.

Fisch, Innereien und Soja können natürlich auch in Trockenfutter oder selbst zusammengestellten Rationen enthalten sein. Kommt die Mahlzeit aus der Dose, hat womöglich auch die Verpackung negative Auswirkungen. Als problematisch gelten Aluminium- und Aufreissdosen, deren Beschichtung  Bisphenol A enthält. Bisphenol A gehört zu den rund 1000 chemischen Verbindungen, die seit
einigen Jahren auf der Liste der möglichen endokrinen Disruptoren stehen. Das sind hormonaktive Substanzen, die, wenn sie in den Körper gelangen, schon in kleinen Mengen das Hormonsystem und damit auch die
Gesundheit schädigen können – und zwar nicht nur bei Katzen und anderen Vierbeinern, sondern auch beim Menschen.

Giftiger Hausstaub 
Zu den endokrinen Substanzen gehören auch die polybromierten Flammschutzmittel, darunter die polybromierten Diphenylether (PBDEs), die unter anderem in elektronischen Geräten, Möbeln und Textilien enthalten sind. Viele dieser Substanzen sind nur schwer abbaubar, reichern sich in der Umwelt an und können zum Beispiel über Fisch zurück in die Nahrungskette gelangen. Wegen ihrer nachweislich gesundheitsschädigenden Wirkung wurde ihre Verwendung in Europa und den USA zwar schon 2014 grösstenteils verboten, in älteren oder importierten Gebrauchsgegenständen, im Wasser und Boden kommen sie aber noch vor. «Eine Studie in Kalifornien hat gezeigt, dass es seit dem Verbot einen Rückgang der Belastung gibt, das heisst, der PBDE-Blutspiegel ist deutlich niedriger als zuvor. Es ist jedoch möglich, dass die momentane Belastung noch immer eine schädigende Wirkung hat», sagt Claudia Reusch.

Katzen nehmen die giftigen Chemikalien vermutlich vorrangig über den Hausstaub auf. 2017 konnten kalifornische Veterinärmediziner bei Katzen mit Hyperthyreose
höhere PBDE- und PCB-Konzentrationen im Blut nachweisen als bei den nicht erkrankten Tieren der Kontrollgruppe. Ob und wie genau die Flammschutzmittel die Schilddrüsenüberfunktion verursachen, muss allerdings noch näher untersucht werden.

Und es gibt weitere mögliche Risikofaktoren, darunter sind laut der Wissenschaftlerin Antiparasitika, Pestizide, Düngemittel, Katzenstreu, das häufige Reinigen von Teppichen und das Trinken aus Pfützen. Katzen sind häufiger betroffen als Kater, Stubentiger
erkranken öfter als Freigänger.

Die enorme Menge der möglichen Risikofaktoren sowie die unklare Studienlage macht es schwierig bis unmöglich, vorbeugende Massnahmen zu ergreifen. «Es ist aber sinnvoll bei Katzen ab dem achten Lebensjahr im Rahmen eines Gesundheitschecks einmal pro Jahr die Schilddrüsenwerte kontrollieren zu lassen, damit man möglichst frühzeitig behandeln kann», empfiehlt Reusch.

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