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Jagdverhalten

Katze auf der Pirsch

Katzen | Dienstag, 29. Oktober 2019, Regina Röttgen

Die eine jagt gerne und viel, die andere zuckt beim Anblick einer Maus kaum mit der Wimper. Ist das Jagdverhalten unserer Samtpfoten Instinkt oder erlernt? 

Man könnte meinen, dass Katzen, nachdem sie über Generationen als Haustiere drinnen gehalten wurden, keine Jagdambitionen mehr haben. Schliesslich werden ihnen die nötigen Kalorien meist regelmässig und in mundgerechten Häppchen serviert – und dies erst noch ganz ohne Risiko und Energieaufwand. Dennoch sind selbst reine Wohnungskatzen oft clevere und begeisterte Jägerinnen. 

«Die Natur hat unsere Katze evolutionsmässig als geborene Jägerin erschaffen», sagt Katrin Held, Verhaltens- und Ernährungsberaterin für Katzen aus Adliswil ZH dazu. Von den Tasthaaren über die tastempfindlichen Pfoten bis hin zur Zunge sei der Körper einer Katze ein einziges Jagdinstrument. Wobei die Zunge nicht nur der Fellpflege diene, sondern auch dazu, das Fleisch von den Knochen ihrer Beute abzuschaben. 

Töten will gelernt sein
Ihr ursprünglicher Jagdinstinkt prägt unsere Katzen bis heute. Auch die Vorliebe ihrer wilden Vorfahren, vor allem in der Abend- und Morgendämmerung auf Pirsch zu gehen, haben die Samptpfoten beibehalten. «Sie richten sich nach der Zeit, in der ihre Beute aktiv ist  –selbst, wenn es nur in den eigenen vier Wänden ist», sagt Held. 

Zwar hat die Natur der Katze den Jagdtrieb folglich in die Wiege gelegt. Doch während die eine täglich mehrere Vögel oder Nager erlegt, hebt die andere noch nicht einmal ihre hübsche Räuberpfote, wenn eine Maus vorbeizischt. Hier kommen Umwelteinflüsse ins Spiel: Aufzucht und individuelle Reizbarkeit sind dabei ebenso von Wichtigkeit wie die gute Lehrstube. «Töten und Fressen wird bei Freigängern oft von der Mutter gelehrt», sagt Held. Aber auch ohne mütterliche Schule würden Katzen früher oder später zu guten Jägern. «Einzelne Elemente hat die Katze bereits als eigentliche Grundausstattung mit den Genen erhalten, die Kombination einzelner Bewegungselemente jedoch muss jede Katze individuell lernen.» Ihr «Handwerk» lernt die Katze demnach bereits im ersten Lebensjahr – bevorzugt in freier Natur. Nur so wird sie später ihre Lieblingsbeute erlegen können.

Zu Hause übt sich in Spielen, wer eine gute Jägerin werden will. Denn beim Spiel geht es unter anderem um die Ausbildung dieses Ur-Instinktes. «Für Katzen bedeutet Spielen Beute zu erlegen. So perfektioniert die Katze ihre Jagdstrategie», erklärt die Katzenexpertin. Von Hetzjagd hält die Katze hierbei nichts, es geht ihr vielmehr darum, das Ziel mit möglichst wenig Energie zu erreichen. Ein Faible für bestimmte Beutetiere zeigt sich auch hier. Jede Katze hat ihre unterschiedlichen Spielvorlieben. «Es gibt Katzen, die mögen sogar das Spiel mit kleinen oder grösseren Bällen; sie spielen Fussball oder apportieren.»

Jagd ist nicht gleich Jagd
In freier Natur zeigt sich diese Individualität besonders deutlich. Nach Angaben von Expertin Held gibt es unter den Katzen Vogel-, Mäuse-, Reptilien- und Insektenjäger. Dabei sei die einzelne Katze nicht bei jeder Beute im gleichen Masse erfolgreich. Die Beutevorlieben richteten sich in der Regel nach dem «Können» der einzelnen Katze. Beispielweise gäbe es viele Katzen, die zwar auf Vogeljagd gehen, aber aufgrund ihrer koordinationslosen Jagdstrategie nie einen Vogel fangen würden. Andere wiederum graben Blindschleichen aus – nur um sie zu beobachten. Ganz nach dem Motto: Ich könnte, wenn ich wollte.

Eine Komplexität an Faktoren kommt bei der Entwicklung solcher Vorlieben zum Tragen. «Vorhandene Ressourcen, die Wohngegend und auch die Tagesstimmung sowie das persönliche Interesse einer Katze spielen hier eine Rolle», sagt Held. So sei die kleine Spitzmaus oftmals einfacher zu fangen als ein flinker Vogel. «Die Jagd auf einen Vogel braucht in der Regel eine perfekte Planung, wohingegen eine Maus bei Regen häufig einfach aus dem Loch kommt.» Laut Held ist selbst die faulste Katze hier erfolgreich. 

Teilweise sei es aber auch einfach nur ein Trigger, der die Katze zum Jagen animiere. Als Beutegreiferin liegt das in ihrer Natur. Der Erfolg ist hier zweitrangig. Manche sind gar besonders mutig und wagen sich an Tiere heran, die grösser als sie selbst sind, wie etwa Kaninchen oder Hühner. Darüber hinaus kann eine Katze sogar stolz auf eine grosse Beute sein. «Nicht zuletzt fällt auch der Geschmack des Beutetieres ins Gewicht», sagt Held.

Nicht jede Katze beisst ihren Fang tot, um ihn zu fressen. «Viele Hauskatzen haben Hemmungen den Todesbiss zu vollbringen», sagt Held. Denn Katzen seien zwar Beutegreifer, aber keine reinen Killer. Oftmals fehle es an Reiz: «Je länger eine Katze keine Gelegenheit zum Töten hatte, desto grösser muss später oftmals die Anregung sein.» Dann spiele die Katze die Beute eher zu Tode. Gierig vor Ort verschlungen wird der Fang nur selten. Die meisten Katzen tragen ihre Beute nach Hause – je nach persönlicher Passion tot oder lebendig. «Dort ist ihr sicheres Kernrevier, wo sie sich voll und ganz ihrer Beute widmen können oder ihre Trophäe einfach nur stolz vorzeigen möchten», so Held.

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