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Raubkatzentransfer

Einmal Johannesburg, One-Way!

Zoo | Donnerstag, 11. April 2013, Matthias Gräub

Am Dienstagabend haben vier Löwen und zwei Tiger die Reise ihres Lebens in Angriff genommen: Von Rumänien nach Südafrika. «Tierwelt Online» hat die Raubkatzen beim Zwischenstopp am Flughafen Zürich getroffen. 

Behutsam greift Ovidiu Rosu in die hölzerne Kiste, ein leises, schüchternes Fauchen dringt nach draussen, kaum zu hören, dann zieht er seinen Arm heraus und hebt Löwenbaby Hera – fest am Kragen gepackt – auf die Kiste. Mit routinierten Handgriffen verarztet  Rosu die wundgescheuerten Pfoten von Hera und stellt sie zurück in die Transportbox, wo ein saftiges Stück Fleisch auf sie wartet.  

Ovidiu Rosu ist Tierarzt und arbeitet für die Tierschutzorganisation «Vier Pfoten». Seit 26 Stunden schon ist er mit seinem Team in einem Kleintransporter unterwegs. „Vier Pfoten hat sich zum Ziel gesetzt, Hera und ihre Familie, sowie zwei Tiger, aus Rumänien nach Südafrika zu bringen. Endstation für Rosu ist der Flughafen Zürich-Kloten, wo die Löwen am Mittwochabend in ein Passagierflugzeug geladen werden, das – zusammen mit ahnungslosen Reisenden – nach Johannesburg fliegt. Eine ungewöhnliche Fracht, auch für die Cargo-Angestellten des Zürcher Flughafens.

Neue Richtlinien sorgen für neue Probleme
Als Rumänien im Jahr 2007 der Europäischen Union beitrat, bedeutete dies für das Land eine Verschärfung der Gesetze an fast allen Fronten. So auch im Tierschutz. So standen also plötzlich Zoos, die bisher alle staatlichen Richtlinien erfüllt hatten, in leerem Raum, so auch derjenige in Onesti. Die 40 Quadratmeter, die sich die vier Löwen bisher geteilt hatten, reichten bei weitem nicht mehr aus, um die Mindestrichtlinien der EU zu erfüllen. Dem Zoo wurde die Haltungsberechtigung für Wildtiere entzogen.

Nach zähen Verhandlungen und fast sechs Jahren war es schliesslich soweit: Die Stadtverwaltung von Onesti bat «Vier Pfoten» darum, sich um die Grosskatzen zu kümmern. Kein Einzelfall in Rumänien: Über 30 Löwen hat die Tierschutzorganisation schon aus dem Karpatenland nach Südafrika transferiert, in das Refugium «Lionsrock», einem Gelände von 50 Hektaren, in dem sich die Grosskatzen frei bewegen können.

Überlebenschancen ungewiss
Zurück zu Hera: Das acht Monate alte Löwenbaby wiegt gerade einmal 13 Kilogramm. 50 wären normal für einen Löwen in ihrem Alter. Hera leidet unter Zwergwuchs und – genau wie ihre Zwillingsschwester Sara – unter Rachitis, einer Knochenschwäche, die auf Kalziummangel zurückzuführen ist. Grund dafür ist laut Rosu Lichtmangel und die mangelnde Bewegung in Rumänien. Ob sie eine reelle Überlebenschance in Südafrika hat, vermag der Tierarzt nicht zu sagen, da sie deutlich geschwächt ist.  

Ganz anders der Papa. Als der Gabelstaplerfahrer den Metallkäfig von Tarzan anhebt, ertönt ein finsteres Grollen. Als würde im Innern der Box ein Motorrad gestartet, dröhnt es heraus. Und nicht nur das: Löwenvater Tarzan bringt die Kiste wortwörtlich zum Beben. Die Helfer von „Vier Pfoten“ haben alle Hände voll zu tun, um ihn zu beruhigen und die Box zu stabilisieren. Der Löwe ist und bleibt ein Raubtier.  

Nach einem guten Bissen Fleisch ist jedoch auch er etwas besänftigt. Auf Beruhigungsmittel oder gar eine Betäubung verzichten die Tierschützer bewusst. Dennoch stellt sich die Frage, wieso die Löwen in einem Transporter bis nach Zürich gefahren werden, ehe sie in Richtung Süden fliegen.  

Robert Hengl von «Vier Pfoten International» erklärt, nur in Frankfurt, Paris – und eben Zürich – gebe es Direktflüge nach Johannesburg, die genügend Platz für eine ganze Löwenfamilie bieten. Einen Spezialflug von Rumänien aus zu chartern, sei – bei aller Tierliebe – zu teuer, zumal nicht die Zoos in Rumänien für solche Tiertransfers aufkommen, sondern die Tierschutzorganisation, finanziert durch Spendengelder und Sponsoren.

Die Reise ist geschafft
In den nächsten Stunden werden die Tiere aus dem Zoo Onesti in Johannesburg aus dem Flugzeug ausgeladen und auf einen letzten Transport geschickt. Noch drei Stunden Fahrt stehen ihnen bevor, ehe sie im Refugium «Lionsrock» in die Freiheit entlassen werden.  

Es ist keine Freiheit im eigentlichen Sinne, so Hengl, denn die Tiere könnten in freier Wildbahn nicht überleben, weil sie ihr ganzes Leben in Gefangenschaft verbracht haben und nie gelernt haben, lebendige Tiere zu jagen. Doch immerhin ist es eine Freiheit in einem Areal, das 150-mal grösser ist als das Gehege in Rumänien, in dem sie noch vorgestern untergebracht waren.  

Wie Tarzan, Hera und die anderen Grosskatzen in Südafrika freigelassen werden, sehen Sie hier.

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