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Tierwelt 31/2013

Die Faszination des goldenen Sarkophags

Natur & Umwelt | Freitag, 2. August 2013 07:45, Frank Wieland

Bernstein ist nicht nur ein begehrter Schmuck. Auch Forscher sind wild auf das versteinerte Harz: Sie interessieren sich vor allem für Insekten- und Spinnentiere, die im Bernstein über Jahrmillionen erhalten bleiben.

Die Welt sah vor Millionen von Jahren völlig anders aus als heute. Die Tierwelt unterschied sich teilweise deutlich von der unseren. Vermutlich wünscht sich jeder Tier- und Pflanzenfreund, in der Zeit zurückreisen zu können, um die damalige Natur zu erkunden. Aber leider sind laut dem heutigen Wissensstand solche Zeitreisen nicht möglich.

Möglich ist es jedoch, Einblicke in das Leben vergangener Erdzeitalter zu bekommen. Fossilien sind die Überreste von den Tieren und Pflanzen, die vor vielen Millionen Jahren unseren Planeten bevölkerten. Kompressionsfossilien zum Beispiel sind Organismen, die zumeist plattgedrückt im Gestein gefunden werden. Auch versteinerte Fährten gibt es, die in der Urzeit von Organismen in dem weichen Schlick am Ufer eines Sees hinterlassen wurden. Die meisten Fossilien sind zwar höchst informativ für die Wissenschaft und können uns viel über die Lebewesen sagen, deren Überreste im Stein Jahrmillionen überdauert haben. Aber wie ein Tier in Fleisch und Blut ausgesehen hat, bleibt in den meisten Fällen Spekulation.

Bernstein besteht aus ausgehärtetem Harz von urzeitlichen Bäumen
Nur Forscher, die sich mit kleinen Organismen wie Spinnen, Insekten oder auch Pilzen und Kleinst-Pflanzen beschäftigen, sind in einer komfortableren Situation: Sie können auf faszinierende Fossilien zurückgreifen, die ihnen exakt zeigen, wie die betreffenden Lebensformen zu ihren Lebzeiten aussahen: Fossilien in Bernstein.

Der warmgolden glänzende, oft klare Bernstein ist das ausgehärtete Harz von Bäumen, die vor sehr langer Zeit lebten. Das austretende Harz von Urzeitbäumen lief an den Stämmen herunter oder tropfte auf den Boden. Dabei blieben  manchmal kleinste Organismen am Harz kleben und wurden darin eingeschlossen. Die zähe Flüssigkeit konservierte die Opfer in vollkommenem Detailreichtum.

Bernsteine im Museum
Im Sauriermuseum in Aathal ZH ist seit Ende Mai in einer Sonderausstellung eine umfangreiche Bernstein-Sammlung zu sehen. Den Grundstock bekam das Museum vom Zürcher Sammler und Bernstein-Kenner Willy Kohler, der in einem Vierteljahrhundert viele der wertvollen Stücke gekauft oder direkt auf Fundstellen erstanden hatte. Die Ausstellung zeigt sowohl typische Bernsteine als auch sehr seltene Exemplare. In diversen Steinen sind alte Tiere eingeschlossen, andere haben aussergewöhnliche Farben: Bernsteine können nicht nur honiggelb schimmern, sondern auch weiss, rot, schwarz oder bläulich. 

Durch die  Ausdünstung verschiedener Stoffe veränderte sich die  chemische Zusammensetzung des Harzes im Laufe der Zeit. Bei diesem Prozess vernetzten sich die Moleküle des Harzes, wodurch es sich immer mehr verfestigte und die Eigenschaften des Bernsteins annahm, wie wir ihn kennen. Dazu zählen seine Brennbarkeit und seine enorme Leichtigkeit – er schwimmt im Salzwasser – und die elektrische Aufladbarkeit. Die Vorstufe des Bernsteins nennt man Kopal. Er ist nur wenige Jahrzehnte bis Jahrzehntausende alt. Bei ihm ist das Harz noch nicht vollständig frei von seinen flüchtigen Bestandteilen, und seine Moleküle sind noch nicht komplett vernetzt.

Bernstein kann in vielen Ländern gefunden werden. Besonders wichtige Fundorte in Europa sind das Baltikum und Bitterfeld (Ostdeutschland), weltweit unter anderem Myanmar, Libanon, Indien, Nordamerika und die Dominikanische Republik. Der Bernstein, der an diesen Orten gefördert wird, ist unterschiedlich alt. Während der Baltische und der Bitterfelder Bernstein etwa 40 bis 45 Millionen Jahre alt sind, lebten die Tiere des Dominikanischen Bernsteins noch vor rund 20 bis 25 Millionen Jahren. Bernstein aus Myanmar und dem Libanon ist stolze 100 bis 125 Millionen Jahre alt. Vor Kurzem wurden zum ersten Mal sehr alte Gliederfüsser aus dem Bernstein der Dolomiten in Italien beschrieben. Es handelte sich dabei um winzige Vorfahren der heutigen Gallmilben. Dieser Bernstein hat ein Alter von 230 Millionen Jahren. Der älteste gefundene Bernstein hingegen entstand vor 320 Millionen Jahren. Bisher wurden darin aber keine tierischen Einschlüsse entdeckt.

Es sind sogar Geckos gefunden worden
Die Zeugnisse des Lebens im Bernstein sind fantastisch. Die Insekten, Spinnen und anderen Krabbler sind bis ins kleinste Detail erhalten und können von Zoologen problemlos in den Stammbaum des Lebens eingeordnet werden. Zahlreiche Pilze, Wimpertierchen und andere Kleinstorganismen, die nur unter dem Mikroskop erkennbar sind, konnten bereits nachgewiesen werden. Aber auch   grössere Tiere wie Skorpione, Gottesanbeterinnen, Hundertfüsser und sogar Geckos überdauerten im goldenen Sarkophag.

Oftmals geben die Einschlüsse auch Einblicke in das Verhalten der Tiere. Beispielsweise wurden aus dem Bernstein Paarungen von Insekten beschrieben und Spinnennetze für die Ewigkeit konserviert. Es gibt gar Belege dafür, dass die kleinen Bücherskorpione sich bereits vor Jahrmillionen an Fliegen und anderen Gliederfüssern festhielten, um so per Taxiservice «kostenlos» zu reisen.

Viele der Tiere in Bernstein spielen eine grosse Rolle in der Erforschung der Evolution des Lebens auf der Erde. Wenn eine Fliege im 100 Millionen Jahre alten Bernstein einer noch heute lebenden Fliegengruppe zugeordnet werden kann, dann ist dies ein Beweis dafür, dass diese Gruppe seit jener Zeit existiert. Gottesanbeterinnen in Bernstein zeigen, wie die Evolution dieser Insekten abgelaufen sein muss. Bernsteinfossilien ermöglichen uns einen Blick durchs Fenster der Vergangenheit, und zusammen mit dem Wissen über die heutigen Tiere können Forscher so Wissenslücken schliessen.

Mittels modernster Technik werden heute Bernsteintiere rekonstruiert
Doch nicht immer ist das Fenster glasklar. Der Bernstein ist häufig trüb oder verlumt (weisslich und undurchsichtig geworden), einerseits durch eingeschlossene Schmutz-partikel, andererseits durch bei der Verwesung des Organismus ausgetretene Gase und Abbauprodukte. Oft schaut dann nur noch die Spitze eines Spinnenbeinchens oder der Schattenriss einer Wespe aus dem trüben Stein hervor. Moderne Technik macht es jedoch möglich, auch solchen Stücken ihre Geheimnisse zu entlocken. Mit der Röntgenmikrotomografie werden sie mit stark gebündelter Röntgenstrahlung beschossen. Das Ergebnis sind Tausende von Schnittbildern, aus denen das ganze Tier im Computer wieder zusammengesetzt werden kann. Dank der Technik können die Tiere aus dem Bernstein mit jedem Detail rekonstruiert werden – wenn vorhanden sogar einschliesslich ihrer inneren Organe! Aus den Computerdaten können dann in 3D-Druckern die Tiere in Übergrösse ausgedruckt und studiert werden: Wirklichkeit gewordene Science-Fiction.

Nicht nur seine wissenschaftliche Bedeutung macht Bernstein beliebt und berühmt. Auch seine ästhetische Seite spielt eine grosse Rolle. Bernstein wird aufgrund seiner wunderschönen, goldenen Farbe seit etwa 13 000 Jahren als Schmuck verwendet, wie Funde aus dem Baltikum zeigen. Die zurechtgeschliffenen Steine werden als Ringe, Ketten oder Broschen getragen. Die Faszination ging so weit, dass zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Auftrag des Preussenkönigs Friedrich I. im Berliner Stadtschloss das Bernsteinzimmer entstand, dessen Wandverkleidung aus dem goldenen Harz der Urzeit gefertigt wurde.

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