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Tierwelt 05/2014

Den Kriminalromanen nach bis zum Witzweg

Unterhaltung | Donnerstag, 30. Januar 2014 07:30, Text und Bilder: René P. Moor

Das Appenzellerland ist ein wahres Winterwander-Mekka. Die Mischung aus Hügeln, Einzelhöfen und stilvollen Dörfern bietet unzählige Möglichkeiten. Zwei davon sind hier vorgestellt.

Das zwischen Bodensee und Alpstein eingeklemmte Hügel-Ambiente des Appenzellerlandes hat es mir seit Beginn meiner Wanderkarriere angetan. Die Gegend mit ihren Hunderten von Einzelhöfen und Dutzenden von unverhofft auftauchenden Beizen inspiriert auch Schriftsteller immer wieder zu literarischen Ergüssen. Bei Schnee verwandelt sich die Landschaft in einen wohltuenden Sehrausch. Ich pflichte daher Peter Eggenberger bei, wenn er in seinem Kriminalroman «Tod eines Wunderheilers» das Appenzeller Hügelkonglomerat als «Heillandschaft» tituliert. Bestes Beispiel dafür bieten die zwei Kurzwanderungen von Trogen AR nach Heiden AR und von Heiden nach St. Margrethen SG.

Ein wenig schmeichelhaft ist sie schon, die Bezeichnung S21 für das Bähnchen. «S» steht für Stadtbahn, diese führt in einer knappen halben Stunde vom St. Galler Hauptbahnhof um den halben Altstadtkern herum. Hernach quietscht sich das Züglein um etliche Ränke ins appenzell-ausserrhodische Trogen hoch. Hier, im Hotel-Restaurant Krone, spielt Ulrich Knellwolfs Kriminalroman «Klassentreffen».

Kühe aus Polyester und Zwergziegen aus Fleisch und Blut säumen den Weg

  Karte: Reproduziert mit Bewilligung von swisstopo (JM100011)

Für einen Krone-Abstecher ist es indes noch zu früh. Stattdessen stosse ich die schwere Holztür zur reformierten Kirche auf, die sich im Innern – rein optisch – ziemlich katholisch gibt. Ein spätbarocker Schmuckbau, an dem sich das kunsthistorisch beflissene Auge sattsieht. Wenige Minuten später stapfe ich in einem Tobel der Goldach entlang. Kein Laut weit und breit. Nun hat mich die beruhigend wirkende Landschaft voll im Griff. Nach Verlassen des Einschnitts gewinne ich gegenüber dem Dorf Wald rasch an Höhe. Zwischen den Atemzügen erinnere ich mich an Jon Durscheis Kriminalroman «Mord über Wald AR» und freue mich auf die baldige Ankunft in der Rütegg. Hier ist der Orte-Verlag zu Hause und mit ihm der Schriftsteller und Verleger Werner Bucher. In seinem Verlag sind die bislang acht Durschei-Krimis erschienen. In der Rüt­egg lässt sich zudem einkehren. Der genannte Krimi handelt zum Teil hier, aber auch in Trogen und Heiden.

Zwei schwarz-weiss gescheckte Polyesterkühe stehen schneebedeckt vor dem Appenzellerhaus. Ein paar Zwergziegen gehen auf ihrem Trampelpfad in Einerkolonne auf und ab. Ich ziehe den Kopf ein und schaue, dass ich in die Wärme komme. Zwei kleine Gasträume, hinter einer Fensterwand das Verlagsbüro. Bedient werde ich von Irene Bosshart, Werner Buchers Ehefrau. In der Ecke steht eine Musikbox. Ich wähle «Living next Door to Alice» von Smokie, John Lennons «Imagine» und als passenden Kontrapunkt «Berewegge, Chäs und Brot», intoniert von der Kapelle Alderbuebe. Bevor ich den gemütlichen Ort verlasse, drehe ich eine Runde im Verlagslokal, wo die Bücher nicht nur in die Hand genommen, sondern auch gekauft werden können, als Lektüre für den Hotel­abend oder die Heimfahrt, zur geistigen Untermalung dieser Wanderung.

Von Heiden aus bietet sich die Chance, den Appenzeller Humor kennenzulernen
Vom Bischofsberg, dem kleinen Skigebiet des Luftkurortes Heiden, schallt fröhliches Kindergeschrei herüber. Vor mir die weissen Dächer des 4000-Seelen-Dorfs, dahinter, im Nebeldunst, die Ansätze des Bodensees. Der Molke verdankte Heiden ab Mitte des 19. Jahrhunderts den Aufschwung zu einem der damals berühmtesten Kurorte Europas. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs war das Ende der Hochblüte jedoch besiegelt. Der berühmteste Kurgast war übrigens Henry Dunant, Gründer des Roten Kreuzes. Von 1892 bis zu seinem Tode 1910 verbrachte er im Bezirksspital seinen Lebensabend. Die Sicht auf den Bodensee schätzte Dunant auf seinen Spaziergängen sehr. Der Anblick erinnerte den gebürtigen Genfer an den Lac Léman.

Anderntags verlasse ich Heiden, nicht ohne den ersten Appenzeller Witz des hier beginnenden Witzweges zu lesen: «De Füsilier Storzenegger häd ase schuuli schlächt gschosse. De Oberlütnand bröleten aa: ‹Hee, Storzenegger, wohee schüsseder?› ‹I ha kä Aani, i bi nöd vo däre Gegend›, geed de Storzenegger zor Antwort.» 

Wie bereits in Trogen lasse ich den heutigen Ausgangsort im Nu hinter mir, sauge die märchenhaft anmutende Winterlandschaft in mich auf, durchstreife kurze Waldabschnitte, gelange an verlassenen Gehöften vorbei und überquere gar die Grenze zum Kanton Appenzell Innerrhoden. In Blatten steht auf einer aussichtsreichen Geländekante das Restaurant Sonne. Zeit für einen Kaffeehalt – Zeit, den Blick über die Vorarlberger Alpenwelt zu streifen.

Hinter der Sonne steigt der Weg an zum höchsten Punkt der Route. Hoch über dem topfebenen Rheintal lenke ich meine Schritte der Meldegg entgegen, wo Jon Durschei einen weiteren Kriminalroman angesiedelt hat, biege jedoch in Wilen links ab, um über den Schäflisberg nach St. Margrethen und damit vom Innerrhodischen ins Ausserrhodische und anschliessend in den Kanton St. Gallen zu wechseln. Wie nahe der österreichische Nachbar ist, verdeutlicht am Bahnhof ein moderner Triebwagenzug mit der Aufschrift «S-Bahn Vorarlberg». Trotzdem zieht es mich wieder zurück in den Westen, gestärkt von der Heilwirkung der Appenzeller Hügel.

Zur Nachahmung empfohlen

Beide Etappen sind durchgehend ausgeschildert und zu jeder Jahreszeit begehbar, bei entsprechenden Verhältnissen sogar mit Schneeschuhen. Trogen – Heiden: 10,8 km. Aufstieg: 420 m. Abstieg: 530 m. Dauer: 3 – 4 Std. Heiden – St. Margrethen: 11,8 km. Aufstieg: 345 m. Abstieg: 745 m. Dauer: 3½–4¼ Std. Karten: 1075 Rorschach, 1076 St. Margrethen, 1095 Gais; 217 T Arbon, 227 T Appenzell. Einkehren: Trogen, Rütegg (geöffnet Freitag bis Montag ab 11 Uhr, www.orteverlag.ch), Heiden, Blatten, Wilen, Schäflisberg, St. Margrethen. Übernachten: Hotels in Heiden (www.heiden.ch). Lektüre: Peter Eggenberger, Tod eines Wunderheilers, Verlag Appenzeller Volksfreund; Ulrich Knellwolf, Klassentreffen, Arche Verlag; Jon Durschei, Mord über Wald AR sowie War’s Mord auf der Meldegg?, beide Orte Verlag. Hin: Mit der Bahn bis St. Gallen, weiter mit der Bahn bis Trogen. Zurück: Mit der Bahn ab Heiden nach Rorschach bzw. mit dem Bus nach St. Gallen; ab St. Margrethen mit der Bahn Richtung St. Gallen oder Sargans.


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