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Tierwelt 08/2014

«Ich gehöre leider zu einer aussterbenden Rasse»

Nutztiere | Donnerstag, 20. Februar 2014 08:00, Jonas Baud

Ernst Vogel gehört zu den wenigen Wanderschäfern, die es in der Schweiz noch gibt. In den Wintermonaten ist er mit seiner Schafherde unterwegs – und das bei jedem Wetter.

Es ist klirrend kalt an diesem Wintermorgen in Neuenkirch LU, trotz der Sonne. Das Gras auf der Wiese glänzt silbern vom Reif. Und fast so weit wie das Auge reicht, stehen Schafe und Lämmer herum und fressen ruhig. «Es sind über 1100 Tiere, davon gehören 900 zu mir. Die anderen gehören befreundeten Schafhaltern, die mir die Tiere zum Hüten gegeben haben», sagt Wanderschäfer Ernst Vogel. 

Die Vielfalt der Schafe ist enorm: So hat es schwarze, weisse oder gescheckte, auch solche mit Hörnern. Es sind etwa 15 verschiedene Rassen, darunter das Walliser Schwarznasenschaf, das Weisse Alpenschaf und das Braunköpfige Fleischschaf, aber auch viele Kreuzungen. Trotz der riesigen Herde kann Vogel alle Schafe voneinander unterscheiden. «Jedes Tier hat individuelle Merkmale. Namen haben sie aber nicht», sagt er.

Der 47-jährige Luzerner beobachtet seine namenlosen Schützlinge aufmerksam. Er trägt wetterfeste Kleidung und einen für Hirten «obligaten» Filzhut. Von November bis März ist er jeden Tag und bei jedem Wetter draussen mit den Schafen unterwegs. Er zieht durch ein grosses Gebiet. Los geht’s von Vogels Wohnort Schwarzenberg, dann durch das Luzerner Mittelland bis zum Sempachersee und wieder zurück. «Das mache ich seit zehn Jahren so», sagt Vogel. «Ich liebe es, den ganzen Tag in der freien Natur zu sein.» 

Vogel ist als Wanderschäfer ein Exot
Die Tätigkeit als Wanderschäfer ist für Vogel auch finanziell eine gute Sache. «Wenn die Schafe über den Winter im Stall blieben, kämen hohe Futterkosten auf mich zu», sagt Vogel. Nur wenn der Schnee höher liegt als 30 Zentimeter, kann er nicht raus mit den Schafen. «Sie können sich dann nicht mehr zum Gras vorgraben», erklärt er. 

Als Wanderschäfer ist Vogel ein Exot. «Wir sind eine aussterbende Rasse, ich kenne nur etwa 15 andere, die das noch machen.» Zu ihm haben sich seine zwei Border Collies gesellt. Sie dienen nicht als Schutz-, sondern als Treibhunde und müssen die Schafherde von der einen Weide zur anderen treiben.

«Der Begriff Wanderschäfer ist etwas irreführend», erklärt Vogel. So seien viele Leute der Annahme, dass er mit den Schafen herumwandere. «Das tue ich zwar schon, aber nicht in dem Sinn, dass ich ständig in Bewegung bin.» Es gehe ja nicht darum, dass die Tiere wanderten, sondern dass sie sich sattfressen könnten. «Erst wenn eine Wiese schonend abgegrast ist, ziehen wir weiter.» 

Pro Tag ist er mit den Tieren etwa acht Stunden unterwegs. Es ist Vogel sehr wichtig, dass seine Tiere stets frisches Gras bekommen. «Sie brauchen etwa drei bis fünf Kilo pro Tag», sagt er. Zu trinken brauchen die Schafe übrigens nichts, erzählt Vogel. «Sie können, so wie Kamele, Flüssigkeit konservieren. Sie brauchen erst etwas zu trinken, wenn es warm wird.» Laut dem Hirten lieben es die Schafe, wenn es kalt ist. Sie hätten selbst bei minus 20 Grad keine Probleme. 

Exklusive Angebote als Zusatzverdienst
Weiden dürfen die Schafe überall. Die Bauern muss er dafür nicht um Erlaubnis bitten. «Hirten dürfen die Wiesen im Winter gemäss altem Recht nutzen», sagt Vogel. Der Wanderschäfer legt aber grossen Wert darauf, mit den Bauern eine gute Beziehung zu pflegen. 

Viel zu tun geben die Schafe nicht. Gelegentlich muss Vogel die Klauen der Tiere schneiden und desinfizieren, um Krankheiten vorzubeugen. Das Schafscheren überlässt er einem Profi. Vogel kümmert sich aber nicht nur um Schafe, sondern oft auch um menschliche Gäste: Naturliebhabern bietet er an, ihn einen Tag bei seiner Arbeit begleiten zu können. «Es läuft gut», erzählt Vogel: «An mindestens einem Tag in der Woche kommt eine Einzelperson oder eine Gruppe mit.» Es ist auch möglich, die Patenschaft für ein Lamm zu übernehmen. Mit beiden Angeboten verdient sich Vogel einen netten Zusatzbatzen.

Auf einmal taucht aus der Herde eine Eselin auf. Sie heisst Chiara und dient als Trägerin. Zu ihren Lasten zählt auch der «Nachtpferch», ein Spannnetz, mit dem Vogel jeweils abends die Schafe einhagt. «Damit die Schafe auch drin bleiben, lade ich den Pferch elektrisch auf», sagt er. Verloren geht aber nie ein Tier. «Die Herde bleibt immer schön zusammen», sagt er schmunzelnd. Probleme gebe es nur mit frei laufenden Hunden. «Sie haben auch schon einige Schafe gerissen», sagt Vogel. Angriffe von Wildtieren wie Wölfen oder Luchsen seien bisher glücklicherweise ausgeblieben.

Vogel ist zwar tagsüber bei den Schafen, schläft aber nicht draussen, sondern fährt jeweils nach Hause zu seiner Familie in Schwarzenberg LU. Er hat eine Frau und zwei Töchter. Und ausserdem besitzt er noch 300 Mastschweine, die er morgens und abends betreut. 

Vogel wünscht sich mehr Goodwill
Der Verkauf von Fleisch ist Vogels Haupteinnahmequelle. Neben den Säuen lässt er vor allem Lämmer schlachten. Er hält nur Fleischschafe – Schafkäse oder Schafmilch gibt es bei ihm daher nicht. Sein Fleisch verkauft er direkt ab Hof und in Lebensmittelläden. Zufrieden ist er aber nicht ganz. «Leider verkaufen Grossverteiler unser Fleisch zu wenig, weil sie mit importierter Ware mehr Gewinn herauswirtschaften», sagt Vogel. Er ist auch Präsident des Schafhaltevereins Luzern und setzt sich für die lokale Produktion ein. «Diese Firmen reden immer davon, wie sie uns unterstützen wollen. Davon merke ich aber nicht viel.» Generell würde er sich mehr Goodwill wünschen, auch vom Staat. «Ich erhalte zwar Subventionen, werde aber auch sehr oft kontrolliert.» 

Dennoch übt Vogel seinen Beruf weiterhin mit grosser Begeisterung aus. «Ich will Wanderschäfer bleiben, solange ich kann.» Bis Mitte März ist er noch unterwegs. Im Sommer kommen die Schafe auf eine Alp in der Nähe von Andermatt. «Ich engagiere für diese Zeit jeweils zwei Hirten», sagt er. Er fährt trotzdem gelegentlich hoch, um zu kontrollieren, ob alles in Ordnung ist. Ausserdem schaut Vogel im Sommer zu seinem Landwirtschaftsbetrieb – im November beginnt dann die nächste Schaftour.

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