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Andreas Hutter, Abenteurer

«Menschen machen Orte zu etwas Besonderem»

Unterhaltung | Donnerstag, 7. August 2014 07:30, Helen Weiss

Der Luzerner Andreas Hutter ist weder ein  Survival-Spinner noch Extremsportler. Vielmehr lockt ihn das Abenteuer, wenn er unberührte Landschaften durchquert und fremde Kulturen besucht.

Er kämpft sich durch zerklüftete Gletscherwelten, den pausenlos heulenden Wind und über ausgetrocknete Salzseen. Während manche andere – die Schreibende inklusive – schon bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt über kalte Füsse klagen und sich über jeden kleinen Mückenstich enervieren, ist der Abenteurer Andreas Hutter richtig hart im Nehmen. 

Mit dem Kanu paddelt er durch reissende Wildwasser, treibt mit argentinischen Gauchos Rinder durch die Pampa und überquert bei Wintereinbruch das «Todesgebirge» in Patagonien. Kein Wunder also, kennt die Begeisterung für die Leistungen dieses modernen «Indiana Jones» kaum Grenzen. «Alles halb so wild», winkt Andreas Hutter lächelnd ab. «Mit anderen Abenteuerreisenden verglichen, sind meine Touren eher bescheiden.»

Trotzdem, betrachtet man die Fotos in seinem neusten Buch «Der Abenteurer», kommt man nicht aus dem Staunen heraus. Da steht er etwa dick vermummt auf dem Hundeschlitten, sitzt mit schwerem Schaffellmantel auf einem alten Motorrad oder posiert zufrieden auf dem Gipfel des Sechstausenders Huascaran. Es ist die Faszination für Berg­steigen, Expeditionen und Extremkajaksport, die ihn antreibt. Kein Berg ist ihm zu hoch, kein Fluss zu wild, keine Herausforderung zu gross.

Vom Reisefieber gepackt
Sein Interesse für Abenteuer in fremden Ländern beginnt früh: Schon als Kind liest Hutter begeistert die Reiseberichte seiner Vorbilder Rüdiger Nehberg und Reinhold Messner. 1985 führt ihn seine erste Tour durch Korsika. Er erwanderte das korsische Hochgebirge auf dem Fernwanderweg GR20 – selbstverständlich im Winter bei meterhohem Schnee, schliesslich wäre die anspruchsvolle Route im Sommer nicht Herausforderung genug gewesen. «Ich schaffte nur die Hälfte der Querung, habe dafür aber viele kostbare Erfahrungen gesammelt», sagt Hutter. 

Die erste Expedition hat die Lust auf mehr geweckt und in den nächsten Jahren geht es in ähnlicher Manier weiter: Zu Fuss durch den Sarek-Nationalpark in Nordschweden, mit dem Velo durch Nordafrika, per Kanu durch Westkanada, mit den Steigeisen auf die Gipfel Ecuadors und mit Maultieren durch Peru. 

Zwischen seinen Reisen arbeitet der gelernte Elektrotechniker immer wieder in der Schweiz, bis er genügend Geld zusammenhat, um die nächste Tour zu starten. «Ich habe damals sehr einfach gelebt, doch das machte mir nichts aus, denn ich sparte, um meine Träume zu verwirklichen», erinnert sich der Luzerner. Beim Paddeln auf dem Big Salmon River im Yukon-Gebiet lernt Hutter den österreichischen Abenteurer Franz Six kennen – eine Begegnung, die ihn prägt. Hutter ist begeistert, dass es Six geschafft hat, von seinen Abenteuern zu leben, denn dieser verdient sein Geld durch Diavorträge über seine Reisen. Six wird zum Freund und Mentor für Hutter und gemeinsam mit dem Abenteurer Toni Stalder brechen sie im Februar 1990 zu einer Hundeschlittenexpedition durch das Yukon-Territorium auf. Bei minus 50 Grad kämpfen sich die drei Männer durch Schnee und Eis und treffen nach über drei Monaten und 1500 Kilometern an ihrem Zielpunkt ein. 

Literaturtipps

Andreas Hutter, «Der Abenteurer», Verlag: Explora Verlag 2011, Fr. 38.–

Andreas Hutter & Veronika Mesarosch, «Abenteuer Mongolei. Zu Pferd durch das Land Dschingis Khans», Verlag: Neumann-Neudamm Verlag 2005, Fr. 28.90. 

Die beiden Bücher können direkt unter  www.andreashutter.ch bestellt werden:

Auch ein dankbarer Heimkehrer
Diese Erinnerung ist Andreas Hutter besonders kostbar, denn nur einige Jahre später verunglückt Franz Six bei einer Steilwandskiabfahrt in den Bergen tödlich. Fest entschlossen, die gemeinsam geschmiedeten Pläne trotzdem zu verwirklichen, kündigt Hutter seinen Job endgültig und finanziert sich seine Reisen künftig mit Filmen, Fotografieren und Schreiben. Er erfüllt sich damit einen Traum, den viele Reisebegeisterte hegen. «Es ging mir wie allen andern, die sich einen Traum verwirklichen. Man muss immer weitermachen und an sich glauben», meint Hutter rückblickend. 

Das Leben in unberührter Natur, die Suche nach Abenteuer ziehen Hutter immer wieder fort. «Das Leben draussen ist klar und einfach. Probleme werden Schritt für Schritt angegangen und gelöst», beschreibt er seine Faszination. Wer sich Hutter nun als wortkargen Aussteiger mit verbissenem Ehrgeiz vorstellt, hat weit gefehlt. Vielmehr ist er ein humorvoller Erzähler, ein begeisterter Reisender und ein dankbarer Heimkehrer, der in seinem Leben immer wieder beides benötigt – das Wilde und das Kultivierte, das Einfache und das Komplexe. «Aussteigen wollte ich nie, das Leben in der Wildnis wäre mir zu eintönig», sagt Hutter. Es ist die Abwechslung, die den Reiz für ihn ausmacht. Das Vorankommen unter schwierigen Umständen – in der Natur, aber auch in der Zivilisation.

Dabei reist er immer mit leichtem Gepäck. Ein Schlafsack ist der einzige Luxus, den er sich leistet. «Auf meinen Touren merke ich, wie wenig man zum Leben braucht», sagt Hutter. Gleichzeitig wird ihm beim Durchqueren ärmerer Gebiete auch bewusst, in welchem Luxus er in der Schweiz lebt. «Diese Relation ist mir geblieben und hilft mir noch heute im täglichen Leben.» 

Neuer Lebensabschnitt
Mit den Jahren folgen Expeditionen in den Himalaja, nach Patagonien und durch die Mongolei. Während er in den ersten Jahrzehnten vor allem neue Gebiete erforscht, zieht es ihn später immer wieder zurück in bekannte Gefilde. «Schöne Landschaften gibt es überall. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es die Menschen sind, welche für mich den Ort zu etwas Besonderem machen», sagt Hutter. Der Kontakt zu Einheimischen ist ihm wichtig – zum Teil entstanden Freundschaften. «Meine mongolischen Freunde sehe ich regelmässig, denn ich organisiere jedes Jahr ein Trekking durch die Steppen der Mongolei.»

Inzwischen haben sich seine Reiseziele etwas verändert: Heute ist Hutter mehrheitlich mit seiner Familie unterwegs, «und meinem sechsjährigen Sohn ist Fussball spielen wichtiger als eine Wanderung durch die Wildnis», meint der 49-Jährige schmunzelnd. Seit 2001 ist Hutter zudem Inhaber der Event­agentur «explora.ch», der in der Schweiz führenden Plattform für Reise-, Abenteuer- und Expeditionsvorträge. «Ich bin glücklich in diesem neuen Lebensabschnitt», sagt er. Ab und an träumt er aber wieder davon, ein ganzes Jahr unterwegs zu sein. «Die Möglichkeit, die Sachen zu packen und loszuziehen, besteht immer», sagt Hutter. «Und das genügt mir vorerst.» 

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