Sie sind hier: TierweltAktuell

Porträt

Der Sherlock Holmes der Rebberge

Natur & Umwelt | Donnerstag, 4. September 2014 08:00, Ruedi Weiss

Mehr als 60 Traubensorten wachsen in den Rebbergen des Tessiner Winzers Stefano Haldemann. Einige von ihnen hat er selber wieder entdeckt und vor dem definitiven Verschwinden bewahrt.

Seit Jahren sucht er sie. Stefano Haldemann geht für sie über Stock und Stein. Aber sie scheint unauffindbar, die anscheinend ausgestorbene weisse Rebsorte «Bondola bianca». Doch trotz jahrelanger erfolgloser Suche ist der 52-jährige Winzer fest davon überzeugt, dass diese alte Rebsorte irgendwo in dieser Region noch existiert, aber eben: wo?

Haldemann bewirtschaftet seit über 25 Jahren in Minusio und in Brione oberhalb Locarno Rebberge. Unterdessen sind es auf insgesamt fünf Hektaren 17 Weinberge mit über 60 verschiedenen Trauben­sorten. Darunter auch Sorten, die lange Zeit als ausgestorben galten, bis sie Haldemann neu entdeckte. Zu den alten Sorten gehören zum Beispiel die «Marchisana rossa» und vor allem die «Bondola rossa», die einzige autochtone, also einheimische, alteingesessene Tessiner Sorte. Gefunden hat der Rebsorten-Detektiv aber auch alte Sorten, deren Herkunft und Namen er nicht verifizieren konnte.

In einem Hilfsjob die Berufung gefunden
Die «Bondola rossa» wächst und gedeiht nur im Tessin – sonst nirgendwo auf der Welt. Und hier im Tessin nur nördlich des Monte Ceneri, im wenige Kilometer entfernten Sottoceneri bereits nicht mehr, denn die «Bondola rossa» benötigt leichte, sandige Böden, andernfalls wird sie zu gross und gibt keinen guten Wein. Neben alten Sorten finden sich in Haldemanns Rebbergen aber auch gängige Sorten wie Merlot, Sauvignon, Sémillon oder Chardonnay. Daraus produziert er unter Beimischung von alten Sorten rund 10 000 Liter Wein pro Jahr.

«Schon als Kind liebte ich die Natur und spielte oft am Seeufer in Minusio oder habe in den Bolle di Magadino Vögel beobachtet», erinnert sich Haldemann. Als seine Eltern in den Hügeln oberhalb von Minusio ein Haus bauten und er als Jugendlicher die Gelegenheit erhielt, beim benachbarten Weinbauern mitzuhelfen, wusste er, dass er einmal dasselbe tun wollte. Nach der Matura und einem zweijährigen landwirtschaftlichen Praktikum besuchte er die Fachhochschule für Weinbau und Önologie in Changins. Danach pachtete er ein Stück Land und eröffnete seine erste kleine Kelterei.

Haldemanns Interesse für alte Rebsorten entstand während der Arbeit in den Weinbergen, die er von Bauern übernahm, die den Weinbau aus Altersgründen aufgaben. Meistens handelte es sich um sehr alte Rebberge, deren Stöcke erneuert werden mussten. «Darunter fand ich hin und wieder auch Sorten, die mir besonders auffielen», erklärt der «Rebsorten-Retter». Es  reute ihn, sie einfach auszureissen und durch ergiebigere Sorten zu ersetzen. So begann er, davon junge Triebe auf lebhafte Stöcke aufzupfropfen, um die Sorte zu retten und wieder zu vermehren.

 Die Sorte Bondola rossa gibt herben Wein.
 Bild: Ruedi Weiss

Das kleine Projekt wurde immer grösser
«Mit der Zeit sprach sich herum, dass ich seltene Sorten sammle», erklärt der Winzer. «Meine Winzerkollegen informierten mich jeweils, wenn sie glaubten, im eigenen Rebberg etwas Besonderes entdeckt zu haben.» Sogar in seiner Freizeit, wenn Haldemann Streifzüge und Wanderungen durchs Tessin unternimmt, wirft er immer wieder sein «klinisches Auge» auf alle Weinberge, an denen er vorbeikommt.

Was im Kleinen in Haldemanns Rebbergen begann, erhielt immer grössere Beachtung. Zugute kam ihm, dass Anfang 2005 das «Projekt Nationales Aktionsprogramm zur Erhaltung der seltenen Pflanzensorten» startete und er mit seinen alten Rebsorten mit einbezogen wurde. Das Projekt wurde vom Bundesamt für Landwirtschaft unterstützt und hat zum Ziel, die Artenvielfalt von Wildpflanzen und von kultivierten Pflanzen zu fördern und zu erhalten. Vor wenigen Jahren begann auch die Zusammenarbeit von Haldemann mit ProSpecieRara; dort ist er als Sortenbetreuer tätig.

Bei öffentlichen Führungen zeigt Stefano Haldemann gerne die alten, wieder entdeckten Rebsorten. Ein Lebenstraum ginge für ihn in Erfüllung, wenn er seinen Gästen dereinst endlich auch die Sorte «Bondola bianca» zeigen könnte. Deshalb ist der Winzer weiterhin auf der Pirsch. Denn irgendwo, davon ist Haldemann überzeugt, muss die «Bondola bianca» noch wachsen.

Kommentar schreiben


Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen, als Leserzuschriften im Heft abzudrucken oder auf die Publikation zu verzichten.

Galerien Alle Galerien