Sie sind hier: TierweltAktuell

Share

Reisen

Die Wappentiere von Malawi sind wieder zu Hause

1 Kommentare Wildtiere | Donnerstag, 5. März 2015 09:00, Winfried Schumacher

Der afrikanische Kleinstaat Malawi träumt von einer Zukunft als Safariland mit Löwen und Leoparden. Einst galten die Raubkatzen als ausgerottet. Nun sind sie wieder zurück.

Autopanne im Löwenrevier. Unheimliches Schweigen liegt über der Savanne. Samuel Chihana, der einheimische Safari-Guide, schraubt am Rad mit dem platten Reifen. Eben noch hatte er erzählt, dass vor Kurzem genau hier in der Gegend Löwen einen Büffel erlegt hatten. Er hat sie vor ein paar Stunden ganz in der Nähe geortet. Eines der Tiere trägt einen Sender. Die afrikanische Sonne versinkt goldrot im Dickicht. Über den Amarulabäumen verfärbt sich der Himmel in ein milchiges Rosé. Wir warten darauf, dass jemand einen zweiten Ersatzreifen bringt. Ohne fünftes Rad ist eine Safari zu riskant.

Mit der hereinbrechenden Dämmerung kriecht ein leichter Schauer über die verschwitzten Schulterblätter. Die Löwen. Der lahmgelegte offene Geländewagen. Einbruch der Dunkelheit. Wieder kein Funksignal. Warum schweigen die Steppenvögel? Bewegt sich da etwas hinter der Buschgruppe? Der Guide lächelt entspannt. «Keine Sorge, Raubkatzen greifen nie wahllos Menschen an. Sie haben hier genügend Beutetiere.»

Ausrottung und Wiederansiedelung
Noch vor zwei Jahren wäre eine Szene wie diese in Malawi fast undenkbar gewesen. Die Löwen galten bis auf wenige Einzeltiere landesweit als ausgerottet. Malawi hatte eines seiner Wappentiere verloren. Genauso wie seine Nashörner und eine Reihe anderer Grosstiere, die vor Jahrzehnten noch häufig waren in dem kleinen Land zwischen Tansania, Sambia und Mosambik.

1955, bei Gründung des Majete-Schutzgebiets, etwa drei Stunden südlich des Malawisees, war die Gegend noch berühmt für ihre grossen Büffel- und Elefantenherden. Durch andauernde Wilderei wurden die Bestände vor allem seit den 80er-Jahren stark dezimiert. Um 2000 waren in Majete fast alle Grosswildarten ausgerottet. Wildhunde, Löwen und Nashörner waren bereits vor Jahrzehnten verschwunden. Leoparden, das zweite Wappentier, wurden zuletzt 1986 beobachtet. Die letzten Elefanten fielen Anfang der 90er-Jahre Wilderern zum Opfer.

Endlich tauchen in der Ferne die Scheinwerfer eines Geländewagens auf. Mitarbeiter der nahen Lodge bringen den neuen Ersatzreifen. Die Pirschfahrt kann weitergehen. Mit einem Starklichtstrahler tastet Chihana die umliegenden Buschgruppen ab. In der Nacht wird Majete erst richtig lebendig. Eine Ginsterkatze huscht durch den Lichtkegel. Ein Stachelschwein verschwindet flugs im Unterholz. Direkt am Wegrand ist eine Elefantenfamilie laut schmatzend beim Nachtmahl. Der Guide möchte sie nicht blenden. Überall sind Gruppen von Antilopen unterwegs. Sie scheinen die nahen Löwen nicht zu wittern.

«Die meisten Tiere, die wir hier sehen, wurden vor Jahren wiedereingeführt», erzählt Chihana, «bevor das Schutzgebiet wiedereröffnete, waren nur noch ein paar Kudus, Buschböcke und Ducker übrig.» 2003 entschied die Regierung von Malawi, das einstige Naturparadies wiederzubeleben. African Parks, eine von multinationalen Naturschützern und Geschäftsleuten gegründete Non-Profit-Organisation, wurde zum wichtigsten Partner für ein 25-jähriges Projekt. Sie liess 142 Quadratkilometer zum Schutz vor Wilderern umzäunen und mehr als 2500 Grosstiere auswildern: vor allem Elefanten, Zebras und mehrere Antilopenarten. Die Tiere wurden aus Sambia, Südafrika und dem Liwonde-Nationalpark herbeigeschafft. Die Umsiedlung kostete mehr als 2 Millionen Franken.

Seit 2012 hat Majete seine Big Five zurück. Über 200 Elefanten, 300 Büffel und sieben Spitzmaulnashörner wurden per Lastwagen angekarrt. 2011 waren vier Leoparden ausgesetzt worden, zwei weitere kamen später hinzu. Im Juli 2012 wurden drei Löwen aus dem Pilanesberg-Nationalpark in Südafrika ausgesetzt. «Die Big Five ziehen immer mehr Touristen an», sagt Chihana, «vor allem Ausländer, aber auch Einheimische. Die meisten Malawier haben nie einen Löwen oder Leoparden gesehen. Sie möchten, dass das Land wieder seine alte Tierwelt zurückerhält.»

Tiere schaffen Arbeitsplätze
«Löwen haben mehr als 75 Prozent ihres historischen Lebensraums eingebüsst», sagt Luke Hunter. «Viel davon ist wohl für immer verloren.» Seit Jahren forscht der Südafrikaner über Wiedereinführungsprojekte von Raubkatzen. Als Vorsitzender der Tierschutz-Organisation Panthera setzt er sich für den Schutz und die Wiedereinführung von Grosskatzen weltweit ein. «Der grösste Teil Malawis hat, wie viele Teile Afrikas, ein zu grosses Bevölkerungswachstum und einen enormen Viehbestand. Es wird zumindest zu meinen Lebzeiten wohl nicht mehr als Lebensraum für Löwen infrage kommen. Schutzgebiete wie Majete sind die Ausnahme.»

Wenn Majete längerfristig wieder zum Raubkatzenrevier werden will, kommt es darauf an, die ländliche Bevölkerung für den Naturschutz zu gewinnen. «Wesentlich für den Erfolg wird sein, die Wilderei von Beutetieren zu bekämpfen und den Konflikt mit Viehbesitzern einzudämmen», sagt Hunter. African Parks hat für mehr als 150 Einheimische Arbeitsplätze geschaffen. Mit Schulungsprogrammen und medizinischer Versorgung sollen die 19 umliegenden Gemeinden davon überzeugt werden, dass sich Artenschutz lohnt und Tourismus im Gegensatz zur Wilderei langfristig Einnahmen schafft.

Farbenprächtiges Taucherparadies
Malawi hat Potenzial, sich zu einem echten Geheimtipp zu entwickeln. Mit dem Malawisee verfügt das Land über eines der schönsten Badeziele des Kontinents. Der drittgrösste See Afrikas kann es mit seiner wilden Bergkulisse, versteckten Sandbuchten und verstreuten Felseninselchen an natürlicher Schönheit durchaus mit den Stranddestinationen im Indischen Ozean aufnehmen. Massentourismus gibt es hier nicht. Taucher schwärmen von der farbenprächtigen Unterwasserwelt. Mehr als 450 Fischarten machen den See zu einem der artenreichsten Süsswasserbiotope der Erde. Überfischung und Verschmutzung bedrohen jedoch zunehmend die Artenvielfalt. Seit 2012 reiche Öl- und Gasvorkommen unter dem See entdeckt wurden, fürchten Naturschützer um die Zukunft des Biotops. Ökotourismus könnte eine echte Alternative zu Fischfang und Plünderung der Rohstoffe für die bitterarme Landbevölkerung sein.

Naturschutz-Initiativen wie das Majete-Projekt zeigen, dass nur eine intakte Umwelt auch Touristen anlockt. «Einige Gebiete Malawis könnten sogar noch mehr Löwen aufnehmen als Majete», sagt Hunter, «es wird allerdings darauf ankommen, die Regionen langfristig vor Wilderern und Ausbeutung zu schützen.» Wiedereinführungen von Raubkatzen in Südafrika zeigen, dass diese sehr erfolgreich sein können. «Es gibt dort nun mehr als 40 Populationen, die auf ausgesetzte Löwen zurückgehen», sagt Hunter.

Samuel Chihana leuchtet weiter angestrengt in die Dunkelheit. Er hat es noch nicht aufgegeben, dass wir die Löwen von Majete zu Gesicht bekommen, vielleicht aber auch eines der Nashörner, die sich in der Nacht aus ihrem Versteck trauen. Für heute haben wir aber wohl einfach kein Glück. «Die Löwen haben sich wahrscheinlich an dem Büffel satt gefressen und liegen unbewegt im Busch», mutmasst der Guide sichtlich enttäuscht.

Plötzlich leuchten zwei rötliche Augenpaare am Wegesrand. Aufgeregt zeigt der Guide ins Dickicht. Zwei doggengrosse Schatten huschen durch den Scheinwerfer des Geländewagens. «Tüpfelhyänen!», flüstert Chihana, «Das Büffelkadaver und die Löwen sind nicht weit.»

Karte Malawi
Karte: Olinchuk/shutterstock.com

Anreise und Tipps
Mit Swiss, British Airways oder South African Airways und Air Malawi über Johannesburg nach Blantyre. Von Blantyre sind es etwa drei Autostunden bis ins Majete-Schutzgebiet. Der Veranstalter «Abendsonne Afrika» hat verschiedene Ziele in Malawi im Programm und verbindet Safaris in den interessantesten Schutzgebieten mit Badeaufenthalten am Malawisee.

Share

Kommentare (1)

Christian Steins am 10.03.2015 um 10:18 Uhr
Zusätzlich bietet Ethiopian Airlines eine gute tägliche Flugverbindung via Addis Ababa an.

Kommentar schreiben


Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen, als Leserzuschriften im Heft abzudrucken oder auf die Publikation zu verzichten.

Galerien Alle Galerien