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Etienne und Sébastien Francey: Naturfotografen

«Lieber ein gutes Mückenfoto als ein schlechtes Fuchsfoto»

Unterhaltung | Donnerstag, 12. März 2015 08:00,

Sie sind Zwillinge und sie teilen sich die Leidenschaft für die Naturfotografie: Mit 18 Jahren haben Etienne und Sébastien Francey für ihre Bilder bereits namhafte internationale Preise gewonnen.

Im Dorf Cousset im Freiburger Mittelland, wo die Zwillinge Etienne und Sébastien Francey mit ihren Eltern und dem jüngeren Bruder wohnen, läuft auf den ersten Blick nicht viel. Doch das ist eine Frage der Perspektive – und in Sachen Perspektive sind Etiennne und Sébastien Spezialisten, beide fotografieren auf professionellem Niveau. Die Felder und Wäldchen um ihr Haus sind voller Sujets, die ihnen schon vor die Linse kamen oder noch darauf warten, entdeckt zu werden.

Da tummeln sich zum Beispiel Hermeline, im Winter weiss und im Sommer braun behaart, für die meisten Spaziergänger bleiben sie unsichtbar. Doch Etienne hat vor zwei Jahren einen Kilometer von seinem Zuhause entfernt ein Foto eines solchen kleinen Marders geschossen, mit dem er eine grosse Auszeichnung gewann: den zweiten Platz in der Kategorie der 15- bis 17-Jährigen beim «Wildlife Photographer of the Year 2013», dem renommiertesten Naturfotowettbewerb der Welt.

Nebenbei belegte er mit einem Haselmausfoto gleich noch den vierten Platz. Und dies, obwohl er nie einen Fotografiekurs besucht hatte. Begonnen hatte er als Neunjähriger mit einer Videokamera, mit zehn erstand er dann seinen ersten Fotoapparat. Ein Jahr später begann auch Sébastien mit der Fotografie, und längst hat auch er eine Reihe von Preisen damit gewonnen.

Anschleichen im Tarnanzug
Vielleicht liegt ihnen dieses Hobby einfach in den Genen, zumindest ist der Grossvater leidenschaftlicher Astro- und Makrofotograf. Zwar fotografieren die Enkel im Gegensatz zu ihm digital, doch er konnte ihnen immerhin Tipps zum Umgang mit Objektiven geben und ihren Blick für die Natur schärfen. Oft nahm er sie in die Berge mit und erzählte ihnen über die Tiere, denen sie begegneten.

Inzwischen sind die Enkel selber zu Kennern der Natur geworden. Wenn sie auf halbem Weg zwischen ihrem Haus und dem Hermelinstandort einen zerstörten Ameisenhaufen sehen, wissen sie gleich, dass dies nicht das Werk von Menschen war. «Hier kommen die Vögel hin, um Ameisen zu fressen», sagt Sébastien. Es könnte sich hier also lohnen, sich mit der Kamera auf die Lauer zu legen.

Von einem Fotoausflug kehren sie jeweils mit Hunderten, manchmal mehr als Tausend Fotos nach Hause. «Häufig entstehen gegen Ende einer Serie die besten Fotos», sagt Etienne. Praktisch jedes Wochenende sind sie unterwegs, bei jedem Wetter. Unter der Woche mangelt es hingegen an Zeit, beide gehen in Payerne aufs Gymnasium, Sébastien spielt auch noch Tennis und probt zweimal wöchentlich mit der Dorfmusik, wo er Tuba spielt.

Besonders gerne steigt Sébastien auf den Jurafelskessel Creux-du-Van und legt sich in den Schnee, falls nötig stundenlang, bis die Steinböcke neugierig auf ihn zukommen. Wenn er Jagd auf besonders scheue Tiere macht, stellt er manchmal bereits am Vortag ein Zelt auf, in dem er sich auf die Lauer legen kann, oder er schleicht sich im Tarn­anzug gegen den Wind an. «Wenn ich fünfmal vergeblich nach einem Tier suche, ist das Erfolgserlebnis beim sechsten Mal umso grösser», erklärt er.

Ein eigenes Magazin
Etienne hingegen ist die Jagd nach buchstäblich flüchtigen Tieren etwas verleidet. «Ich mache lieber ein gutes Mückenfoto als ein schlechtes Fuchsfoto», sagt er. «Die Komposition ist mir wichtiger als das Sujet.» Im Wäldchen beim Hermelinstandort machte er letzten Herbst eine Serie von Pilzbildern. Mit einem Wassersprüher erzielte er auf den Fotos einen regenähnlichen Effekt. Seine Fotos sehen oft aus wie Gemälde – das ist kein Zufall, er zeichnet und malt auch auf hohem Niveau. Um beiden Leidenschaften Platz zu geben, will er nach der Matura die Kunstgewerbeschule in Lau­sanne in der Fachrichtung «Visuelle Künste» besuchen.

Einige Höhepunkte aus der Pilz- und der Steinbockserie sind in der Januarausgabe des Magazins «CH nature» zu finden. Dessen Herausgeber und Redaktoren: Etienne und Sébastien Francey. Seit der ersten Ausgabe – sie waren damals zehn – macht Etienne das Layout, die Inhalte tippten sie damals noch aus Fachbüchern ab. Längst füllen sie die sechs Mal jährlich erscheinenden 24 Seiten ausschliesslich mit eigenen Texten und Bildern. Der Abonnentenstamm ist von anfänglich zwei – der Mutter und der Grossmutter – auf zwischenzeitlich 460 angewachsen,  nun allerdings auf etwa 400 zurückgegangen. Die Einnahmen reichen trotz des Sponsorings durch die Garage des Vaters nur knapp, um den professionellen Druck zu finanzieren, zudem ist der Aufwand für  Administration und Versand gross. Deshalb werden die beiden das Heft per Ende 2015 nach vierzig Ausgaben einstellen. Schliesslich ist auch das Ende der Schulzeit absehbar, die Freizeit wird knapper werden und soll vornehmlich für die Fotografie reserviert bleiben.
Während Etienne 2016 die Matur machen wird, beginnt Sébastien bereits in diesem Sommer mit einem Praktikum als Kleinkindererzieher. «Wir schliessen es nicht aus, einmal von der Fotografie zu leben», sagt er, «doch der Zeitpunkt ist noch nicht da.» Der Verkauf von Postkarten, Postern und Abzügen ihrer Fotos bringt nicht mehr als ein Taschengeld ein. Sébastien hält es für sinnvoller, einen Beruf zu ergreifen, der ein wenig Freizeit für die Fotografie lässt. Doch vor dem Start des Praktikums fährt er erst mal in die Ferien, mit einem Freund und der Fotoausrüstung in einen Nationalpark in Norwegen, wo Moschusochsen leben.

Seinen bisher wichtigsten Preis hatte Sébastien im Jahr 2012 am Internationalen Tier- und Naturfotografiefestival im französischen Montier-en-Der gewonnen. Es ist das grösste Festival dieser Art in Europa, und für sein Foto eines Schwarzspechts erhielt Sébastien den Grossen Preis des Jugendwettbewerbs. «Ich mag das Foto eigentlich nicht», erzählt er und schmunzelt, «doch meine Mutter liebte es.» Am gleichen Festival wurde er auch in der Kategorie Wildtiere ausgezeichnet – mit einem im Schnee hüpfenden Hermelin. Meist sind die Brüder einzeln unterwegs, doch wenn sie ein Hermelin entdecken, benachrichtigen sie jeweils den anderen. Mit den Jugendkategorien in Fotowettbewerben ist es aber schon bald vorbei. Beim «Wildlife Photographer of the Year» reicht es gerade noch einmal für die Kategorie der bis 17-Jährigen – Stichtag war der 26. Februar, am 27. wurden die beiden 18.

Website von Etienne Francey
Website von Sébastien Francey

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