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Vogelschutz

Shorty – die Botschafterin der bedrohten Waldrappe

Wildtiere | Donnerstag, 19. März 2015 06:00, Carmen Epp

Mit ihrer Vorliebe für die Schweiz hat die Waldrappdame Shorty für Aufsehen ­gesorgt – und dabei das Wiederansiedlungsprojekt ihrer bedrohten Artgenossen international bekannt gemacht.

Shorty fällt auf. Nicht nur wegen ihres schwarzen, grün-violett glänzenden ­Federkleides, dem langen, krummen Schnabel oder den abstehenden Schopffedern rund um den kahlen Schädel. Die Waldrappdame zieht seit zweieinhalb Jahren vor allem wegen der Wahl ihres Winterlagers die Aufmerksamkeit auf sich. Während ihre Artgenossen nämlich im Herbst jeweils Richtung Süden ziehen, um die kalte Jahreszeit in der warmen Toskana zu verbringen, verirrt sich Shorty wiederholt in die Schweiz.

Ihren ersten Winter in der Schweiz hatte Shorty in Gesellschaft von Gänsen, Kormoranen, Krähen und anderen Vögeln am milden Zugersee noch gut überstanden. So gut, dass die Waldrappdame im vergangenen Oktober erneut in die Schweiz statt in die Toskana flog. Doch heuer hat der hiesige Winter dem Vogel schwer zugesetzt. Untergewichtig und mit kältebedingten Verletzungen an den Flügeln musste Shorty am 7. Februar im Aargau eingefangen und daraufhin im Natur- und Tierpark Goldau behandelt werden.

Als Zugvogel faktisch ausgestorben
Dass Shorty kein besonders guter Zugvogel ist, ist auf die Geschichte seiner Art zurückzuführen. Bis ins Mittelalter war der Wald­rapp in Vorderasien, Afrika und auch in Europa, nördlich der Alpen, heimisch; die Schweiz zählte gar zum Hauptbrutgebiet. Im Herbst überquerten die Wald­rappe jeweils die Alpen und liessen sich in Süd­europa nieder, um im Frühling wieder zu ihren Brutstätten zurückzukehren. Ab dem 17. Jahrhundert jedoch verlor der Waldrapp immer mehr an Boden. Er galt als Delikatesse und wurde trotz Verboten überall gejagt.

Heute gibt es den speziellen Ibisvogel in Europa nur noch in Zoos, wo rund 2000 Exemplare leben. In freier Wildbahn sind schätzungsweise noch 700 Waldrappe in Marokko, der Türkei, in Spanien und Österreich anzutreffen; jedoch auch dort sesshaft, nicht als Zugvögel. Seit 2013 gibt es nur noch ein einziges wild lebendes Individuum, das jeweils im Winter von seiner Brutstätte in Syrien nach Äthiopien zieht. In der freien Wildbahn ist der Waldrapp als Zugvogel somit faktisch ausgestorben.

Seit 2002 engagiert sich deshalb der österreichische Biologe Johannes Fritz für den Schutz und die Erhaltung der Wald­rappe. Zusammen mit seinem Waldrappteam will er den Ibisvogel in Europa ansiedeln und ihn wieder zum heimischen Zug­vogel machen.

Während zehn Jahren erarbeitete das Wald­rappteam eine Machbarkeitsstudie, in der aufgezeigt wird, ob und wo sich in Europa Lebensraum für den Waldrapp bietet. In einem zweiten Schritt galt es, Methoden zu prüfen, mit denen die Tiere ihr arttypisches Zugverhalten zurückerlangen können. «In der freien Wildbahn würden Jungtiere den erwachsenen Artgenossen auf ihrem Flug ins Wintergebiet folgen», erklärt Johannes Fritz. Da diese Möglichkeit fehlt, greift das Wald­rappteam zu ungewöhnlichen Mitteln: Statt der Vögel selber, übernehmen Menschen die Rolle der Fluglotsen. Mit Ultra­leichtflugzeugen fliegen sie vom Brutgebiet in Österreich und Bayern in das Überwinterungsgebiet in der Toskana, handaufgezogene Waldrappe aus Zoos folgen ihnen.

Diese Reise hat es in sich: 950 Kilometer liegen zwischen Start und Ziel, wechselnde Winde und Wetterturbulenzen auf 2000 Metern Höhe inklusive. Doch die Mühe lohnt sich, wie Johannes Fritz erklärt: «Hat der Flug einmal geklappt, prägen sich die Tiere den Weg ein und finden ihn beim nächsten Mal von alleine.» So verbringen die hingelotsten Waldrappen zwei bis drei Jahre im WWF-Schutzgebiet Laguna di Ortebello in der Toskana, bis sie geschlechtsreif wieder ins bekannte, heimische Brutgebiet in Österreich oder Bayern zurückkehren. Dort brüten sie ihren Nachwuchs aus und zeigen bei ihrem nächsten Flug in die Toskana ihren Jungen den Weg.

Shorty wird zum Medienstar
Das wäre eigentlich auch der Plan für Shorty gewesen. Doch dann verlor die Waldrappdame bei ihrem ersten Flug in die Toskana im Winter 2012 den Anschluss. Zwei Wochen lang trieb sie sich im Wallis herum und landete – offenbar beim Versuch, den Rückweg nach Bayern zu finden – in der Zentralschweiz. Am Westufer des Zugersees, wo das Klima mild ist, überstand die Waldrappdame den Winter erstaunlich gut, bis sie im Juli 2013 wohlauf zu ihrer Brutstätte in Bayern zurückkehrte. Im darauffolgenden Herbst liess das Waldrappteam Shorty nicht mehr selber gen Süden fliegen, sondern transportierte sie per Auto in die Toskana. «Sonst wären ihr womöglich jüngere Wald­rappe gefolgt und dann ebenfalls in der Schweiz gelandet», so Johannes Fritz.

Den Weg zurück nach Bayern fand Shorty erneut alleine. Im Herbst 2014 wurde die inzwischen voll ausgewachsene Waldrappdame wieder sich selbst überlassen. Und es kam wie befürchtet: Shorty kehrte in das ihr eingeprägte Winterquartier am Zugersee zurück.

Das ungeplante «Experiment Shorty» hat damit zwar ein jähes Ende gefunden. Dafür hat die Wald­rappdame dem Anliegen von Johannes Fritz und seinem Team weit herum grosse Aufmerksamkeit beschert. Zahlreiche Medien berichteten in den vergangenen zweieinhalb Jahren immer wieder über «Shorty» und deren Abwege, am Zugersee wurde die ungewöhnliche Besucherin gar als Bronzestatue verewigt. So hat sich «Shorty» ungewollt zum regelrechten Medienstar gemausert. «Wenn es sie nicht gäbe, wir müssten sie erfinden», sagt Johannes Fritz.

Nach der Behandlung im Tierpark Goldau wurde die Wald­rappdame per Auto zurück ins Brutgebiet nach Bayern gebracht. Zu Besuch in der Schweiz war Shorty damit definitiv zum letzten Mal. «Die Prägung auf die Schweiz als Wintergebiet ist bei ihr offenbar irreversibel», sagt Johannes Fritz. «Da wäre es unsinnig, sie erneut fliegen zu lassen.» So wartet künftig ein komfortables Leben auf «Shorty»: Sie verbringt die Brutsaison in Bayern und wird dann jeweils im Winter in die Toskana chauffiert – Irrwege in die Schweiz ausgeschlossen.

Anders läuft es bei ihren Artgenossen. Das Wiederansiedelungsprojekt des Waldrappteams trägt bereits erste Früchte. Inzwischen haben schon 40 Waldrappe ein selbstständiges Zugverhalten erlernt. Bis 2017 werden nun weitere Jungvögel von Ultraleichtflugzeugen in die Toskana gelotst. Gleichzeitig sollen jene Waldrappe, die den Weg bereits kennen, künftig ihren Jungvögeln die Flugroute selber zeigen. Bis schliesslich im Jahr 2019 rund 120 Waldrappe selbstständig über die Alpen in den Süden ziehen, so das Ziel. Damit wäre die Minimalgrösse für eine selbstständig überlebensfähige Population überschritten und der Waldrapp als Zugvogel gerettet.

Und auch wenn Shorty nicht mehr in die Schweiz zurückkehren wird, so vielleicht bald schon andere Exemplare seiner Art. Johannes Fritz geht davon aus, dass der Waldrapp ab 2020 im Sommer auch in der Schweiz heimisch werden wird. Shortys Fans wirds freuen.

Waldrappe live verfolgen
Die Waldrappe des Wiederansiedelungsprojekts werden mit GPS-Sendern versehen. Das ermöglicht nicht nur dem Waldrappteam genaue ­Beobachtungen seiner Schützlinge. Auch Hobby­ornithologen und Naturfreunde können davon profitieren und die Reisen von Shorty und Co. bequem von zu Hause aus verfolgen. Mit der App «Animal Tracking» kann man jederzeit die aktuellen Positionen der Vögel abrufen und sie auf ihren Flügen live begleiten. Neben den Bewegungsdaten der letzten zwei Wochen und des letzten Jahres sind auch allgemeine Informationen zu den Tieren ersichtlich. Wer einen Waldrapp in der Natur beobachtet, kann diese Informationen und Fotos direkt über die App in der Datenbank hochladen und damit gleich selber zur Forschung beitragen. Die App ist sowohl für iPhone als auch für Android erhältlich und zeigt neben dem Wald­rapp auch andere, mit GPS-Sendern ausgestattete Vögel an. 

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