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Serengeti

Das Erbe der Grzimeks

Wildtiere | Mittwoch, 15. April 2015, Franz Lerchenmüller

Die Serengeti ist immer noch eine der tierreichsten Regionen Afrikas. Dank der Arbeit der beiden grossen Tierforscher Bernhard und Michael Grzimek. 

Wie schräge Säulen mit Netzmuster ragen die Hälse von Giraffen ins Grün – die Köpfe hoch oben im Laub der Akazien. Zwei Geparden trotten die Piste entlang, Strausse segeln wie Schiffe durchs hüfthohe Gras, in der Ferne steht ein alter Büffel still und starr und schweiget. Eine Gruppe von Meerkatzen zerpflückt die Fruchtkeulen eines Leberwurstbaums, und auf dem Weg kniet ein Warzenschwein und überlegt ernsthaft, ob es dem ungebührlich schnellen weissen Ungetüm auf Rädern mit seinen Hauern nicht mal eine Lehre erteilen soll.

Safari in der Serengeti, jenem südostafrikanischen Landstrich von der Grösse der Deutschschweiz, der geprägt ist von flachen Savannen, Flüssen, die von Galeriewäldern gesäumt sind und Akazien, die sich wie Schirme aufspannen. Da flanieren Zebras über die Piste wie eine Horde schnippischer Teenager, eine Riesentrappe schreitet gravitätisch durchs Gras, und manchmal zieht ein schwarzer Zug Gnus vorüber, Horn an Horn mit wippenden Bärten und stampfenden Hufen.

Klassischer Naturschutz reicht nicht mehr
Es waren der berühmte deutsche Tierforscher Bernhard Grzimek und sein Sohn Michael, die dieses Stück Land vor über 50 Jahren weltberühmt gemacht haben. «Serengeti darf nicht sterben» – das Buch wurde zum Bestseller und in 23 Sprachen übersetzt, der Film erhielt als erster deutscher Streifen nach dem Zweiten Weltkrieg einen Oscar. Von ihrem Kleinflugzeug aus, einer gestreiften Dornier-27, zählten die Grzimeks Tiere, dokumentierten erstmals die grosse Wanderung der Savannenbewohner und sorgten dafür, dass das riesige Gebiet, durch das die Herden ziehen, nicht zerstückelt wurde. 

Dank ihrer Arbeit machen sich auch heute noch jedes Jahr zwischen eineinhalb und zwei Millionen Zebras, Gnus und Gazellen auf den Weg nach Norden und folgen Regen und spriessendem Gras, mehr als tausend Kilometer, über Park- und Staatsgrenzen hinweg, durch den Grumeti- und den Mara-Fluss, wo riesige Krokodile schon träge auf ihren Anteil an der Nahrungskette lauern.

Grzimeks Erbe führt die Frankfurter Zoologische Gesellschaft in ihrer Station in Seronera weiter. Der ehemalige Leiter Markus Borner wurde noch vom Frankfurter Übervater persönlich als Leiter des Afrika-Programms eingesetzt. «Bernhard Grzimeks grösstes Verdienst», sagt der Schweizer Biologe, «war, dass er Afrikas jungen Politikern vertraute, und hier in Tansania etwa Julius Nyerere (der erste Präsident Tansanias, Anm. der Redaktion) vermitteln konnte, welche Bedeutung der Naturschutz für die Zukunft ihrer Länder hat.» 

Ging es während der ersten Jahrzehnte vor allem darum, die Parkgrenzen zu sichern, so genügt heute klassischer Naturschutz nicht mehr. Zwar werden immer noch Zebras gezählt und Gnus mit Sendern versehen, man bildet Ranger weiter und finanziert mobile Tierärzte. Aber Tansanias Bevölkerung wächst, Gärten und Felder rücken immer näher an die Parkgrenzen heran. «Wir versuchen, die Menschen rund um den Park in den Naturschutz einzubinden», sagt Borner. «Sie sollen lernen, ihr Land selbst zu verwalten, sie können Wildhüter ausbilden und Wandertouren entwickeln – kurz: Sie müssen etwas davon haben, wenn sie die Tiere schützen.»

Elefantendung als Lebensraum
Über 100 000 Touristen besuchen den Park jedes Jahr. Wenn aus der Ebene zehn, elf, zwölf Wagen sternförmig einem Punkt zustreben, weil einer der Guides per Funk eine frisch geschlagene Gazelle oder ein einsames Nashorn gemeldet hat, kommt es schon mal zum Leopard-Stau oder zur Rhino-Rushhour. «Da besteht natürlich die Gefahr», sagt Markus Borner, «dass der Tourismus sich irgendwann selbst erstickt. Wenn zwei Dutzend Autos um ein Löwenpaar herumstehen und alle Leute knipsen, knipsen, knipsen – machen die sich nicht gegenseitig das Erlebnis kaputt?»

Büffel, Löwen, Warzenschweine – an Tieren herrscht wahrlich kein Mangel hier. Elefanten kommen daher wie abgeklärte Boten aus einer Zeit, als eine Spezies namens Mensch noch unbedeutend, schutzbedürftig und harmlos war. Paviane, Angeber, die gerade verächtlich ihre Hosen heruntergelassen haben. Hyänen – allein der Haltungsschaden und der unterwürfig-verschlagene Blick! Und wer sonst vermöchte die Nase so hoch zu tragen und so gräfinnenhaft herunterzublicken wie eine Giraffe. Es ist wohl ein menschliches Bedürfnis, Tieren verwandte Züge anzudienen – und zugleich ein untauglicher Versuch, die fremden, letztendlich unfassbaren Geschöpfe auf ein menschliches Mass zurechtzustutzen. 

Wer sich nicht mit visuellen Anmutungen begnügen will, braucht einen guten Führer. Malley Gwandu ist einer der besten. Verblüffend, was der 43-Jährige über einen simplen Ballen Elefantenlosung zu erzählen weiss: Die Dickhäuter fressen 18 Stunden am Tag, verdauen aber nur 30 Prozent der Blätter und Zweige. «Toilette – alle 45 Minuten. Ergebnis: zwei bis fünf Kilo schwer.» In diesen Überresten stochern Paviane und Vögel nach unverdauten Samen. Baobab- und Amarula­früchte benötigen sogar einen solchen beizenden Durchgang durch einen Elefantenmagen, um keimen zu können. «Und den Rest erledigen die Mistkäfer: Zentnerweise bester Dünger für Gras und Pflanzen», sagt Malley, der eine Löwin im senfgelben Gras auch noch auf 400 Meter mit blossem Auge ausmachen kann.  

Das Drama hautnah miterleben
Abends sitzen die Besucher in exklusiven Zeltcamps oder einfachen Hotels, die sich traditionsgemäss Lodges nennen. Sie trinken Serengeti-, Safari- oder Kilimandscharo-Bier, protzen mit grossen Teleröhren und diskutieren international, ob die Serengeti denn nun «ganz grosses Kino» sei, oder doch gleich «the greatest show on earth». 

Manchmal wird diese Show freilich blutig: Der Büffel wurde schon am Vorabend gerissen. Die Löwen haben ihn ausgeweidet, jetzt schlägt die Stunde der Geier. Zwei Dutzend schwarzer Vögel hüpfen um den Kadaver und wühlen im Bauch. Sie hacken in die leeren Augenhöhlen und gegen die futterneidische Konkurrenz, einer hat seinen Kopf tief in den Schlund des toten Bullen gesteckt und zieht und zerrt an der Zunge. Metallisch glänzt das Gefieder, das kehlige Krächzen des zänkischen Haufens erfüllt die Luft und ein Geruch nach Verwesung zieht herüber. Geboren werden, fressen, zeugen, sterben. Das Individuum zählt wenig, die Art existiert weiter – vielleicht kommt der Besucher dem Sinn des Daseins hier am nächsten. Und vielleicht macht gerade dies die grosse Faszination der Serengeti aus: Das Drama des Lebens in unvergesslichen Bildern hautnah mitzuerleben.

Ganz oben auf dem Rand des Ngorongoro-Kraters steht eine gemauerte Steinpyramide. Sie wurde errichtet, nachdem Michael Grzimek am 10. Januar 1959 mit dem Flugzeug im Krater abgestürzt war. Die Asche von Bernhard Grzimek kam nach seinem Tod 1987 dazu. «A lifetime of caring for wild animals and their place on our planet» – er hat sich ein Leben lang um wilde Tiere und um ihren Platz auf unserem Planeten gekümmert. Es hat sich gelohnt: Die Serengeti wird nicht sterben. Franz Lerchenmüller

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