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Claudio Gazzaroli: Tierfotograf

«Wie brenzlig es war, merke ich oft erst später»

Natur & Umwelt | Mittwoch, 29. April 2015, Ruedi Weiss

Er war schon Auge in Auge mit Haien und hat einem Riesenalligator ins aufgerissene Maul geschaut. Für ein gutes Bild nimmt der Tessiner Hobbyfotograf Claudio Gazzaroli hohe Risiken auf sich.

Claudio Gazzaroli macht Jagd auf Wildtiere. Allerdings nicht mit Flinte und Schrot, sondern mit seiner Fotoausrüstung. Der 42-jährige Tessiner ist selbstständiger Sanitär, aber in seiner Freizeit seit 20 Jahren als Wildtierfotograf unterwegs. Im Visier hat er dabei bevorzugt Meerestiere, speziell Wale und Haie. Unterdessen hat er mit seinen spektakulären Unterwasserfotos verschiedene internationale Preise gewonnen.

Dass das Fotografieren Gefahren birgt, hat Gazzaroli mehrfach am eigenen Leib erfahren. Etwa, als er im felsigen Riff von Aliwal Sohal in Südafrika tauchte: Plötzlich war er da – ein ausgewachsener, zwei Meter langer Schwarzflossenhai! Blitzschnell erfasst ihn Gazzaroli durch den Sucher seiner Unterwasserkamera und drückt auf den Knopf für Mehrfachbilder. Innert weniger Sekunden sind 20 oder 30 Einzelaufnahmen in seinem Kasten. Dann ein Ruck. Der Hai touchiert mit aufgerissenem Maul Gazzarolis Unterwasserkamera, schiesst an ihm vorbei und verschwindet in der Meerestiefe, aus der er eben aufgetaucht war. «Während der Aufnahmen unter Wasser bin ich jeweils so konzentriert, dass ich erst später beim Auswerten der Fotos realisiere, in welch brenzlige Situationen ich mich begeben habe», erzählt Gazzaroli.

Pionier-Fotoarbeit in der Verzasca 
Der «Alltag» als Wildtierfotograf ist allerdings nicht ganz so dramatisch. «Wenn man solche Fotoexkursionen – ob unter Wasser oder an Land – seriös und von langer Hand plant, können lebensbedrohende Situationen weitgehend vermieden werden», relativiert Gazzaroli. Eine hundertprozentige Sicherheit gebe es beim Kontakt mit Wildtieren aber natürlich nie. Das Fotografierfieber packte Gazzaroli vor 25 Jahren, als Freunde ihm von ihren Fotoabenteuern erzählten. Er begeisterte sich dafür und kaufte sich seine erste Kamera, eine Nikon F70 mit einem 28–105-Objektiv. Der Autodidakt begann in seiner Freizeit zu reisen und Natur- und Landschaftsfotos zu schiessen. «Im Verlauf der Jahre wurde meine Fotoausrüstung durch den Zukauf verschiedener Objektive und Zubehörteile immer schwerer und die Leidenschaft für das Fotografieren immer stärker», erinnert er sich.

Parallel zu den immer regelmässigeren Fotoreisen an Land absolvierte Gazzaroli die nötigen Taucherbrevets, um auch unter Wasser seinem Hobby nachgehen zu können. Anfangs gleich vor seiner Haustüre in Ascona: Er durchschwamm mit der Druckluftflasche am Rücken, den Flossen an den Füssen und der Unterwasserkamera in den Händen den Fluss Verzasca quasi von der Quelle bis zur Mündung in den Lago Maggiore. Seine eindrücklichen Fotos dokumentierten erstmals in internationalen Medien die einzigartige Schönheit dieser glasklaren, in Türkistönen gehaltenen Unterwasser-Flusslandschaft des Tessiner Tals. 

Doch Flüsse, Seen, Berge, Blumenwiesen oder Wälder zu fotografieren genügte Gazzaroli schon bald nicht mehr. «Tiere, besonders Wildtiere, haben mich schon immer fasziniert», erzählt er. Ganz besonders die Tierwelt unter Wasser, «denn diese kann man nur als ausgebildeter Taucher fotografieren, was die Herausforderung für mich noch interessanter machte.» So begann er mit weiten Reisen an besonders geeignete Plätze für die Unterwasserfotografie, meistens begleitet von seiner Frau und den beiden Kindern. Seine Expeditionen bereitet er jeweils wochen- oder monatelang akribisch vor. Er beschafft sich Informationen über den Aufnahmeort, die Art der dort lebenden Tiere, die dafür notwendige Fotoausrüstung oder die zu wählende Aufnahmetechnik. «Trotz bester Vorbereitung spielen jedoch am Ende das Glück und der Zufall eine entscheidende Rolle», gesteht er. 

Der «Terminator» der Wasserwelt
Das Glück hatte er zweifellos auf seiner Seite, als er bei den Kaimaninseln in der Karibik einem Stachelrochen begegnete. Unweigerlich erinnerte er sich an den tragischen Tod des australischen Tierfilmers Steve Irwin. Dieser näherte sich für seine Fernsehserie jeweils gefährlichen Tieren wie Klapperschlangen oder Krokodilen in freier Wildbahn häufig ohne Schutz und wurde deshalb auch «Krokodiljäger» genannt. Im September 2006 allerdings wurde Irwin seine Unerschrockenheit zum Verhängnis: Bei Unterwasseraufnahmen am Great Barrier Reef wurde er von einem Stachelrochen gestochen und starb. Claudio Gazzaroli war also gewarnt und begegnete den Stachelrochen entsprechend respektvoll. Und wie sich später zeigte auch mit grossem Erfolg, denn mit diesen Aufnahmen belegte er an einem renommierten Fotowettbewerb der BBC in London den dritten Rang. 

Besonders beängstigend für ihn war eine Begegnung mit einem Alligator in den Gewässern Floridas. «Ich habe noch nie ein grösseres Tier unter Wasser gesehen als diesen ‹Terminator›, wie ihn die Einheimischen nannten. Seine Kiefermuskeln sind so gross wie zwei Fussbälle und seine Zähne könnten einen leicht zerfleischen.» Gazzaroli hatte allerdings vorgesorgt: Seine Kamera fixierte er vorne an einer langen Stange und drückte so aus sicherer Distanz auf den Auslöser.

Zeit, Geduld und starke Nerven
Geradezu beschaulich mutet da eine Begegnung mit einer Wildkatzenmutter mit ihren Jungtieren in Kenia an: Da begleitete Gazzaroli einen Safariführer im sicheren Jeep auf einer Fahrt durch das Naturreservat und konnte ungestört so viele Fotos von der Wildkatzenfamilie schiessen, wie er wollte. «Eine absolute Ausnahme», wie Gazzaroli betont, «denn um gefährliche Tiere in der Wildnis zu fotografieren, braucht ein Fotograf sonst vor allem sehr viel Zeit und Geduld, eine gehörige Portion Mut und auch starke Nerven.» 

Diese seien beim Fotografieren von Krokodilen oder Haien unter Wasser besonders gefragt. Da sind die Anspannung und der Druck extrem gross, man kann sich nicht nur aufs Fotografieren konzentrieren, sondern muss gleichzeitig die Gefährlichkeit der Situation immer wieder neu einschätzen. Dazu komme bei der Unterwasserfotografie eine zusätzliche Unbekannte, sagt Gazzaroli. «Hier können auch technische Probleme wie das Versagen von Batterien oder schlechte Lichtverhältnisse, starke Strömungen und Wassertrübungen eine Exkursion zum Scheitern bringen, was ich selber leider auch schon erfahren musste.»

Nach abenteuerlichen Jahren als Fotograf möchte sich Claudio Gazzaroli nun einer neuen Herausforderung stellen: dem Filmen. «Mit Fotos kann ich zwar wunderbare Augenblicke festhalten, aber gewisse Situationen können mit Videos besser dokumentiert werden», sagt er. Wenn ein Löwe zum Beispiel ein Tier fresse, habe er auf dem Foto einfach die Schnauze offen. Auf dem Video hingegen könne man den ganzen Ablauf ohne Unterbruch festhalten. Mit der Videokamera, hofft Gazzaroli, komme er deshalb noch näher an sein Ziel: die Tierwelt so authentisch wie möglich festzuhalten.

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