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Donaudelta

Auf dem Wasserweg durch das Reich der Vögel

Wildtiere | Montag, 31. August 2015, Matthias Gräub

Das Donaudelta ist eine der jüngsten Landschaften Europas. Trotzdem zeugt die Flussmündung zwischen Rumänien und der Ukraine von einer bewegten Geschichte und bietet eine faszinierende Vogelwelt.

Halb verhungert und beinahe verdurstet waren die altgläubigen Russen nach ihrer langen und mühseligen Flucht aus der Heimat. Sie flehten um göttlichen Beistand und zogen weiter gen Süden. Und fanden – am Ende ihrer Kräfte angelangt – das Donaudelta. Die Geschichte der Lipowaner, wie die langbärtigen Männer und kopftuchtragenden Frauen genannt werden, prägt noch heute das Bild der Region zwischen Rumänien und der Ukraine, dort, wo die Donau ins Schwarze Meer fliesst. 

Im 17. Jahrhundert sind sie vor einer Glaubensreform in der Heimat geflohen, heute sind die Lipowaner die grösste Minderheit im Donaudelta. Als geschickte Bootsbauer und Fischer leben sie teils in abgeschiedenen Dörfern unter sich, teils in Harmonie mit Rumänen und Ukrainern von dem, was ihnen die Natur gibt. Ihre Fischsuppe, so sind sie überzeugt, schmeckt nur gut, wenn sie mit Donauwasser gekocht wird. Zur Nachahmung sei dies jedoch nur abgehärteten Mägen geraten.  

Zwischen Dschungel, Schilf und Mangrove
Dicht an einem lipowanischen Fischerboot vorbei gleitet ein Ausflugsboot mit einer Schar Touristen. Die Fischer winken, die Touristen winken zurück, fotografieren und lassen sich weiterkutschieren, in einen kleinen Seitenarm der Donau. Hier bietet sich den Fremden die Gelegenheit, in die beinahe unberührte Natur einzutauchen. Wo das Wasser fast stillsteht und sich in engen Windungen durch die Landschaft schlängelt, staunt man, welch unterschiedliche Aussichten sich bieten. Da stehen die knotigen Wurzeln dickstämmiger Bäume tief im Wasser und erinnern den Besucher an einen Mangrovenwald. Dort schwimmt das Boot in einem Meer von Seerosen, umrahmt von einer schier endlosen Schilf-Fläche. Und wieder anderswo hat die Wilde Rebe Einzug gehalten und alles überwuchert, was sich ihr in den Weg stellte, so, dass man sich im tiefen Dschungel wähnt.

Das Donaudelta ist eine der jüngsten Landschaften Europas. Vor rund 5000 Jahren lag die heutige Stadt Tulcea an einer Bucht zum Schwarzen Meer. Heute, zigtausend Tonnen angeschwemmte Ablagerungen später, bildet sie das Tor zum Delta. Von hier aus fächert sich der Fluss auf und fliesst durch eine einmalige Naturlandschaft. Lange Zeit war es eine verletzliche Landschaft, denn der kommunistische Diktator Nicolae Ceausescu kümmerte sich keinen Deut um die Natur. Stattdessen wollte er den fruchtbaren Boden im Delta ausnützen, liess grosse Flächen trockenlegen und darauf Getreide und Reis anbauen.

Seit dem Sturz des Kommunismus kann sich das Donaudelta erholen. 1993 wurde es zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt und ist seither streng geschützt. Dies freut Naturschützer und Vogelbeobachter, doch es erschwert ihnen auch den Zugang zu ihren Studienobjekten. Auf den Hauptarmen des Flusses verkehren zwar noch viele Kreuzfahrt- und Frachtschiffe, in den engen Nebenarmen hingegen, wo die Tierwelt besonders fragil ist, sind sie verboten. 

Eine reichhaltige Vogelwelt gibt es schon am Ufer der grossen Flussarme zu erleben. Reiher aller Art stehen hier Spalier: Grau-, Silber- und Purpurreiher posieren auf toten Bäumen, die ins Wasser gefallen sind, ein Seidenreiher schreitet über den Uferschlick. Krähen und Tauben schauen vorbei und Möwen lassen sich in Meeresnähe immer öfter blicken. Mit kleinen Booten ist es erlaubt, in die Seitenarme der Donau einzudringen. Und sobald das passiert, zeigen sich andere – und vor allem mehr – Vögel.

Die versteckte Welt der Pelikane
Ein Storch durchsucht ein Seerosenfeld nach Fröschen, ein paar Wildenten heben wie Wasserflugzeuge ab und quaken davon, Löffler und Ibisse fliegen über das Boot. Und dann ragt in der Ferne plötzlich ein hoher, toter Baum ins Sichtfeld. Darauf sitzen zwei imposante Seeadler. Einer lässt sich aufschrecken und flieht vor dem nahenden Boot, der andere lässt sich nicht beeindrucken und verharrt auf seinem Ast, während die staunenden Beobachter direkt unter ihm hindurchtreiben.

Den Rang als Könige des Donaudeltas machen den Seeadlern höchstens die Pelikane streitig. Meist sind sie nur aus der Ferne zu sehen. Doch auch von weit weg beeindrucken die Tiere mit ihrer Drei-Meter-Flügelspannweite, wenn sie am Horizont in Strichformation übers Land fliegen. Im Donaudelta leben sowohl Rosa- als auch Krauskopfpelikane. Ihre grössten Nistplätze sind voneinander getrennt, doch hier und da vermischen sich die beiden Arten, wie etwa auf dem kleinen See, der auf einmal hinter den Bäumen am Ufer auftaucht. 

Erst gibt das Dickicht nur sekundenweise Einblick in das, was dort hinten zu vermuten ist. Dann öffnet sich eine Lichtung und gibt den Blick auf die ganze Pracht frei. Dutzende Pelikane sitzen da auf dem Wasserspiegel, umschwärmt von Kormoranen, Eisvögeln und der ganzen restlichen Vogelschar. Mit ausgeschaltetem Bootsmotor schwillt das Gekrächze, Gequake und Gezwitscher zu einer Kakofonie sondergleichen an, zumal die Vögel die einzigen Töne weit und breit in die Stille werfen – von ein paar aufmüpfigen Fröschen einmal abgesehen.

Ein Leuchtturm auf verlorenem Posten
Das Donaudelta hat nicht nur Vogelbegeisterten viel zu bieten. Touristisch noch wenig erschlossen, zeigen die kleinen Städte am Lauf des mäandrierenden Flusses eine charmante Bescheidenheit. Wilkowo etwa, auf ukrainischem Boden, wird gerne «Venedig des Ostens» genannt. In Wahrheit bezieht sich diese übertriebene Formulierung auf winzige, hölzerne Stege und Brücken, die über die unzähligen kleinen Kanäle der Stadt führen. Ismajil, ebenfalls in der Ukraine, hat seinen türkischen Namen von der einstigen Herrschaft der Osmanen. Diese wurde erst durch den russischen General Suworow beendet, der später durch seinen Alpenfeldzug auch in der Schweiz bekannt wurde.

Im rumänischen Sulina, auch nur per Boot erreichbar, liegt der «Kilometer 0» der Donau. Dort, wo der Fluss ins Schwarze Meer fliesst. Oder besser: floss, denn der einst festgelegte Nullpunkt liegt heute schon ein paar Kilometer im Landesinneren. Noch weiter von der Küste entfernt steht ein alter Leuchtturm verloren da und mahnt die Bewohner des Donaudeltas daran, wie jung und veränderlich das Land ist, das sie sich vor – in menschlichen Dimensionen – langer Zeit zu eigen gemacht haben.

 

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