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Bodensee

Winterferien für Wasservögel

Wildtiere | Mittwoch, 20. Januar 2016, Harry Rosenbaum

Weil unsere Seen in der Regel nicht zufrieren, überwintern jeden Winter Hunderttausende Wasservögel aus dem hohen Norden in der Schweiz. Eines der grössten Winterquartiere ist der Bodensee. Doch die Klimaerwärmung bringt Veränderungen mit sich.

Ausgedehnte Flachwasserzonen, grosse Schilfgürtel, milde Temperaturen, eisfreie Ufer und ein reich gedeckter Tisch: Für Wasservögel aus Skandinavien, Nordosteuropa oder gar Sibirien muss der Bodensee im Winter dem Paradies gleichen. Zehntausende von ihnen steuern im Spätherbst den 536 Quadratkilometer grossen See im Grenzgebiet zwischen der Schweiz, Deutschland und Österreich an und verbringen hier die kalte Jahreszeit. 

Einer, der die gefiederten Wintergäste auf dem Bodensee bestens kennt, ist der pensionierte Reallehrer Walter Gabathuler aus Rheineck SG. Seit 60 Jahren zählt er im Auftrag der Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Bodensee (OAB) mit Sitz in Konstanz (D) jeden Monat Wasservögel. Die OAB nimmt die Beobachtungen rund um den See auf und meldet die Zahlen der Schweizer Vogelwarte Sempach zur statistischen und wissenschaftlichen Auswertung. Gabathulers Einsatzgebiet liegt zwischen Kriessern-Mäder SG am Alpenrhein und dem Alten Rhein im Raume St. Margrethen und Rheineck SG. Unterstützt wird er von 10 bis 15 Helferinnen und Helfern. «In den letzten Jahrzehnten bleiben mehr Wasservögel den Winter über am Bodensee. Es sind weniger geworden, die hier nur rasten und dann weiter nach Süden fliegen», erzählt der Hobby-Ornithologe. Das hänge weitgehend mit den milden Wintern zusammen.

Es seien in den letzten Jahren jedoch auch neue Arten am Bodensee aufgetaucht, beispielsweise Löffelenten, sagt Gabathuler. Zudem fänden sich auch immer wieder seltene Wasservögel ein, wie Moorenten, Brautenten oder Steppenmöwen. Insgesamt würden etwa 20 unterschiedliche Wasservogelarten am Alpenrhein, Altenrhein und im östlichen Bodensee beobachtet. Auch Watvögel wie Alpenstrandläufer, Grosser Brachvogel und Kiebitz schätzen den Bodensee als Winterresidenz. Denn ab August fällt der Wasserstand und legt Schlickflächen frei, die für sie wichtige Nahrungsplätze bilden. Kommt es einmal zu Wetterstürzen im Umland, führen Schneefluchten zudem auch Vögel zum Seebecken, die sonst eher erdgebunden sind.

Wie die Schweizerische Vogelwarte Sempach im Fachbericht «Avifauna Report 6d» schreibt, verbringt eine halbe Million Wasservögel jedes Jahr den Winter in der Schweiz. Der Bodensee, der Genfersee und der Neuenburgersee sind die zahlenmässig die wichtigsten Rückzugsgebiete, doch auch andere Seen wie der Klingnauer Stausee (siehe Artikel Seite 26) beherbergen viele Arten. Dank jährlicher Zählungen und Beringungsprojekten wissen Vogelkundler heute viel über die Herkunft der Wintergäste. Doch viele Fragen sind nach wie vor offen. 

Fast 500 freiwillige Vogelzähler
«Die Vogelwanderungen sind ein sehr komplexes Thema», sagt der Vogelforscher Wolfgang Fiedler von der am Bodensee gelegenen deutschen Vogelwarte Radolfzell. «Es gibt viele Phänomene, beispielsweise die Navigationsleistung der Tiere, ihre Ernährungsstrategien und Entscheidungsfindungen während des Zuges.» Laut Fiedler fliegen die meisten Wintergäste aus Osteuropa an den Bodensee. Einige Arten kommen aber auch aus Westsibirien und aus Skandinavien.

Die Wasservogelzählungen sind ein wichtiger Indikator für den Zustand der Natur. Sie werden in der Schweiz seit Anfang der 1950er-Jahren durchgeführt. Seit 1967 finden die Zählungen immer Mitte Januar in ganz Europa und weit darüber hinaus statt. In der Schweiz beteiligen sich jedes Jahr gegen 500 freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter daran. Erfasst werden alle Wasservogelarten im engeren Sinne, wie Enten, Schwäne, Gänse, Möwen, See- und Lappentaucher, Kormorane, Reiher, Rallen wie das Blässhuhn sowie seit 1996 einzelne Watvögel und andere an Gewässern vorkommende Arten wie Bergstelze und Wasseramseln. 

Noch in den 1950er-Jahren wurde die winterliche Wasservogelgemeinschaft vom Blässhuhn und von der Stockente dominiert. Der Gesamtbestand nahm bis Ende der 1970er-Jahre stark zu, von rund 200 000 Individuen 1967 bis auf über 500 000 in den Achtzigerjahren. Begünstigt wurde der Anstieg der überwinternden Wasservögel durch die Massenvermehrung der Wandermuschel in den Seen, die in den 1960er-Jahren aus dem Schwarzen Meer eingeschleppt worden war. Insbesondere Reiher- und Tafelenten sowie Blässhühner ernähren sich von den Muscheln. 

Der reich gedeckte Tisch hat diese drei Arten in den Schweizer Seen allmählich zu den grössten Populationen unter den gefiederten Wintergästen anwachsen lassen. Zudem führte der steigende Nährstoffeintrag in die Gewässer zu einem höheren Nahrungsangebot auch für fischfressende Arten – lokal profitierten zudem Stockenten und Lachmöwen. In den 1980er-Jahren konsolidierten sich die Bestände vieler Arten laut der Vogelwarte. Seither sei der Gesamtbestand relativ konstant geblieben, die Häufigkeit einzelner Arten hingegen habe sich verändert, weil die grossen Seen wieder nährstoffärmer wurden. Dies begünstigte pflanzenfressende Arten wie Kolbenente und Schnatterente, deren Bestände in den Neunzigerjahren stark anstiegen. 

Seit Mitte der 1990er-Jahre sind umgekehrt die Bestände vor allem nordischer Arten wie Schellente und Reiherente zurückgegangen. Wohl weil viele Vögel ihre Reise aus dem Norden abkürzen, weil sie nicht mehr bis in die Schweiz fliegen müssen, um Wasserflächen zu finden, die den ganzen Winter über eisfrei bleiben.

Reiherente schwingt obenaus
Beim Monitoring der Vogelwarte Sempach für den Winter 2013/14 ergab die Januarzählung 119 000 Reiherenten, 94 000 Blässhühner, 70 000 Tafelenten, 62 000 Haubentaucher, 58 000 Stockenten, 32 000 Kolbenenten, 10 700 Schnatterenten und je 5600 Gänsesäger und Schwarzhals­taucher. Weil Wasservögel tauchen, schwimmen, fliegen und oft die Ufernähe meiden, ist das Zählen allerdings manchmal ein Gedulds­spiel. Vor allem an grösseren und vogelreichen Zählstrecken funktioniert es nur in Teamarbeit. Erfasst werden alle Individuen getrennt nach Arten. In der Praxis sei die Zählung vor allem an grösseren Gewässern anspruchsvoll, sagen erfahrene Ornithologen. Die Bestimmung von Arten im Gegenlicht auf grosse Distanz erfordere viel Erfahrung, ebenso das Auszählen von grossen, oft gemischten Schwärmen. Auch fliegende, tauchende und in der Vegetation versteckte Individuen erschweren die Zählungen. Und die Witterungsbedingungen beeinflussen an den grossen Seen die Beobachtung von Arten, die sich weit weg vom Ufer aufhalten, wie etwa Haubentaucher.

Dass Vögel sich nur wenig um langjährige Statistiken scheren, zeigen einige aktuelle Beobachtungen am Bodensee. So wurde im Konstanzer Fährhafen zum Jahreswechsel eine kerngesund wirkende Flussseeschwalbe beobachtet; normalerweise verbringt diese Art den Winter an der Westafrikanischen Küste. Zudem wurden im Dezember Schafstelzen und Beutelmeisen gesichtet – auch dies Arten, die eigentlich viel weiter südlich überwintern. Geht es weiter mit der Erwärmung, können sich die Vogelzähler also auf noch mehr Arten freuen.

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