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Wo die letzten Drachen wohnen

Wildtiere, Natur & Umwelt | Mittwoch, 6. April 2016, Meret Signer

Sie spucken zwar kein Feuer, sind aber trotzdem nicht ganz ungefährlich: Die Komodowarane sind die grössten Echsen der Welt. Zu sehen sind sie nur noch auf einigen kleinen Inseln in Indonesien.

Es ist heiss. Sehr heiss. Keuchend schleppe ich mich den Berg hinauf. Während der Trockenzeit übersteigt das Thermometer hier nicht selten 40 Grad. Vom Gipfel des Hügels – oben angekommen, entscheide ich, dass die rund 300 Meter hohe Erhebung wohl doch eher ein Hügel ist, als ein Berg – tut sich mir eine fantastische Aussicht über die Insel Komodo, das Poreng-Tal und das dahinterliegende Meer auf. «Geck-o, geck-o», verkünden die Tokehs (Gecko-Art) in den Mon­sunwäldern des Tals. Hunderte Vogelstimmen scheinen ihnen beizupflichten. «Schau mal», ruft Park-Ranger Antonius, mein Guide. «Hier wurde ein Schweizer von Komodowaranen gefressen.» Vorbei ists mit der Idylle.

Tatsächlich steht unweit von uns ein weisses Holzkreuz. Darauf steht: «In Erinnerung an Baron Rudolf von Reding, Bibberegg. Geboren in der Schweiz am 18. August 1895 und auf dieser Insel verschwunden am 18. Juli 1974. Er liebte die Natur zeit seines Lebens.» Der Baron Rudolf, erklärt Antonius, sei damals aus unbekannten Gründen von seiner Reisegruppe getrennt worden. Alles, was von ihm noch gefunden wurde, waren sein Rucksack, seine Kamera und Spuren von Blut. Man könne es zwar nicht sicher wissen, sei aber ziemlich sicher, dass er gefressen wurde. Komodowarane essen alles von ihrer Beute. Auch die Knochen.

Mythische Kreaturen für die Insulaner
Doch sind die Komododrachen, wie sie auch genannt werden, keineswegs blutrünstige Monster. Zu Unfällen kommt es nur sehr selten. Für die Bewohner der Dörfer auf Komodo und der benachbarten Insel Rinca, wo die grössten Populationen leben, sind die Drachen mythische Kreaturen, sie behandeln sie mit Respekt. 

Und Respekt sollte man ihnen schon entgegenbringen – mit einer Länge von bis zu drei Metern und einem Gewicht von 90 Kilogramm sind Komodowarane die grössten noch lebenden Echsen der Welt. Sehen kann man sie nur in Indonesien, genauer gesagt nur auf den Kleinen Sundainseln, im Komodo-Nationalpark. Dieser umfasst die drei grösseren Inseln Komodo, Rinca und Padar, sowie etliche kleinere Inseln und liegt vor der Westküste der Hauptinsel Flores, von wo aus man ihn per Boot erreichen kann.

Nachdem Antonius und ich (also vor allem ich) uns auf dem Gipfel des Bukit Rudolf – Rudolfs Hügel, wie er zu Ehren des verschwundenen Barons getauft wurde – ein wenig erholt haben, machen wir uns auf den Rückweg. In den trockenen Wäldern des Tals wimmelt es nur so von Vögeln, 128 Vogelarten leben hier im Nationalpark. Im Unterholz sehe ich Dschungelhühner, ayam hutan, wie sie von den Leuten hier genannt werden. Es handelt sich um Gabelschwanzhühner, enge Verwandte der wilden Vorfahren unseres Haushuhns, die aber ein östlicheres Verbreitungsgebiet haben.

Komodowarane auf der Lauer
Über mir plötzlich aufgeregtes Geschnatter und Geschrei. Eine Schar Gelbwangenkakadus hat sich in den Baumkronen niedergelassen. Auf Komodo ist eine der letzten intakten Populationen dieser vom Aussterben bedrohten Papageienart zu Hause. Dass man hier Kakadus zu sehen und vor allem zu hören bekommt, liegt an der biogeografischen Besonderheit der Region. 

Wir befinden uns in der Wallacea, benannt nach dem britischen Naturforscher Alfred Russel Wallace, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf seinen Expeditionen als Erster feststellte, dass sich auf den Kleinen Sunda­inseln, Sulawesi und den Molukken eurasische und australische Flora und Fauna überlappen. So wachsen auf Flores beispielsweise auch viele Eukalyptusbäume. In der Wallacea gibt es zudem ausserordentlich viele endemische Arten, von denen etliche mit Problemen zu kämpfen haben. Den Gelbwangenkakadus, die mich nun mit grossem Krächzen durch den Wald zu begleiten scheinen, macht vor allem der illegale Tierhandel zu schaffen.

Angst, dass mich auf dieser Insel dasselbe Schicksal wie meinen unglückseligen Landsmann ereilt, habe ich nicht, denn Antonius läuft, bewaffnet mit einem Holzstock, den er im Falle eines Zusammentreffens mit einem hungrigen Reptil bestimmt gekonnt einzusetzen weiss, zielsicheren Schrittes voraus. Und dann, nahe des Parkeingangs, sehen wir endlich die Stars des Tages. Drei riesenhafte Komodowarane liegen scheinbar faul um eine Grube herum. Doch eigentlich sind sie auf der Lauer. Die Ranger haben hier ein Wasserloch gegraben. «Damit wollen wir Beutetiere anlocken, was wiederum die Drachen anlockt», erklärt Antonius. «Sie kommen jedoch nicht jeden Tag vorbei. Auf Rinca lungern sie bei den Küchen der Ranger herum. Deshalb besuchen die meisten Touristen die Nachbarinsel. Ein Ausflug auf Komodo lohnt sich dennoch, denn hier sind die Warane ein gutes Stück grösser.» Das liegt daran, dass sie hier ihre Leibspeise Mähnenhirsche in grosser Zahl vorfinden. Tatsächlich grast eine Herde von ihnen friedlich neben dem Parkeingang. Echsen im Schlaraffenland.

Wunderbare Unterwasserwelt
Ausgangspunkt für einen Besuch im Nationalpark ist Labuan Bajo auf Flores. Einst ein verschlafenes Fischerdorf, wird der Ort mittlerweile von Tausenden Touristen aus Indonesien und aller Welt besucht. Trotzdem herrscht im Dorf eine entspannte Atmosphäre, die Unterkünfte sind grösstenteils einfach, aus den Bars ertönt Reggae-Musik. «In den letzten zwei Jahren hat sich das Wachstum von neuen Unterkünften und Restaurants etwas verlangsamt», sagt Tourismus-Beobachter Annaas Firmanto, der viele Jahre in Labuan Bajo tätig war. 

Informationen und Tipps für die Reise
Der Komodo-Nationalpark wurde 1980 gegründet und gehört seit 1991 zum UNESCO-Weltnaturerbe. Mit dem Flugzeug gelangt man täglich von Bali nach Labuan Bajo, seit 2014 auch mit Garuda Indonesia, eine der wenigen indonesischen Airlines, die nicht auf der schwarzen Liste der EU stehen. Ausflüge in den Nationalpark lassen sich von Labuan Bajo mit verschiedenen Anbietern oder durch das Chartern eines privaten Bootes organisieren. Zur eigenen Sicherheit darf man den Park nur in Begleitung eines Rangers betreten. Wer längere Touren im Park unternehmen will, sollte sich vor Ort erkundigen und eventuell im Voraus buchen.

Dies könnte sich jedoch bald ändern: Vor wenigen Monaten hat der Präsident den umgebauten Flughafen eingeweiht, dessen Kapazität von 150'000 auf 1,5 Millionen Passagiere pro Jahr erhöht wurde. «Die indonesische Regierung hat Flores zu einer strategisch wichtigen Destination für den nationalen Tourismus erklärt», sagt Annaas. «Es werden grosse Anstrengungen unternommen, die Infrastruktur auf der Insel zu verbessern und zu erweitern.»

Ein grösserer Flughafen wird wohl auch zu mehr Bootsverkehr führen. 95'000 Gäste hat der Komodo-Nationalpark im letzten Jahr empfangen, jedes Jahr werden es mehr. Wie das Leben an Land und im Meer mit dieser Herausforderung umgehen wird, wird sich zeigen. Der Park ist auch berühmt wegen seinen Stränden mit rosarotem Korallensand, kristallklarem Wasser und einer wunderbaren Unterwasserwelt mit vielen Tauchrevieren, die zu den besten der Welt gehören sollen. Unter Wasser begegnet man unzähligen Fischen in allen Formen und Farben. Auch grössere Tiere wie Riffhaie und Meeresschildkröten kommen öfters mal zu Besuch und im offenen Meer tummeln sich Mantarochen.

Nach meinem Ausflug auf die Insel Komodo unternehme ich keine Schnorcheltour mehr. Es ist schon fast Abend, als ich ins Boot steige, das mich zurück nach Labuan Bajo bringt. Kaum sind wir losgefahren, springt ein Delfin aus dem Wasser und macht einen Salto – fast so, als wolle er mich für heute verabschieden.

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