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Wiedereröffnung

Ein Felsen für die Geier und ein Wald für die Wölfe

Zoo | Mittwoch, 13. April 2016, Niklaus Salzmann

Nach zwei Jahren Umbau wurde im Waadtland der Tierpark «La Garenne» eingeweiht. Auf einer Fläche, die fünfmal grösser ist als bisher, können die Besucher nun Tieren begegnen, die in der Schweiz auch in der Wildnis leben.

Hier haben die Wölfe nichts zu befürchten, die drei sind die Publikumslieblinge des wiedereröffneten Tierparks «La Garenne» im Waadtland. Trotzdem schauen sie sich kurz um, als sie wittern, dass sich auf der Holzpasserelle Besucher nähern. Seit einem Monat leben sie nun in diesem Gehege, der Tierpark wurde in den vergangenen zwei Jahren gleich neben seinem früheren Standort komplett neu gemacht.

Von der Passerelle aus lassen sich die Wölfe aus wenigen Metern Entfernung beobachten. Noch näher können die Besucher den Raubtieren bei einer der Glasscheiben kommen, falls es der Wolf denn will – das Gehege ist gross genug, dass er sich bei Bedarf auch zurückziehen kann. Doch am vergangenen Donnerstag, als der umgebaute Tierpark eingeweiht wurde, zeigten sich die Wölfe zutraulich und liessen sich nicht mal von jener unsensiblen Besucherin abschrecken, welche die Tiere mit Zungenschnalzen noch näher anzulocken versuchte.

Schwieriger war es, den Luchs zu entdecken, der auf der anderen Seite der Passerelle gut getarnt im Unterholz lag. Er ist nachtaktiv und verschläft den Tag – doch ihn da liegen zu sehen ist gerade deshalb vielleicht ein realistischeres Naturerlebnis als dasjenige mit den Wölfen.

Pionierrolle im Bartgeierschutz
Seit der Gründung im Jahr 1965 gehört es zu den Zielen des Tierparks, nicht nur Tiere auszustellen, sondern die Besucher für die Natur zu sensibilisieren und zur Erhaltung bedrohter Arten beizutragen. Diese Aspekte waren es denn auch, mit denen das Projekt einen ganz grossen finanziellen Unterstützer gewinnen konnte: die Mava-Stiftung mit Geldern der Hoffmann-La-Roche-Dynastie. André Hoffmann, Präsident der Stiftung, brachte den Zusammenhang zwischen Naturschutz und Menschenliebe in einer kurzen Ansprache auf den Punkt: «In einer kaputten Natur kann sich keine gesunde Menschheit entwickeln.»

In Sachen Artenschutz hat sich der Tierpark «La Garenne» bei den Bartgeiern als Pionier hervorgetan. Er war die erste Zuchtstation der Schweiz, die sich an der Auswilderung dieser einst von den Menschen ausgerotteten Greifvögel beteiligte. Nun sind bekanntlich einige dieser mächtigen Vögel wieder in den Alpen anzutreffen. Auch im Tierpark sind sie noch immer präsent. Da wäre einerseits Athos, der letztes Jahr im Alter von 47 Jahren gestorben ist und nun anlässlich der Einweihung dem Tierpark als ausgestopftes Präparat vom Zoologischen Museum  des Kantons Waadt zurückgegeben wurde. Doch da sind auch lebende Bartgeier, und dies in einer Voliere, in welche die Besucher nicht nur blicken, sondern auch hineingehen können. Im selben Gehege – es ist die mit 28 Metern höchste Voliere Europas – begegnen die Menschen auch Steinböcken, teils erst ein Jahr jung, die durch die Felswand und über Gesteinsblöcke hüpfen und sich beinahe auf Armlänge an die Menschen herantrauen.

Mit den grosszügigen Platzverhältnissen unterscheidet sich das Bild deutlich von dem, das sich in den 1970er-Jahren geboten hatte, als Dona Bertarelli mit ihrer Milliardärsfamilie von Italien in die Waadt gezogen war. Doch die Kindheitserlebnisse im Zoo haben bei der Co-Direktorin der Bertarelli-Stiftung bleibenden Eindruck hinterlassen. «Ich habe nicht gezählt, an wie vielen Mittwochnachmittagen und Samstagen uns unsere Mutter hierhin gebracht hat», sagte sie in ihrer Ansprache an der Einweihung. Ihre Stiftung hat sowohl einen Teil des 14,5 Millionen-Umbaus finanziert als auch andere wesentliche Gönner ins Boot geholt.

Der Dachs und die Füchse verstecken sich
Mit Dona Bertarelli waren an der Einweihung auch ihre Mutter Iris und ihr in der Öffentlichkeit bekannterer Bruder Ernesto zugegen und zumindest bei den Fotografen noch beliebter als die Wölfe. Doch nebst den Stars gibt es im Tierpark eben auch versteckte Schönheiten, und die Versuche, diesen scheuen und schwer zu beobachtenden Tieren zu begegnen, sind besonders spannend.

Wo wohl der Dachs steckt? Wer genug beweglich ist, kriecht in eine Betonröhre hinein, um durch eine Kunststoffglocke mitten ins Gehege zu blicken. Doch Meister Grimbart zeigt sich nirgends – ihm stehen Röhren und selbst gebaute Gänge zur Verfügung, in die er sich zurückziehen kann; das Tierwohl hat Priorität vor dem Besuchererlebnis.

Seinen Bau teile sich der Dachs in der Natur gerne mit anderen Tierarten wie Wildkaninchen und Füchsen, steht auf einem Schild. Im Tierpark haben die Rotfüchse aber ihr eigenes Gehege gleich nebenan, und auch sie scheinen sich vor den neugierigen Blicken zu verstecken. Vor zwei Jahren hatte der Schweizer Tierschutz noch den Mangel an Rückzugsmöglichkeiten für diese Tiere bemängelt, mit dem neuen Gehege dürften sich die Tierschützer zufrieden zeigen: Den Füchsen steht ein eigener Kinderspielplatz samt Rutschbahn zur Verfügung, der ihnen viele Nischen und Verstecke bietet. Und tatsächlich sind beim genauen Hinsehen zwei rot-weisse Schnauzen unter dem Gerüst zu entdecken.

Selbstverständlich ist dieser Spielplatz kinderfrei, den Zweibeinern steht ein eigener zur Verfügung. Überhaupt ist der Tierpark ansprechend für Kinder jeden Alters. Die Grösse ist überschaubar, auch die Jüngeren sind nicht überfordert, dennoch gibt es für geduldige Ältere viel zu entdecken.  

Da wäre etwa die «Microgarenne», der Innenraum, der sich kleineren Tieren widmet. Waldameisen haben sich in einem transparenten Kasten einen Haufen gebaut, die Tannennadeln holen sie durch Kunststoffröhren vom Tännchen im Kasten nebenan. Die Fledermäuse und Amphibien sind am Ruhen, dagegen huscht die daumengrosse Zwergmaus über ein dünnes Ästchen, das sich kaum zu verbiegen scheint, so leicht ist dieser Nager. Viele Besucher begegnen dieser Art hier wohl zum ersten Mal, obwohl sie in der Schweiz heimisch ist.

War der Tierpark früher auf die europäische Fauna ausgerichtet, leben nun ausschliesslich Tiere da, die auch in der Schweiz vorkommen. Darunter sind auch Gäste wie die Gänsegeier und die Mönchsgeier, die nicht bei uns brüten, aber von denen von Zeit zu Zeit einzelne Exemplare der Schweiz einen Besuch abstatten. Im Tierpark leben sie im begehbaren Gehege der Bartgeier und Steinböcke, können aber auch unauffällig von einem Baumhaus aus beobachtet werden.

Noch mangelt es im neu gemachten Tierpark an Grün, doch das wird sich mit dem Frühling geben. Wer sich Zeit nimmt, mit seinen Blicken einzutauchen in die Berglandschaft mit rauschendem Wasserfall oder ins Unterholz des Wolfswaldes, kann bereits jetzt für einige Momente vergessen, dass er sich in der Zivilisation befindet. Das ist auch heilsam gegen das Bedürfnis, dem Wolf so nahe wie einem Haustier zu kommen.

Die Mönchs- und Gänsegeier haben bereits im Februar die neue Voliere bezogen:

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