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Neue Arten

Die zehn grössten Entdeckungen 2015

Wildtiere | Samstag, 21. Mai 2016, Simon Koechlin

Ungefähr 18000 neue Arten haben Forscher letztes Jahr entdeckt. Nun hat ein US-Institut die Top Ten gekürt: Dazu zählen etwa eine Riesenschildkröte, ein Anglerfisch und ein Fetzenfisch.

Die Nummer eins auf der Top-Ten-Liste der neu entdeckten Lebewesen ist Chelonoidis donfaustoi, eine Riesenschildkröte auf den Galapagos-Inseln. Wirklich unbekannt war sie nicht vor ihrer «Entdeckung» im letzten Jahr: Die Schildkröten, die im Osten der Insel Santa Cruz leben, waren schon x-fach gesichtet worden, bloss glaubte man, sie gehörten zur selben Art, wie die im Westen der Insel lebenden Tiere. Genetische und morphologische Daten zeigten nun aber, dass es sich um zwei Arten handelt. Von Chelonoidis donfaustoi existieren bloss etwa 250 Exemplare.

Eine zweite spektakuläre Neuentdeckung ist eine fleischfressende Pflanze namens Drosera magnifica. Es ist mit einer Höhe von über 1,2 Metern die grösste Sonnentau-Art der Welt und hat eine ganz spezielle Entdeckungsgeschichte: Es ist nämlich die wohl erste Pflanze der Welt, die anhand von Bildern, die auf Facebook gepostet wurden, neu entdeckt wurde. Drosera magnifica kommt nur auf einem einzigen Berggipfel in Brasilien vor.

Blinde Assel und hässlicher Angler
Die Nummer drei auf der Liste gibt es schon längst nicht mehr: Es handelt sich um einen frühen Verwandten von uns Menschen, Homo naledi. In Südafrika fanden Forscher Knochen von nicht weniger als 15 Individuen dieses Vormenschen, von dem man noch nicht einmal weiss, wann er gelebt hat. Laut Wissenschaftlern ist aber klar, dass Homo naledi dafür sorgen wird, dass unsere eigene Frühgeschichte umgeschrieben werden muss.

Etwas kleiner, dafür noch quicklebendig ist Nummer vier auf der Liste: Es handelt sich um eine Assel mit dem lustigen lateinischen Namen Iuiuniscus iuiuensis. Es handelt sich um einen Verwandten unserer Kellerassel, der allerdings ganz weiss und blind ist. Der Grund dafür liegt darin, dass Iuiuniscus iuiuensis ein Höhlenbewohner ist, er wurde in einer Doline in Brasilien entdeckt.

Auch im Meer wurde letztes Jahr wieder viel Neues entdeckt. Da wäre zum Beispiel Nummer fünf auf der Liste, gleichzeitig die wohl hässlichste Top-Entdeckung: ein Anglerfisch mit dem lateinischen Namen Lasiognathus dinema. Er lebt im Golf von Mexiko und ist gerade einmal fünf Zentimeter lang.

Der Paddington-Käfer
Vor der Küste Australiens lebt ein neu entdecktes Tier, das auf den ersten Blick auch eine Pflanze sein könnte: Der Fetzenfisch Phyllopteryx dewysea tarnt sich nämlich als Seetangwedel, ist aber verwandt mit den Seepferdchen. Die neu entdeckte Art ist erst die dritte Fetzenfisch-Art, welche die Wissenschaft kennt. Sie ist rund 25 Zentimeter lang und lebt in relativ seichten Gewässern – weshalb sie erst jetzt entdeckt wurde, ist ein Rätsel.

Bei Nummer sieben sind wir wieder in Südamerika. Es handelt sich um einen unscheinbaren, kleinen Käfer aus Peru. Auffällig ist bloss sein lateinischer Name: Phytotelmatrichis osopaddington. Das klingt eher nach einem Bären als nach einem Käfer und tatsächlich soll der Name auf das Los des gefährdeten Brillenbären aufmerksam machen, der wiederum das Vorbild war für Paddington, den Bären, den Kinder aus Büchern und Filmen lieben.

Gerade mal eine der gekürten Neuentdeckungen kommt aus Europa, respektive kam: Denn der Affe mit dem Namen Pliobates cataloniae wurde zwar in Spanien entdeckt, allerdings lebte er dort bloss bis etwa vor 11,6 Millionen Jahren. Die genauen Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Pliobates cataloniae und anderen Frühaffen sind etwas kompliziert, laut Forschern werfen sie aber die Frage auf, ob die Vorfahren von uns Menschen nicht näher mit Gibbons verwandt gewesen sein könnten als mit Menschenaffen.

Pink Floyd und die Prachtlibelle
Die zwei letzten Plätze auf der Liste gehen ans zentralafrikanische Land Gabun. Da ist zum einen ein bis zu sechs Meter hoher Baum, der Blüten hat, welche ein wenig an jene von Nachtschattengewächsen wie Kartoffel oder Tomate erinnern. Allerdings ist er mit diesen nicht näher verwandt, sondern eine derartige Spezialität, dass die Forschung für ihn eine neue Gattung einführen musste.

Zum anderen ist da ein Tier, das stellvertretend steht für eine der spektakulärsten wissenschaftlichen Publikationen im Gebiet der Taxonomie des letzten Jahres: Forscher gaben in einer einzigen Publikation den Fund von nicht weniger als 60 neuen Libellenarten bekannt, alle entdeckt in Afrika, und die meisten so farbenprächtig und unverwechselbar, dass man sie problemlos auf Fotos von anderen Arten unterscheiden kann. Die gekürte Art ist eine Prachtlibelle mit dem klingenden Namen Umma gumma, benannt nach einem Album der britischen Rockband Pink Floyd.

10 Millionen unentdeckte Arten?
Die Liste wird seit 2008 jeweils am Geburtstag von Carl von Linné bekannt gegeben, dem Begründer der modernen Taxonomie, der Benennung und Einteilung von Lebewesen. Sie soll darauf aufmerksam machen, dass auch heute noch ein grosser Teil der biologischen Vielfalt auf der Erde unbekannt ist – und dass der Mensch ein noch nie dagewesenes Artensterben verursacht.

«Im letzten halben Jahrhundert sind Arten in alarmierender Geschwindigkeit ausgestorben», wird Quentin Wheeler, Präsident des Suny College of Environmental Science and Forestry in einer Mitteilung zitiert. «Es wird Zeit, dass wir die Suche nach neuen Arten forcieren.» Denn Forscher glauben, dass noch 10 Millionen Arten auf ihre Entdeckung warten, fünf Mal mehr, als bereits bekannt sind. Und nur was bekannt ist, kann geschützt werden.

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