Sie sind hier: TierweltAktuell

Share

Freiwilligenarbeit

Waldschutz im Steilhang

Natur & Umwelt | Donnerstag, 26. Mai 2016, Matthias Gräub

Für das Bergwaldprojekt rackern sich jedes Jahr Freiwillige im Dienst der Natur ab. Eins der Projekte findet im steilen Wald an der Rigi-Nordflanke statt und schützt Schienen und Strassen vor Lawinen und Erdrutschen.

Alle dreissig Minuten fährt die kleine Gondelbahn von Küssnacht auf die Seebodenalp. Es ist die weniger touristische Seite der Rigi, der Nordhang. Steil, dicht bewaldet, glanzlos. Dennoch ist die Aussicht aus der Seilbahnkabine hübsch. Gemächlich wird die Küssnachter Kirchturmspitze am Nordzipfel des Vierwaldstättersees kleiner, dafür taucht rechter Hand der Südzacken des Zugersees auf und weit hinten ragt der Mythen empor.

An ein paar schattigen Flecken im Wald hier oben liegt noch etwas Schnee. Schnee von gestern, den die Frühmorgensonne noch nicht wegschmelzen konnte. Das dauert noch etwas. Aber im Gegensatz zu den paar letzten Tagen verspricht der Himmel heute richtigen Frühling.

Auf der Seebodenalp angekommen, geht es in den Wald hinein. Vorbei am Förster, der auf einem Stapel Baumstämme gerade seinen Pausenkaffee trinkt, hin zu einer Hütte in knapp 1000 Metern Höhe, vor der Ruedi Schmid an einem robusten Picknicktisch sitzt. Jacke trägt er keine, ein dicker Pulli reicht. Dazu eine grüne Arbeitshose und schwere Schuhe. Und eine Kappe. «Die trag ich noch gerne im Wald», sagt er, «dort ist es dann doch noch kühl.» Schmid ist Leiter des Bergwaldprojekts an der Rigi-Nordlehne. Beruflich baut der 32-jährige Einsiedler Photovoltaikanlagen. Nun hat sich der selbstständige Umweltingenieur zwei Wochen Ferien genommen, um mit einer Gruppe Freiwilliger den dunklen Wald zu pflegen.

Kein Strom, kein warmes Wasser
«Wir machen hier das Gleiche wie die Förster», beschreibt Schmid das Bergwaldprojekt, «einfach freiwillig.» Entstanden ist es im Jahr 1987, als Gründer und Förster Renato Ruf in der Debatte um das Waldsterben beschloss: «Alle reden vom Wald – wir gehen hin!» Seither führt die Stiftung jedes Jahr eine Reihe von Projektwochen für Freiwillige durch. Förstercamps für Anfänger und Naturliebhaber, am Hauptsitz in Trin GR, aber auch im Berner Oberland, im Entlebuch – oder eben auf der Rigi. Schmid ist zum dritten Mal als Projektleiter dabei und davor schon zweimal als Zivildienstleistender. «Dann hat es mir den Ärmel reingenommen.»

Während die Köchin auf dem Bänklein vor der Hütte (ein Massenschlag für die Teilnehmer, kein Strom, fliessendes, aber kaltes Wasser) schon fürs Znacht rüstet, macht sich Ruedi Schmid auf den Weg in Richtung Mittagessen. Runter, tief in den Bergwald hinein. Der Schnee der letzten Tage hat die schmalen Pfade aufgeweicht. Dort, wo er schon geschmolzen ist, versaufen die klobigen Schuhe im Matsch, wo er sich noch gehalten hat, rutscht Schmid trotz Traktorprofilen bedrohlich in Richtung Abhang. Der Weg ist steil. Kein Wanderweg, ein Forstweg, höchstens.

Diesen Weg sind drei Männer aus dem Bergwaldprojekt gerade am Ausbessern. Dort, wo er besonders unwegsam ist. Einer gräbt den Boden mit einem Wiedehopf um, einem Werkzeug, halb Beil, halb Hacke, das durch seine Form an «Frisur» und Schnabel des namensgebenden Vogels erinnert. Die beiden anderen stehen etwas oberhalb und schaufeln frische Erde auf den Weg. Die Arbeit hier ist schon fast erledigt. Ein dicker Baumstamm, gut am Abhang fixiert, sorgt dafür, dass künftig weder der Pfad noch der Förster absacken und zu Tal rauschen. Nur das Handseil fehlt noch, das wird später fixiert, dann kann nichts mehr passieren, zumindest hier nicht.

Nicht für jeden Bürogummi
Einer der beiden Schaufler stellt sich mit dem Namen Marco vor. Der lange Locken­kopf unter dem breitkrempigen Hut ist Informatiker. Ein Bürojob. «Ich habe mir einfach eine Woche Ferien genommen», sagt er, «all-inclusive quasi.» Marco ist schon zum zweiten Mal beim Bergwaldprojekt dabei. Nach dem ersten Mal habe er gemerkt: «Es gibt mir einen ungeheuren kreativen Schub, wenn ich wieder zurück im Büro bin.» Man müsse aber schon der Typ für diese Art von Ferien sein: «Ich würde es nicht jedem Bürogummi empfehlen. Man muss im Massenschlag schlafen und den ganzen Tag draussen sein können.» Marco kann das offenbar, und auch der Schnee der letzten paar Tage hat ihm wenig ausgemacht: «Das letzte Mal hat es eine Woche lang durchgeregnet», erinnert er sich, «von dem her ist das schon eine Steigerung.»

Ruedi Schmid sammelt die drei Wegbauer gleich ein, sie machen sich mit ihm auf den Weg runter, zum Mittagessen. Ein paar rutschige Serpentinen sind da noch, doch der Pfad ist angenehmer als weiter oben, hier ist er schon frisch renoviert. «Etwa alle zwei Jahre müssen die Wege freigelegt werden», sagt Schmid. Das ist keine wirkliche Naturschutz-Arbeit, die die Freiwilligen hier erledigen, doch sie erleichtert dem nächsten Team oder dem Förster die Arbeit im Wald.

Auf einer kleinen Lichtung haben sich die restlichen Freiwilligen versammelt. Ein schwerer Suppentopf hängt über einem Lagerfeuer, darin dampft es. Apfelschnitze und Käsestücke werden verteilt, Suppe wird geschöpft. Die Mittagspause ist wohlverdient und wird um Punkt zwölf eingeläutet. Grund genug für die paar deutschen Projektteilnehmer, einen gut gemeinten Scherz über die Schweizer Pünktlichkeit fallen zu lassen.

Von hier aus ist der Blick frei auf den Zugersee. Auf die Autobahn, die Hochspannungsleitung und die Zugstrecke in Richtung Goldau. Eine wichtige Nord-Süd-Achse, umso mehr, als hier eine der beiden Eisenbahnlinien in Richtung des neuen Gotthard-Basistunnels entlangführt. Vorstellbar das Chaos, das auf Schiene und Strasse entstehen würde, ginge hier eine Lawine oder ein Erdrutsch ab. Um das zu verhindern, steht hier der Schutzwald, in dem die Freiwilligen nun arbeiten. Er – oder zumindest dieser Abschnitt – gehört den SBB, ebenso die Hütte, in der die Projektteilnehmer nächtigen. Schweizer, Deutsche, ja gar ein Pole, sind unterwegs, im Auftrag der Bundesbahnen. Verdienen tun sie dabei im Gegensatz zu Projektleiter Schmid nichts. «Dafür brauchen sie die ganze Woche über keinen Rappen», sagt er und schiebt sich das letzte Stück Brot in den Mund.

Eine der deutschen Freiwilligen ist Heidi. Die Hausfrau und Mutter erwachsener Kinder hat ihre Suppe soeben fertig gelöffelt: «Ich habe vor einigen Jahren vom Projekt gehört und gedacht, das muss ich unbedingt mal machen.» Ihr erster Einsatz im Bergwald sei bestimmt nicht der Letzte: «Ich habe noch keinen Tag bereut», sagt die Naturfreundin und ergänzt: «Ich kann mir gut vorstellen, das zu meinem Lebensinhalt zu machen. Es macht einfach Spass: Das Leben in der Hütte, die verschiedenen Menschen und dann tut man erst noch etwas Gutes.» Vermutlich wird sie noch dieses Jahr ihre nächste Freiwilligenwoche in einem Schweizer Bergwald absolvieren.

Asthaufen für mehr Sonnenlicht
Heidi streift sich ihre blauen Arbeiterhandschuhe über und widmet sich wieder dem Holz. Ihre heutige Aufgabe ist es, Äste und Zweige einzusammeln und aufzuschichten. Das klingt ein wenig nach Beschäftigungstherapie, hat aber durchaus einen Nutzen für den Wald. Die Förster haben hier Holz geschlagen, um den Wald zu verjüngen, also alte Bäume entfernt, um junge nachwachsen zu lassen. Doch Bäume brauchen Licht zum Wachsen, also muss Heidi die Zweige aufräumen, um Licht durchzulassen. Die Bäume agieren dabei als natürlicher Schutz vor Lawinen und Erdrutschen. Ruedi Schmid erklärt: «Das Wurzelwerk hält den Hang zusammen.»

Zudem sorgen Bäume für einen gleichmässigen Wasserabfluss. Sie speichern das Wasser und geben es langsam wieder ab. «So kommt nicht alles auf einmal runter», sagt Schmid und ergänzt: «Den Touristenkindern aus dem Mittelland sagt man, der Wald hier sorgt dafür, dass bei ihnen nichts überschwemmt wird.» 

www.bergwaldprojekt.ch

Share

Kommentar schreiben


Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen, als Leserzuschriften im Heft abzudrucken oder auf die Publikation zu verzichten.

Galerien Alle Galerien