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Weihnachtsinsel

Das grosse Krabbeln

Natur & Umwelt | Mittwoch, 1. Juni 2016, Giorgio Keller

Es gibt Destinationen, die bequemer zu erreichen sind als die Weihnachtsinsel. Dafür trumpft das Eiland im Indischen Ozean mit einem einmaligen Schauspiel aus der Tierwelt auf: der jährlichen Krabbenwanderung.

Beim Namen Weihnachtsinsel denkt wohl manch einer an ein eisiges Stück Fels im Nordatlantik, auf dem höchstens ein paar Rentiere leben. In Wahrheit liegt die Weihnachtsinsel im Indischen Ozean, nur etwa zehn Grad südlich des Äquators, 350 Kilometer südlich von Java (Indonesien) und 2600 Kilometer nordwestlich der australischen Westküste. Tropischer Regenwald bedeckt die Insel, dazu kommen schroffe Küsten, ein paar feine Strände und eine Jahresdurchschnittstemperatur von etwa 27 Grad.

Seinen Namen verdankt das Inselchen, das zehnmal kleiner ist als der Kanton Aargau, dem Tag seiner Entdeckung. Der englische Seefahrer William Mynors erreichte das Eiland auf der Royal Mary am 25. Dezember 1643 und gab ihm den Namen Christmas Island. Damals war die Weihnachtsinsel noch unbewohnt. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts leitete die britische Krone die Besiedelung ein und begann mit dem Abbau und Export von Phosphat im Tagebau. 

60 Millionen Krabben auf Wanderschaft
Phosphat ist noch heute mit einem Umsatz von 20 Millionen Franken jährlich der wirtschaftliche Reichtum der Insel, die seit 1958 politisch zu Australien gehört. Den natürlichen Reichtum hingegen bildet die Fauna. Fast zwei Drittel der Insel stehen unter Naturschutz, im 1980 gegründeten Nationalpark. Neben einem Dutzend Meeresvögel, die man sonst nirgendwo findet, leben auf Christmas Island auch endemische Fledermäuse, Geckos und Echsen. Der grosse Star jedoch ist die rot gefärbte Weihnachtsinsel-Krabbe (Gecarcoidea natalis). Einmal im Jahr vollführen die Krabben ein Schauspiel, wie es nirgendwo sonst zu beobachten ist: Im Herbst begeben sich 40 bis 60 Millionen Krebse vom Dschungel Richtung Meer, um ihre Eier ins Wasser abzugeben. Zur Wanderzeit ist die Insel rot gefärbt von den Krabben-Massen.

Die rund 2000 Einwohner der Weihnachts­insel gehen gelassen um mit der alljährlichen Invasion. Schlimm sei es nicht, sagt Oliver Lines, der Touristen auf der Insel betreut. «Wir Bewohner sind den Umgang mit den Krabben gewohnt.» Zudem sei alles organisiert. Denn die Insulaner wissen: Das Szenario beginnt jedes Jahr von vorne, meist im November zu Beginn der Regenzeit und zwischen zwei Vollmondphasen. Dann ist Paarungszeit bei den Weihnachts­insel-Krabben, die etwa handgross werden und mit vier bis fünf Jahren die Geschlechtsreife erreichen. Vom Regenwald, in dem sich die Krabben von herabfallendem Laub ernähren, wandern zunächst die Männchen an die Küste, nehmen Meereswasser auf und krabbeln zurück in den Wald. Dort graben sie Paarungshöhlen, die sie gegen Rivalen verteidigen.

Sind Männlein und Weiblein zusammen, findet in diesen Höhlen eine etwa 20 Minuten dauernde Paarung statt. Danach ist die Reihe an den Weibchen. Sie begeben sich ans Meeresufer und überlassen die befruchteten Eier dem Meer. Nach wenigen Wochen wandern dann die aus den Eiern geschlüpften Jungtiere in einer tagelangen Massenwanderung von der Küste in die Wälder. Auf ihrem Weg über die Insel überwinden die Krabben grösste Hindernisse und steuern zielsicher in Richtung Meer oder zurück – bis heute hat man nicht herausgefunden, wie sie sich orientieren. 

Reisinformationen
Die Weihnachtsinsel bietet sich zum Beispiel an als Umweg nach oder von Australien. Es ist ein australisches Visum erforderlich. Man erreicht die Insel je einmal pro Woche aus Jakarta (Indonesien, eine Flugstunde) oder aus Perth (Australien, vier bis sechs Stunden). Einmal angekommen, ist es ratsam, sich einen Allrad-Mietwagen zu besorgen: Öffentliche Verkehrsmittel gibt es keine. Das Leben spielt sich am Hauptort ab, Flying Fish Cove. Die Hotellerie ist sehr funktionell und einladend, die wenigen Restaurants bieten einen guten Service. Nur eines kommt nicht auf den Tisch: die Weihnachtsinsel-Krabbe.
Christmas Island Tourism Office

 

Christmas Island kümmert sich vorbildlich um die rotschaligen Wandergesellen. Wo die meisten Tiere unterwegs sind, werden lange Blachen am Strassenrand fixiert, damit die Krabben in speziell gebauten Unterführungen oder gar über fünf Meter hohe Brücken sicher auf die andere Seite kommen. «Die Strassen werden bis auf wenige Verbindungen für den Verkehr zugesperrt», erklärt Oliver Lines. Und wo nicht, sind die Krabben trotzdem nicht in Gefahr, auch wenn sie sich zu Tausenden auf der Strasse tummeln. Runterbremsen, umfahren, lautet die Devise. 

Angela, die quirlige Geschäftsführerin des besten Hotels auf der Insel, gesellt sich an den Frühstückstisch: «Habt ihr schon die Tafeln am Strassenrand gesehen? Unsere Kinder geben sich so viel Mühe.» Was sie meint, sind die Aufrufe der Kinder, die Krabben nicht zu überfahren, die an vielen Strassen zu sehen sind. «Unsere Krabben, unserer Zukunft», heisst es zum Beispiel darauf. Oder: «Die Krabben, das sind wir!»

rgendwo hat die Krabbenliebe der Weihnachtsinsulaner aber ihre Grenzen. «Haltet immer schön die Türen der Bungalows geschlossen», rät Angela. Den Krabben sei noch die kleinste Öffnung gross genug, um sich in die Häuser zu schleichen. «Aber keine Angst, sie sind nicht giftig, eher scheu und greifen nicht an. Nur anfassen solltet ihr sie nicht, dann beginnen sie zu zappeln und können auch einmal kneifen.»

Überfahren kostet bis zu 4000 Franken
Die roten Krabben sind nicht die einzigen, um die man auf den Strassen der Weihnachts­insel einen Bogen fahren muss. Spektakulär ist die Begegnung mit einem Palmendieb – einer Krabbenart, die bis zu einem Meter Beinspannweite erreicht und 90 Jahre alt werden kann. Seinen Namen trägt er, weil er auf Palmen klettert, um Kokosnüsse zu verzehren. Die Palmendiebe stehen im Nationalpark unter Schutz, denn die Weihnachts­insel beherbergt die weltweit grösste Population dieser Krabbenart. Überall am Strassenrand wird der Verkehrsteilnehmer dazu aufgefordert, abzubremsen und dem «Dieb» auszuweichen. Wehe, er würde überfahren; es droht eine Strafe von bis zu 4000 Franken.

«Christmas» ist allerdings weit mehr als nur Krabben. Die Insel ist ein Eldorado für jeden Trekker, der hier weder gefährliche noch giftige Tiere antreffen wird. Wer das Gelände mit dem Velo erkunden will, findet Steigungen bis 18 Prozent. Begeisterung verspricht ein Tauch- und Schnorchelausflug in den dunkel­blauen Indischen Ozean. An der Dolly Beach, dem schönsten Strand auf der Insel, will das Baden aber verdient werden: Vom Parkplatz aus – den man nur mit einem Allrad-Fahrzeug erreicht – sind auf einem elegant ausgebauten Steg 40 Minuten Fussmarsch angesagt.

eg 40 Minuten Fussmarsch angesagt. Zwei Drittel der Bewohner der Weihnachts­insel sind chinesischer Abstammung, den Rest teilen sich Malaysier und Australier. Wie wohnen sie zusammen? Alberto Bondi ist Italo-­Schweizer aus Como und Lugano und arbeitet seit einem Jahr im Supermarkt. Laut ihm gibt es keinerlei Probleme mit dem Multikulti: «Die Chinesen leiten die Geschäfte, die Australier die Politik und die Malaysier beten fünfmal am Tag. Kriege und was sonst in der grossen Welt passiert, ist alles so weit weg und interessiert hier niemanden. Man lebt – und jeder hat seine Ruhe.» Sogar die Krabben. 

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