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Rüsselkäfer

Die Käfer mit der langen Schnauze

Wildtiere | Montag, 20. Juni 2016, Simon Koechlin

Über 1000 Rüsselkäferarten gibt es in der Schweiz. Manche sind so klein, dass man sie ohne kundigen Führer niemals finden würde. Unterwegs mit dem Käfer­experten Christoph Germann.

Wer von wildfremden Menschen auf der Strasse angesprochen werden möchte, sollte Insektenkundler werden; sein Fangnetz nehmen und es mitten in der Stadt Solothurn durch das Grün einer Strassenrabatte ziehen. So wie Christoph Germann an diesem sonnigen Junimorgen. Sofort bleibt ein Mann stehen und will wissen, was er da tue. Doch als Germann «Käfer suchen» entgegnet, macht sich der Mann schnell davon – solche Tiere interessieren ihn nicht, wie es scheint.

Dabei hätte Germann, 37-jährig, Verantwortlicher für die Insektensammlung im Naturmuseum Solothurn, braungebrannt von einer eben erst absolvierten Käferexkursion in Griechenland, auf dem Kopf eine Schirmmütze, viel Spannendes zu erzählen über die an der Anzahl Arten gemessen erfolgreichste Tiergruppe überhaupt. Ungefähr 350'000 Käferarten sind weltweit beschrieben, knapp 7000 sind in der Schweiz heimisch.

Zwei davon klaubt Germann nun aus dem Netz und steckt sie in ein verschliessbares Glas, damit sie nicht davonkrabbeln. Der eine ist derart klein, dass er mit blossem Auge eher wie ein Staubkorn wirkt. Erst unter Germanns Lupe werden sechs winzige Beinchen sichtbar, zwei bräunliche Deckflügel, zwei Fühler – und eine Art Rüssel. «Das ist ein Zwergrüssler der Gattung Protapion», erklärt Germann, «er lebt hier auf dem Weissklee.»

Arbeit mit einer hochpräzisen Fräse
Auch beim zweiten Fang handelt es sich um einen Rüsselkäfer. «Diese Art hier, ein Ceutorhynchus, ernährt sich von Pflanzen wie der Ackerschmalwand oder dem Hirtentäschelkraut», sagt Germann. Vor allem die nährstoffreichen Blüten würden ihm schmecken. Beim Fressen verlässt sich der Käfer auf seinen langen Rüssel. Es handelt sich dabei nicht um einen Saugapparat wie bei Stechmücken, sondern um eine Art Fräse. «Mit dieser verlängerten Mundpartie haben Rüsselkäfer ein äusserst genaues Werkzeug», sagt Germann. Der Ceutorhynchus etwa nutzt ihn auch, um in die Früchte, die sogenannten Schoten, der Ackerschmalwand ein Loch zu bohren, in das er seine Eier ablegt. Wenn die Larven schlüpfen, sitzen sie mitten im Schlaraffenland.

Germann packt das Exkursionszubehör wieder in seinen Rucksack. Er will sein Glück etwas weiter vorn versuchen, bei ein paar Bäumen direkt an der Aare. Unterwegs erzählt er mehr über die Rüsselkäfer. Allein in der Schweiz gehören rund 1100 Arten zu dieser Familie. Da gibt es solche, die kaum einen Millimeter gross sind, wie den Protapion, und solche, die bis zu zwei Zentimeter lang werden. Bei einigen ist der namensgebende Rüssel eher gedrungen und breit, bei anderen fein und lang. Beim Haselnussbohrer (Curculio nucum) ist der Rüssel ebenso lang wie der Körper, beim Esskastanienbohrer (Curculio elephas) sogar länger. Die beiden Arten legen ihre Eier in unreife Haselnüsse respektive auf junge Marroni­früchte. «Bei allen Arten haben die Weibchen die längeren Rüssel als die Männchen», sagt Germann. Das erlaube es ihnen, präzise und möglichst tiefe Löcher zu bohren, um die Eier an die ideale Stelle abzulegen.

Mal mit, mal ohne Männchen
Nun zieht Germann ein weisses Tuch aus seinem Rucksack, das straff über einen runden Rahmen gespannt ist. Er hält es unter eine Hasel und schlägt mit einem Stock auf die Äste darüber. Einige Rindenstückchen und Blättchen fallen auf den Stoff. Germann wirft einen genauen Blick darauf, entfernt da ein Blatt und dort ein Ästchen – und schon hält er wieder einen Käfer mit Rüssel in der Hand. «Der gehört eigentlich gar nicht hierher», sagt er. Was da durch das Getrommel den Halt im Haselstrauch verloren hat, ist nämlich nicht etwa ein Haselnussbohrer, sondern ein Kirschkernstecher (Anthonomus rectirostris), ein in Steinobstanlagen ungern gesehener Gast. Wahrscheinlich hat er sich um ein paar Meter verflogen, denn gleich nebenan steht eine Vogel-Kirsche. 

Ein älteres Ehepaar kommt daherspaziert. Wieder zeigt sich, dass die Insektenkunde zwar eine gesprächsöffnende Wirkung hat, aber nicht immer für lang anhaltendes Interesse sorgt: «Was macht ihr da?», fragt der Mann, etwas barsch. «Wir suchen Käfer», antwortet Germann freundlich. «Für was?», fragt die Frau mit einer Mischung aus Unglauben und Ekel in der Stimme. Gleichzeitig tritt der Mann näher, beugt sich übers Insektentuch und sagt: «Das da ist eine Fliege.» Und schon machen sich die beiden vom Acker.

Bei Christoph Germann dagegen hält die Faszination für Insekten seit Jahrzehnten. Schon mit neun oder zehn Jahren habe er Käfer gesammelt, erzählt er. Schon als Bub durfte er in den Käfersammlungen des Naturhistorischen Museums Bern stöbern, knüpfte Kontakte im Entomologischen Verein Bern – dass er sich später im Biologiestudium auf Insekten spezialisieren würde, war da schon fast klar. Inzwischen ist Germann zu einer Art Käfer-Koryphäe geworden, vor allem wenn es um Rüsselkäfer geht. Über 100 neue Arten für die Schweiz hat er bislang entdeckt, drei seiner Entdeckungen waren der Wissenschaft gar komplett neu. 

Es ist nicht nur ihr verlängertes Mundwerkzeug, das die Rüsselkäfer derart erfolgreich macht. Bei vielen Arten können die Weibchen sich klonen. Weil dadurch die Männchen überflüssig werden und jeder Käfer (statt nur jeder zweite) Eier legen kann, können Populationen explosionsartig wachsen. Festlegen tun sich die Käfer allerdings nicht. «In der Gruppe der Dickmaulrüssler hat man diese Parthenogenese bei ungefähr der Hälfte der 80 Schweizer Arten nachgewiesen», sagt Germann. «Aber bei allen findet man in einigen Gebieten auch Populationen mit Männchen.»

Die asexuelle Vermehrung hilft den Käfern bei der Ausbreitung. Es reicht ein einziges Tier, das in einem Pflanzentopf über den Ozean gelangt, um eine Art in einem anderen Kontinent anzusiedeln. Laut Germann ist es wohl kein Zufall, dass 20 bis 25 der zur Par­thenogenese fähigen Dickmaulrüssler in der Schweiz eingeschleppt worden sind. Beim Gefurchten Dickmaulrüssler (Otiorhynchus sulcatus), dem sogenannten Rebenfresser, etwa finden sich in unserem Land bloss Weibchen. In Italien, wo er herstammt, gibt es dagegen auch Männchen.

Verräterische Frassspuren an Blättern
An solchen Einwanderern haben Gärtner und Landwirte gar keine Freude. Denn Dickmaulrüssler sind gefürchtet, weil sie sich in Gärten und auf Feldern über eine ganze Reihe von landwirtschaftlich genutzten Pflanzen hermachen. Typisch für einen Dickmaulrüssler-Befall sind aus den Blättern herausgefräste Muster, wie sie Germann nun an einem Ahornblatt zeigt. Er rüttelt an dem Bäumchen – und tatsächlich liegt danach ein wunderbar grünlich glänzender Käfer auf dem Fangtuch. Es ist ein Grünrüssler namens Polydrusus formosus. Wie andere Dickmaulrüss­ler legt er seine Eier im Boden ab, wo sich die Larven an Wurzeln gütlich tun – ein weiterer Grund, weshalb die Tiere bei Gärtnern unbeliebt sind.

Wer hingegen mit Christoph Germann unterwegs ist, der ist bald ganz fasziniert von der Vielfalt dieser Insekten. Denn wohl mögen sie das eine oder andere Mal eine ­Erdbeerpflanze zum Absterben oder eine Rose um ein paar Blätter bringen. Doch ­eigentlich sind Käfer ja vergleichsweise friedliche Gesellen. 

Als Germann erneut mit seinem Fangnetz durch eine Wiese geht, fährt eine junge Frau auf dem Velo herbei. «Sucht ihr Zecken?», fragt sie – und scheint erleichtert, als sie hört, dass wir «bloss» ein paar Käferarten gefunden haben. 

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