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Yukon

Wälder, Bären und die Gier nach Gold

Natur & Umwelt | Mittwoch, 3. August 2016, Yvonne Vogel

Die pure Natur in XXL-Dimensionen – das ist Yukon. Bären, Elche, Wölfe und ­viele weitere Tiere tummeln sich in den ­unendlichen Weiten des nordwestkanadischen Territoriums. 

Der Yukon wird von rund 250 Vogelarten und unzähligen Vierbeinern bevölkert; bekanntere wie Biber, Wölfe, Luchse, Elche (Moose) – und unbekanntere wie Vielfrasse (Wolverine), Erdhörnchen, Karibus, Dallschafe, Stachelschweine (Urson) sowie die wieder angesiedelten Bisons und Wapitis. Und doch denkt man bei der Reise in den hohen Norden Kanadas zunächst an Bären – und daran, ob man wohl einen Grizzly oder einen Schwarzbären zu Gesicht bekommen wird?

Um Bären oder andere Wildtiere zu entdecken, müssen wir zunächst die Zivilisation hinter uns lassen. Das ist schnell getan, ist doch Whitehorse mit 26 000 Einwohnern die einzige Stadt Yukons. Ausserhalb beginnen die Weiten der borealen Nadelwälder, die sich endlos entlang des 1942 erbauten Alaska Highways erstrecken. 

Es sind kaum Autos unterwegs. Weit vorn fährt ein Campingbus – nein, er steht dort. Quasi mitten auf der Fahrbahn. Panne, denkt der naive Tourist, unser Reiseleiter Holger Bergold weiss es besser und mahnt uns anzuhalten. «Wenn einer hält und den Warnblinker einschaltet, dann gibt es was zu sehen», sagt er. Also halten wir hinter dem Camper an – und tatsächlich, ein Braunbär, ein Grizzly, wie man am Nackenbuckel erkennen kann, gräbt in rund 15 Metern Entfernung nach etwas Essbarem. «Wahrscheinlich nach einem Erdhörnchen», sagt Bergold. 

Der Braunbär – es muss sich um ein rund zweijähriges Jungtier handeln – lässt sich durch unsere neugierigen Blicke und das Geknipse der Fotokameras nicht im Geringsten stören. Niedlich und friedlich wirkt er. Doch der erfahrene Reiseleiter warnt: «Man glaubt es kaum, welche Geschwindigkeit das behäbig wirkende Tier auf den ersten Metern erreichen kann.» Also bleiben wir im, respektive dicht neben dem Auto und betrachten beeindruckt ein Tier, das wir bis anhin bloss im Zoo oder am Fernsehbildschirm sehen konnten. 

Zu 80 Prozent vegetarische Ernährung
Für die Bewohner Yukons ist die Existenz der Bären kein Aufreger, «Bearanoia» kennen sie nicht. Das hat Gründe: Der Bär reisst keine Nutztiere – weil es im Yukon abgesehen von ein paar wenigen Pferden keine gibt. Er hält sich von Siedlungen fern, da er genügend Platz hat und auch nicht durch Futter in die Zivilisation gelockt wird. Denn die Mülltonnen sind allesamt bärensicher verschlossen. Man kann sie nur öffnen, indem man mit den Fingern in einen schmalen Hohlraum fährt und eine Klappe drückt. Das kann der Bär mit seinen Pranken nicht. 

«Der Bär ist nicht das Problem, sondern der Mensch, wenn er sich falsch verhält», sagt Brent Liddle, der seit Jahrzehnten im Yukon lebt. Er führt die Reisegruppe am Lake Katherine entlang und zeigt Bärenspuren. Da eine zerkratzte Baumrinde, in der ein Bär wohl Larven und Insekten gefunden hat, dort ein Baumstamm mit kleinen Schürfungen. «Hier hat sich ein Bär mit dem Rücken gekratzt, um sein Revier zu markieren», erklärt Liddle. Einzelne Bärenhaare kleben noch am ausgetretenen Harz. 

Gefährlich könne eine Begegnung mit einem Bären höchstens dann werden, wenn man ihn aufschrecke oder er sich bedroht fühle, sagt Brent Liddle. Denn eigentlich gehört der Mensch ja nicht auf den Speisezettel eines Grizzlys. Bären ernähren sich zu 80 Prozent vegetarisch. Im kurzen Sommer müssen sie Beeren in rauen Mengen und Lachse, welche die Flüsse hinaufwandern, fressen, um auf die lebensnotwendige Winterreserve zu kommen. Schafft das eine trächtige Bärenmutter (Bären gebären im Winter in der Höhle) nicht, so stirbt ihr Embryo im Herbst ab. 

Schätzungsweise 30 000 Bären leben im Yukon. Die Spezies Mensch ist mit 34 000 nicht viel zahlreicher vertreten. Die Ureinwohner, First Nations genannt, die aus 16 verschiedenen Stämmen bestehen, machen rund einen Viertel der Bevölkerung aus. Wie weltweit viele andere erstbewohnende Völker wurden sie diskriminiert. Auch heute noch haben sie nicht die gleichen Bildungschancen, werden in Sonderschulen gesteckt, konnten sich aber zumindest ein wichtiges Grundrecht zurückerobern, das uneingeschränkte Jagd- und Fischrecht. Also freier Zugang zu den Bärengebieten – und diese sind riesig. 

Natur und Wildlife in XL, Dörfer in XS
Die Natur- und Tierwelt des Yukon, einem Gebiet so gross wie Schweden und Dänemark zusammen, präsentiert sich in Superlativen. Der Kluane National Park ist, zusammen mit den angrenzenden Parks, zweieinhalbmal so gross wie die Schweiz und gänzlich unbewohnt. Darin befinden sich mit dem Mount Logan (5959 Meter) der höchste Berg Kanadas sowie die grössten nicht-arktischen Gletscher. Der Yukon (eine Anglisierung des Gwich’in-­Wortes «Yu-kun-ah» = grosser Fluss») ist mit seinen 3120 Kilometern der fünftlängste Fluss auf dem nordamerikanischen Kontinent. Noch ein Superlativ: Mit rund 200 000 Tieren zieht die grösste Karibuherde durch die Wälder und Steppen Kanadas und Alaskas. Zudem ist die Bärenpopulation im Yukon die grösste Nordamerikas. 

In den Siedlungen hingegen steppt nicht gerade der Bär – im Yukon ist Wildlife, nicht Nightlife angesagt. Sie bestehen meist aus einer losen Ansammlung weniger Häuser, vielleicht noch einer kleinen Kirche, einer Snackbar oder Tankstelle. Selbst Orte mit nur 40 Bewohnern sind auf einer 1:400 000- Landkarte eingetragen. 

Alle Minusrekorde schlägt die Ortschaft Chicken, die unweit der kanadischen Grenze in Alaska liegt. Downtown Chicken besteht nur gerade aus drei Häuschen: einer Bar, einem Souvenirladen und einem kleinen Restaurant. Eigentlich hätte die Gemeinde Ptarmigan heissen sollen, was Schneehuhn bedeutet, da aber niemand so genau wusste, wie man das schreibt, nannte man die XXS-Siedlung der Einfachheit halber schlicht Chicken. Susan schmeisst hier alle Läden. Und fragt man, was die «Soup of the day» ist, so erntet man einen leicht empörten Blick – «Chicken», natürlich!

Gold und Geld
Das 480 000 Quadratkilometer grosse Gebiet des Yukon eignet sich aufgrund der kalten, langen Winter (Oktober bis April) weder für Landwirtschaft noch für Viehzucht. Lebensgrundlagen ­waren einst Jagd und Fischfang. Nach den ersten Goldfunden 1896 und dem darauffolgenden «Klondike Gold Rush» begann ab Mitte des 20. Jahrhunderts die Goldsuche im grossen Stil. Mit Schaufelradbaggern wurden die Fluss­täler gnadenlos umgegraben, die Gier des Menschen ist sichtbar – auch wenn mittlerweile von Renaturierung gesprochen wird. Der Yukon ist immer noch grösstes Goldfördergebiet Kanadas. Doch hauptsächlich leben die Yukoner vom Tourismus und von Dienstleistungen.

Goldgräberstimmung wie um 1900  In Chicken haben wir etwa die Hälfte der sechstägigen Rundreise hinter uns, 500 Kilometer. Die staubige Naturstrasse – es herrscht ein trockenes Klima – führt durch ein riesiges Gebiet, das vor einigen Jahren abgebrannt ist. Die Weissfichten stehen wie schwarze Skelette in der Landschaft. Dazwischen wächst aber bereits wieder ein sattes Grün nach. 

Ein Waldbrand ist nur eine kurzzeitige Katastrophe, nach dem Feuer wachsen die Pflanzen in neuer Vielfalt nach, das Gebiet Yukons verzeichnet die grösste Biodiversität dieser nördlichen Breiten, die etwa Island entsprechen. 

Schlimmere Auswirkungen auf den Wald hat die Klimaerwärmung. Wenn es, wie dieses Jahr, im Januar regnet statt schneit, können Schädlinge wie der Borkenkäfer überleben – die Schäden an den Bäumen sind deutlich sichtbar. 

Die Route führt nun hinauf, auf 1400 Meter und damit über die Baumgrenze. Der Top-of-the-World-Highway macht seinem Namen alle Ehre und gibt einen meilenweiten Blick auf die gletschergeformte, runde Berglandschaft frei. Von der alpinen Höhenluft führt die Strasse alsbald wieder hinunter in die staubigen Tiefen, zurück an den Yukon River und zum berühmtesten Ort des Territoriums im Nordwesten Kanadas: Dawson City, die Goldgräberstadt. 

Hier scheint die Zeit bei der vorletzten Jahrhundertwende stehen geblieben zu sein. Die Häuserfassaden, Jack Londons Hütte, als auch er 1887 sein Glück im Gold suchte (erfolglos), und natürlich das Casino erinnern an die Zeiten, als in Dawson City der Bär – und im «Diamond Tooth Gerties» die Frauen Cancan tanzten. 40 000 Menschen siedelten Anfang des 20. Jahrhunderts an der Einmündung des Klondike-Rivers in den Yukon-River. Heute zählt die einstige Hauptstadt des Yukon noch 1300 Einwohner.

Nach dem ersten Goldfund am 16. August  1896 am Bonanza Creek setzte eine wahre Völkerwanderung in den hohen Norden Kanadas ein. Menschen mit der Hoffnung auf Glück und Reichtum nahmen die Strapazen einer beschwerlichen Reise auf sich. Zunächst mussten die von Süden kommenden Gold­sucher den White Pass überwinden. Zu Fuss, die Eisenbahnlinie wurde erst 1899 gebaut. Die 800 Kilometer vom Lake Bennett nach Dawson fuhren sie mit Flössen und Booten den Yukon River hinunter. Die dreiwöchige Reise führte durch zahlreiche gefährliche Stromschnellen wie im Miles Canyon oder diejenigen von White Horse und Five Fingers Rapids. 

Und nicht zu vergessen, in den Wäldern wie an den Flüssen lebten gefährliche Tiere wie Wölfe, Elche und Bären – die notabene auch hervorragende Schwimmer sind. Wir sind jedenfalls ganz froh, können wir den Schwarzbären, den wir soeben beim Überqueren der Strasse aufschrecken, aus dem Auto heraus beobachten – und entspannt zusehen, wie er in den Weiten des Waldes verschwindet.

Diese Reise wurde ermöglicht durch die Unterstützung von Tourism Yukon.

Anreise: von Mai bis September fliegt Condor wöchentlich von Frankfurt am Main nach Whitehorse (Direktflug, 9 Stunden).  

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