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Spanner

Farbenprächtige Nachtflieger

Wildtiere | Mittwoch, 5. April 2017, Martina Huber

Die Spanner sind eine der artenreichsten Schmetterlingsfamilien der Schweiz. Heiner Ziegler hilft mit, sie alle für ein Buch zu züchten und im Bild festzuhalten. Laut dem Bündner Arzt gibt es keinen Monat, in dem keine Falter fliegen. 

Der Winter ist die heikelste Zeit, und immer verlustreich», sagt Heiner Ziegler. Wegen der Trockenheit sterben immer wieder verpuppte Schmetterlinge, die der 65-Jährige im Jahr zuvor gehegt und gepflegt hat. Derzeit schlummern Puppen von gegen 30 Spanner-Arten auf seiner  Terrasse – in Bechern auf feuchten Sand gebettet, den er möglichst nie austrocknen lässt.

Von Beruf ist er Arzt, doch bereits vor mehr als 50 Jahren hat Ziegler die Faszination für Schmetterlinge gepackt. Seit 1988 arbeitet der Bündner gemeinsam mit einer Gruppe von 20 Schmetterlingsbegeisterten der ganzen Schweiz an einer Buchreihe. Zwar enthält das Standardwerk, das Karl Vorbrodt im Jahr 1911 publizierte, bereits einen Grossteil des Wissens über die Schweizer Schmetterlinge und ihre Lebensräume. Es handelt sich aber um ein reines Textbuch. 

«Vorbrodts Traum war ein Buch, das nicht nur beschreibt, sondern auch abbildet. Genau das haben wir 1988 gestartet», sagt Ziegler. Neben Beschreibungen der Arten und ihrer Lebensräume werden die Schmetterlinge in der Buchreihe auch gezeichnet und in allen Entwicklungsstadien fotografiert: vom Ei über die Raupe, Larve und Puppe bis hin zum ausgewachsenen Schmetterling.

Von unscheinbar bis wunderschön
Bereits erschienen sind unterdessen Werke über Tagfalter und Spinner, nun sind die Spanner an der Reihe: eine Familie der Grossschmetterlinge, die in der Schweiz gut 470 Arten umfasst und damit nach den Eulen die grösste Schmetterlingsfamilie darstellt. Sie zählen zu den Nachtfaltern, obschon nicht alle Arten nachtaktiv sind. Ihren Namen verdanken die Spanner der Fortbewegung ihrer Raupen: Sie klammern sich mit den Brustbeinen fest und ziehen dann ihren Hinterleib bis zur Brust heran, dass sich ihr Körper zu einer Figur krümmt, die wie das griechische Zeichen Omega ausschaut. Dann halten sie sich mit den hinteren Beinpaaren fest, um sich wieder nach vorne zu strecken.

«Viele Spanner sind klein und unscheinbar, aber es gibt auch ausgesprochene Schönheiten», sagt Ziegler. Besonders gut gefällt ihm etwa der Stachelbeer-Harlekin Abraxas grossulariata, der von Juni bis August in Auenwäldern, Heckengebieten und Gärten fliegt: Orange Bänder und schwarze Punkte überziehen seine mehrheitlich weissen Flügel, und auch sein Körper ist orange mit schwarzen Punkten. Oder der Nachtschwalbenschwanz Ourapteryx sambucaria, der im Juni und Juli bei Einbruch der Dunkelheit in der Nähe blühender Sträucher beobachtet werden kann: Er ist von einem zarten Gelb, feine gelbe Linien ziehen sich über die Flügel, und den Zipfel der Hinterflügel ziert je ein kleines rotes Auge. Der Pantherspanner Pseudopanthera macularia wiederum hat Flügel, die an einen Leoparden erinnern: leuchtend gelb mit braunen Flecken. Sein Körper ist gelb und ganz fein braun gesprenkelt.

Züchten, füttern, fotografieren
Bis alle Bilder für das Buch gemacht sind, werden noch einige Jahre vergehen. Von etwas mehr als 400 Arten Spanner hat Ziegler bisher die ausgewachsenen Falter fotografiert – ohne Blitz, wie er betont: «Spanner glänzen und reflektieren das Licht. Die besten Aufnahmen gibt es bei kühler Witterung im Halbschatten.» An die 300 Arten hat der Arzt auch als Ei, Raupe und Puppe abgelichtet, diese jeweils mit Blitz. Um all die Entwicklungsstadien fotografieren zu können, muss er die Falter in den meisten Fällen züchten. Manchmal sucht er die gewünschten Raupen, füttert diese, bis sie sich verpuppen, und fotografiert dann auch die Falter, wenn sie schlüpfen. 

Wobei es nicht immer einfach ist, die gesuchten Tiere zu finden, selbst wenn man am richtigen Ort sucht. So stiefelte Ziegler im Juli 2014 einen ganzen Tag lang durch die Lärchenwälder bei Chur und rüttelte an den Bäumen, in der Hoffnung, dass Raupen des Spanners Lycia isabellae herunterfallen würden. Ohne Erfolg, abends kehrte er frustriert nach Hause zurück. Der befreundete Zahnarzt Jürg Schmied aus Ilanz war es dann, der die Raupen fand und ihm zur Zucht brachte.

Meist nimmt Ziegler auf seinen Exkursionen aber nicht Raupen, sondern ausgewachsene Falterweibchen mit nach Hause. Ein einziges Tier legt dann im Idealfall zwischen einem Dutzend und einigen 100 Eiern ab – an die Blätter oder Äste jener Pflanzen, die der Arzt ihm in einem Joghurtbecher bereitstellt. Sind die Raupen geschlüpft, füttert er sie täglich mit ihren bevorzugten Futterpflanzen, bis sie sich verpuppen – eine Arbeit, für die Ziegler im Mai und Juni täglich eine Stunde Zeit aufwendet. Die Pflanzen in seinem Garten und Balkon wählt er im Frühling jeweils nach den Raupen aus, die er gerade in Zucht hat oder in Kürze zu züchten gedenkt.

Der Falter, der im Januar fliegt
Im Frühling und Sommer investiert Ziegler am meisten Zeit, Arbeit gibt es für ihn jedoch das ganze Jahr. Denn: «Es gibt keinen Monat ohne Falter.» So schlüpfen Kleine Frostspanner Operophtera brumata erst im Oktober und fliegen bis im Dezember. Bereits in den ersten milden Januarnächten schlüpfen und fliegen die Männchen des Frühen Schlehenbusch-Winterspanners Theria primaria. Die Weibchen sind flügellos und sitzen gut versteckt an den Schlehen- oder Weissdornbüschen, auf denen sie bereits als Raupen gelebt haben. «Früher galt diese Art als extrem selten», sagt Ziegler. Als er sie aber mit einem Kollegen in einer milden Januarnacht mit Stirnlampe suchen ging, fand er sie zahlreich. «Die Art ist gar nicht so selten. Normalerweise geht in Januarnächten einfach niemand raus, um nach Faltern zu suchen.» Zudem bleibe einem nicht lange Zeit, ausgewachsene Falter zu finden: Sie schlüpfen im Januar bei milder Witterung, verpaaren sich und sterben bereits beim nächsten Frost.

Nur an sehr wenigen Stellen zu finden ist der Spanner Glacies wehrlii. «Der lebt nur in der Gegend des Matterhorns, im steilen Fels oberhalb von 3200 Metern», sagt Ziegler. Man wisse noch praktisch nichts über die Art, aus­ser dass der Falter im Juli und August fliege. «Viele haben schon versucht, ihn zu züchten, aber das ist fast unmöglich, die Tiere sterben in unseren Höhenlagen.» Ein Bild von Glacies wehrlii fehlt bisher in Zieglers Galerie. Er hat auch nicht den Anspruch, eines zu machen: «Diese Art überlasse ich den Jungen.»

Auf der Seite www.pieris.ch unter «Geometridae» veröffentlicht Heiner Ziegler all seine Spanner-Aufnahmen sowie die bekannten Informationen zu den Arten.

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