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Abenteurer Thomas Ulrich

Auf einer Linie durch die Schweiz

Natur & Umwelt | Mittwoch, 30. August 2017, Olivier Joliat

Quer durch die Schweiz. Auf einer geraden Linie. Was eine Gruppe von Bergsteigern 1983 zum ersten und bisher einzigen Mal wagte, schaffte Thomas Ulrich aus Beatenberg nun im Alleingang: die Direttissima. 

Im Juli durchquerte der Abenteurer und Alpinist Thomas Ulrich in 28 Tagen die Schweiz an ihrer breitesten Stelle. Den Weg dieser Direttissima bestimmte die West-Ost-Landeskoordinate 1160. Eine gerade Linie vom Vallée de Joux VD bis zur Cima piccola di Tarres GR. Das sind querfeldein 330 Kilometer und 45 000 Höhenmeter. Ulrich durfte sich dabei maximal 500 Meter nördlich und südlich dieser Linie bewegen. Er war zu Fuss und mit dem Gleitschirm unterwegs. Vorbild des Unterfangens war die erste und bis dahin einzige Direttissima, die 1983 von einer Gruppe von Bergsteigern durchgeführt wurde.

Thomas Ulrich, einmal schnurgerade durch die Schweiz. Das hört sich im ersten Moment nach einer simplen Route an.
Auf der Karte vielleicht. Aber wenn man querfeldein geht, kann man viel erleben. Die Täler und Berge lagen alle schräg und quer zur Koordinatenlinie 1160, der ich folgte. Es war also ein ständiges Rauf und Runter. Trotzdem ging ich nicht an meine Leistungsgrenzen, wie ich das auf anderen Expeditionen im Ausland gemacht habe, etwa in Patagonien, Tibet oder in Grönland. 

Sie nahmen es gemütlich?
Ich wollte die Direttissima bewusst erleben. Auch als Gegenpol zum Zeitgeist, wo alles auf schnell, leicht und zack-bumm-fertig getrimmt ist. Ich suchte die Musse. Sich zwischendurch setzen, eine Zigi rauchen und die Landschaft bewundern. 

Eine Zigi rauchen? Geht das als Profi-Abenteurer?
Ja, sicher geht das. Ich drehe seit ein paar Jahren gerne hin und wieder eine.

Die Direttissima war Ihre erste Expedition in der Schweiz.
Klar war ich für Fotoshootings schon anderswo in den Alpen und schaute unterwegs ein bisschen links und rechts der Strasse. Die Schönheit der weiten Weiden auf den Jurahügeln und die Kulturlandschaft der Waadt mit Korn und Mais kannte ich aber noch nicht.

War das flache Mittelland für Sie als Bergler nicht eher Muss denn Musse?
Ich bin schon eher der Bergmensch. Dort läuft auch der Kopf mit, weil man überlegen muss, wie man hochkommt. Das einzige Anspruchsvolle im Flachland war, dass ich nicht quer durch das Kornfeld eines Bauern trample.

Auf Ihrem Weg mussten Sie auch zwei Autobahnen überwinden: die A1 und die A12.
Es hatte zum Glück Brücken innerhalb meines Korridors, also 500 Meter nördlich oder südlich der Linie. Aber so eine Autobahn ist selbst im Kulturland eine krasse Schneise, die alles zerschneidet. Mir wurde bewusst, vor welchem Hindernis unsere Wildtiere stehen, wenn passende Übergänge fehlen.

Den Blickwinkel der Tiere nimmt man wohl nur ein, wenn man zu Fuss unterwegs ist.
Man entwickelt schon eine andere Perspektive. Auch in den Bergen fand ich viele menschliche Eingriffe und war überrascht, wie viele grosse, aber auch kleine Stauseen die natürliche Landschaft verändern und prägen.

Die Erstbegeher der Direttissima schwärmten vor 34 Jahren von der wilden Schweiz. Fanden Sie die noch?
Den grössten Freiraum ohne Menschen fand ich im Bündnerland. Aber egal wo: Sobald man die Zivilisation verlässt, beginnt die Einsamkeit. Im Gebiet Savognin / Avers im Bündnerland zum Beispiel steckst du 20 Minuten von der nächsten Strasse mitten im wilden Hirscheldorado. Dort im Wald fühlte ich mich nicht von der Zivilisation eingeschränkt. Ich hatte auch nicht das Gefühl, die Natur sei es.

Nur wächst die Zivilisation ständig.
Die Dörfer wurden seit der Direttissima 1983 vielleicht grösser, aber es wurden nicht mehr. Die Wildheit daneben ist geblieben. Der gros­se Unterschied sind die Umweltverhältnisse. Die Erstbegeher berichteten trotz Rekordhitzesommer von unzähligen Schneefeldern, die sie lustig runterrutschten und sich so mühsame Abstiege ersparten. Ich hatte zum Glück den Gleitschirm dabei und konnte gewisse Abstiege fliegend überwinden, denn Schneefelder sah ich keine. Die Klimaerwärmung ist in den Bergen omnipräsent.

Immerhin konnten Sie dank der Eisschmelze bei der alpinistischen Schlüsselstelle am Eiger im Korridor bleiben, während die Pioniere dort ausweichen mussten.
Dort war die Klimaerwärmung ein Vorteil, wenn man das so sagen kann. Früher hing der Gletscher beim Wildschloss über die Felswand hinaus und brach immer wieder ab. Jetzt ist er so stark geschmolzen, dass ich relativ sanft vom Gletscher auf den Fels gefunden habe.

Wo lag denn die grösste Gefahr in den Bergen?
Bei den Blindgängern, könnte man fast schon sagen. Ich war selbst Minenwerferkanonier und ballerte Geschosse in die Berge. Was wir da machten, hab ich mir nie überlegt. Seit ich den Abfall gesehen habe, schaue ich aber mit schlechtem Gewissen zurück.

Wo ist es am schlimmsten?
Rund um das Gotthardmassiv ist es extrem. In jedem Tal liegen Granaten, Splitter und andere Geschosse. Verrückt, was sich das Militär alles erlauben kann. Werfe ich eine Red-Bull-Büchse den Berg hinunter, werde ich gleich gehängt, wenn mich einer erwischt. Und die ballern unter dem Deckmantel der Sicherheit Granaten in die Hänge.

Wie ist es mit anderen versteckten Müllhalden oder Zivilisationsabfall?
Anders als etwa in Südamerika, wo man weit um die Städte Müll findet, achtet die Gesellschaft hier die Natur.

Gibt es sonst noch Unterschiede zu Expeditionen im Ausland?
In Nordnorwegen zum Beispiel kannst du drei Wochen laufen und es verändert sich genau nichts. Hier hast du Berge, Seen, Gletscher, Flüsse, Wald, Wiesen, Fels – die enorme Vielseitigkeit macht ja den Reiz unserer kleinen Schweiz aus. Auch das Spek­trum an Tieren ist enorm. Ich sah Bartgeier, Steinböcke, Schlangen und vom Jura weg bis am letzten Tag im Bündnerland begleiteten mich Gämsen.

Das hört sich fast schon märchenhaft an.
Diese grossartige Natur sollten wir als Privileg schätzen. Auch, dass man aus jedem Bach trinken kann, ohne das Wasser filtern zu müssen. Diesen Luxus sind sich viele nicht bewusst. Seit ich Jäger bin, laufe ich bewusster, mit geschärften Sinnen durch die Natur und achte auch auf kleine Tiere und Details. Etwa wenn Tannenhäher die Zapfen der Bäume für ihren Wintervorrat aufgemacht haben. 

Was bleibt Ihnen von der Direttissima? 
Ich konnte jeden Tag geniessen, auch wenn ich zehn, zwölf Stunden unterwegs war. Die Pioniere schrieben ja am Ende erschöpft, das würden sie nie mehr machen. Bei mir ist das ganz und gar nicht ausgeschlossen.

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