Sie sind hier: TierweltAktuell

Share

Sundarbans

Wo die Tiger wohnen und die Fische auf Bäume steigen

Wildtiere | Dienstag, 5. Dezember 2017, Win Schumacher

Die Sundarbans, der grösste Mangrovenwald der Erde, sind einer der letzten Rückzugsorte für den Königstiger. Dieser ist aber nicht der Einzige, den es dort – vor dem Menschen – zu schützen gilt. 

Tanjilur Rahman legt seine Hand neben den Pfotenabdruck im trockenen Uferschlamm: «Die Fährte stammt von letzter Nacht.» Deutlich zeichnen sich die mächtigen Pranken eines Tigers ab. Eine Schleifspur ins Gebüsch lässt erahnen, was sich an dieser Stelle vor wenigen Stunden abgespielt hat. Die Raubkatze muss einen Axishirsch überrascht und in die Mangroven gezerrt haben. «Die Hirsche sind seine Hauptbeute», erklärt der Tierfilmer.

Es ist noch früh am Morgen und der Wald schweigt. Aus einiger Entfernung sieht ein Silberreiher zu, wie der kleine Mann mit dem ergrauten Rauschebart entlang eines zur Ebbe freigelegten Uferstreifens wandert. Wie weit ist der Tiger? «Er kann uns vielleicht gerade sehen, aber wir bekommen ihn höchstwahrscheinlich selber nicht zu Gesicht», sagt Rahman. «Die Tiere sind einfach zu schlau und perfekt getarnt.» Der Bangladescher Naturschützer filmte unter anderem für die BBC und den Discovery Channel die äusserst seltenen Raubkatzen. Jahrelang begleitete er sie durch einen für Menschen kaum zugänglichen Lebensraum. «Einige Kameramänner gaben schon nach den ersten Metern im Schlamm auf», erzählt er, «ich selbst war manchmal einen ganzen Monat lang unterwegs, um brauchbare Szenen einzufangen.» Angst vor den grossen Katzen kennt er nicht, auch wenn er weiss, dass den Tigern der Sundarbans immer wieder Menschen zum Opfer fallen. «Ein Weibchen, das ich fast drei Jahre lang verfolgt habe, liess mich bis auf wenige Meter an sich heran.»

Labyrinth aus Dschungel und Meer
Mehr als 400 Königstiger sollen in den Sundarbans leben. Es ist die grösste zusammenhängende Population überhaupt. Naturschützer wie Rahman bezweifeln die offiziellen Zahlen. Sie glauben, dass heute nur noch weniger als die Hälfte durch das Labyrinth aus Dschungel und Meer streift. «Die Wilderei nimmt in den letzten Jahren überhand», sagt Rahman. «Wenn nicht etwas Drastisches passiert, werden wir hier in 30 Jahren keine Tiger mehr haben.»

Die Sundarbans an der südlichen Grenze zwischen Indien und Bangladesch bilden im Mündungsgebiet von Ganges und Brahmaputra den grössten Mangrovenwald der Erde. Der Name des Unesco-Welterbes wird von den nur hier vorkommenden Sundaribäumen abgeleitet und bedeutet auf Bengalisch «Schöner Wald».  

Bangladesch ist ein Land mit bitterer Armut, übervölkerten Städten und unvorstellbarer Umweltverschmutzung. Aufgrund der extremen Lebensbedingungen haben sich die Sundarbans jedoch als ein Biotop mit einer enormen Artenvielfalt inmitten einer der am dichtesten besiedelten Regionen der Erde erhalten. Gemeinsam mit Korallenriffen und Regenwäldern zählen Mangroven zu den wertvollsten Ökosystemen der Welt. Sie stabilisieren die Küsten, bilden einen natürlichen Schutzwall vor Zyklonen und Tsunamis und beugen Überschwemmungen vor.

Wenn Rahman mit dem Motorboot immer tiefer durch die verästelten Arme des Mangrovendschungels vordringt, glaubt man, in eine vom Menschen unangetastete Wildnis aus Wasser und Wald einzutauchen. Entlang der Ufervegetation flattern schillernde Eisvögel. Rhesusaffen turnen durch die Baumkronen. Ein Salzwasserkrokodil späht aus dem gelbbraunen Strom und ist sogleich wieder verschwunden. Das Dickicht am Rand der Wasserarme bildet eine Mauer aus leuchtend grünem Blattwerk. Mal stehen die Bäume auf Stelzwurzeln, die in eindrucksvollen Bögen aus dem Schlamm aufragen, mal stechen ihre Wurzelsporne wie eine Armee an Stalagmiten aus dem Schlick. So sichern sie in den ständig wechselnden Gezeiten im Kampf gegen Salzwasser und Sauerstoffmangel ihr Überleben.

«Innert sechs Stunden kann das Wasser hier bis zu viereinhalb Meter steigen», erklärt Rahman, während er in seinem Boot in einen natürlichen Kanal einbiegt. «Das stellt die Fauna und Flora vor ungeheure Herausforderungen.» Wer mit Rahman durch die Sundarbans reist, lernt einiges über ein hochkomplexes Biotop im Wechsel der Gezeiten. «Mangrove ist nicht gleich Mangrove», erklärt Rahman. Es gibt mehr als 60 Arten, die alle ihre eigene Nische besetzen. 

Fischotter an der Angelrute
Durch den trüben Schlamm hüpft ein glitschiges Lebewesen mit übergrossen Glubschaugen und kräftigen Vorderflossen – eine Kreatur halb Fisch, halb Frosch. «Ein Schlammspringer», sagt Rahman, «er ist in der Evolution steckengeblieben, aber perfekt an das Leben hier angepasst. Bei Flut kann er sogar auf Bäume klettern.» Aus Millionen kleiner Löcher lugen winzige Krabben. «Ihre unterirdischen Gänge sind wie Sauerstoff­adern für die Mangroven», sagt Rahman. «Wir können nicht einfach nur sagen: ‹Rettet die Tiger!›, und dabei die Krabben ganz vergessen. Alles hängt hier miteinander zusammen.» 

Von der Gabelung eines Wasserwegs ertönt ein aufgeregtes Quieken. Eine Gruppe Fischer hat auf ihren Holzkahn einen Käfig aus Bambusstäben geladen. An zwei Angeln haben sie Fischotter angeleint. Einige weitere Tiere schwimmen daneben frei umher. Spielerisch treiben sie durch das trübe Wasser. 

Seit Jahrhunderten werden in Südasien Otter zur Fischerei eingesetzt. Heute ist diese Jagdmethode nur noch in den Sundarbans lebendig. Die Otter treiben die Fische in ein ausgespanntes Netz, das blitzschnell ins Boot gezogen wird. Nur die grossen Fische werden eingesammelt. Beifänge verfüttern die Fischer als Lohn an ihre Tiere. So gilt das Jagen mit Ottern – im Gegensatz zur industriellen Fischerei – als ausgesprochen nachhaltig.

«Die einheimischen Fischer haben über Generationen gelernt, die Sundarbans zu bewahren», sagt Tanjilur Rahman. «Doch anderswo scheint man den Ernst der Lage nicht zu erkennen. Was hilft es, wenn wir uns Unesco-Welterbe nennen können, aber niemand die Zerstörung aufhält?» 

Immer wieder kritisieren Naturschützer nämlich den Bau von neuen Dämmen und Industrieanlagen entlang des Ganges und des Brahmaputra. Zuletzt sorgte der Plan, ein neues Kohlekraftwerk am nördlichen Rand der Sundarbans zu bauen, für scharfe Proteste. Demonstranten in der Hauptstadt Dhaka wurden mit Wasserwerfern auseinandergetrieben. «Die Sundarbans gehören nicht Bangladesch allein», sagt Rahman. «Wenn wir den Mangrovenwald zerstören, hat das Auswirkungen auf die ganze Welt.»

Reisetipps: Anreise mit Air India oder Sri Lankan Airlines nach Kalkutta oder Dhaka. Der Bangladescher Veranstalter Pugmark Tours and Travels bietet als Ökotourismus-Unternehmen vom Tagesausflug bis zur zweiwöchigen Expedition verschiedene Touren in die Sundarbans an. Kreuzfahrten der Luxusklasse mit Halt in den Sundarbans bietet Silversea an.

 

Share

Kommentar schreiben


Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen, als Leserzuschriften im Heft abzudrucken oder auf die Publikation zu verzichten.

Galerien Alle Galerien