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Naturfotograf Peter Dettling

«Wo der Wolf auftaucht, atmet der Wald auf»

Wildtiere | Dienstag, 3. April 2018, Ein Interview von Simon Koechlin

Der Bündner Naturfotograf Peter Dettling hat das Wolfsrudel am Calanda über mehrere Jahre begleitet und daraus eine Dokumentarserie gedreht. Er erzählt, wie scheu die Tiere sind, wie sie jagen und wie sie die Natur beeinflussen.

Herr Dettling, wie spürt man Wölfe auf?
Wölfe meiden den Menschen, so gut es geht – und sie sind Meister darin. Man kann wochenlang in einem Wolfsgebiet unterwegs sein und nie einen sehen. Wer Wölfe regelmässig sehen will, braucht Geduld und Hartnäckigkeit.

Wie lange dauerte es, bis Sie den ersten Wolf am Calanda sahen?
Ich fand wochenlang nur Spuren oder hörte sie dann und wann heulen. Erst nach drei Monaten sah ich sie das erste Mal.

Was war das für ein Moment?
Ein kurzer, bewegender. Ich sah von meinem Beobachtungsposten aus, wie sich ein Wolf durch ein Tannenmeer seinen Weg bahnte. Er war äusserst vorsichtig: Bevor er auf eine Lichtung trat, blieb er ein Weilchen stehen, horchte und schaute sich um.

Peter Dettling
Zur Person
Peter Dettling ist ein mehrfach preisgekrönter Naturfotograf und -filmer. Der 45-Jährige wurde in Sedrun GR geboren und lebt seit 16 Jahren in Kanada. Von 2013 bis 2017 hat er dem ersten Schweizer Wolfsrudel im Bündner Calandagebiet nachgespürt. Entstanden ist die aus 52 Episoden bestehende Serie «Einmal um die Sonne mit den Calanda-Wölfen». Die erste Episode, inklusive Informationen zum Projekt und Bildergalerie, kann auf Dettlings Website angeschaut werden. Die gesamte Serie ist erhältlich für 26 Franken.

 

peterdettling.com
Bild: Peter A. Dettling / TerraMagica.ca

Gibt es eine Zeit im Jahr, in der es einfacher ist, die Wölfe zu sehen?
Einfach ist es nie. Weitaus am schwierigsten  ist es aber im Spätherbst, wenn die Welpen gross genug sind, um mit auf die Jagd zu gehen. Dann können die Wölfe überall sein in ihrem Territorium – und das umfasst am Calanda 220 bis 250 Quadratkilometer.  Ihnen gelangen die ersten Filmaufnahmen von Schweizer Wolfswelpen. Wie kam das? Mir half meine Erfahrung, Wolfsfamilien in Kanada zu beobachten. Man beginnt, die Rhythmen der Tiere zu verstehen, ihre bevorzugten Jagdgebiete. So fand ich einen guten Aussichtsposten, weit genug vom Kerngebiet der Wolfsfamilie, um sie nicht zu stören.

Wovon ernähren sich die Calanda-Wölfe?
Sie haben einen reich gedeckten Tisch. Hirsche, Gämsen und Rehe sind ihre bevorzugten Beutetiere – und die finden sie rund um den Calanda im Überfluss.

Wie jagen sie?
Sie wissen, wo und wann ihre Beute am anfälligsten ist und sie nutzen geschickt die Topografie. Zum Beispiel fand ich in zwei Jahren Überreste von Gämsen am fast genau gleichen Ort. Nahe der Waldgrenze, hügelig, unübersichtlich. Die Gämsen versammeln sich dort traditionell in der Zeit vor der Gamsbrunft, die Unruhe in die Herde bringt. Perfekte Voraussetzungen für jagende Wölfe.

Jäger sagen, die Anwesenheit des Wolfes verändere das Verhalten der Beutetiere.
Ja, als ich meine Arbeit im Jahr 2013 aufnahm, gab es einen bestimmten Ort, wo Hirschkühe gerne ihre Jungen zur Welt brachten. Aber anscheinend war er topografisch auch für jagende Wölfe geeignet. Die Hirsche merkten dies und suchten diesen Ort immer weniger auf. Es kam also zu Verschiebungen. 

Haben die Wölfe auch andere Auswirkungen auf die Natur?
Bildlich gesprochen: Wo der Wolf auftaucht, atmet der Wald auf. Wenn Pflanzenfresser wie der Hirsch ein Gebiet meiden, hat dies Auswirkungen auf die Flora. Einige Förster im Calandagebiet haben mir gesagt, seit Wölfe da seien, sehe man wieder vermehrt junge Weisstannen nachwachsen. Davon profitieren auch die Bergbewohner, die so sehr auf gesunde Schutzwälder angewiesen sind.

Trotzdem: Der Wolf ist das Tier, das die Schweiz entzweit. Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. Wie haben Sie die Situation im Calandagebiet erlebt?
Je mehr Kontakt ich mit Einheimischen hatte, desto falscher erschien mir das mediale Bild, die Akzeptanz in Wolfsgebieten sei gering. Sieben von zehn Leuten schienen mir offen. Eine Umfrage der «Südostschweiz» bestätigte das: Demnach sind 70 Prozent der Bündner dafür, den Wolf zu tolerieren oder seine Rückkehr gar zu fördern.

Verstehen Sie die Schafzüchter, die um ihre Tiere fürchten?
Schauen Sie, wenn ich Hühner halte, schaue ich, dass der Fuchs so wenige wie möglich holt. Wenn ich das Tor über Nacht offen lasse, ist es absurd, alle Schuld auf den Fuchs zu schieben. Genauso sehe ich es mit den Schafen. Wenn ich Schafe besitze, muss ich sie schützen – etwa mit Schutzhunden oder einem guten Elektrozaun.

Aber der Aufwand ist grösser als früher.
Die Schafbauern stehen nicht alleine da. Sie bekommen Subventionen und Naturschutzorganisationen bieten ihre Hilfe an. Mein Eindruck war: Je professioneller der Schafbauer und je mehr Schafe er hält, desto gelassener sieht er die Anwesenheit des Wolfes.

Es wird auch befürchtet, die Wölfe könnten die Scheu vor dem Menschen verlieren.
Wäre dies der Fall, hätte ich nicht vier Jahre gebraucht, um einige Bilder der Wölfe zu schiessen. Das Auftauchen von Wölfen nahe Dörfern im Winter hat nichts mit verlorener Scheu zu tun, sondern damit, dass Hirsche und Rehe im Winter schneearme Felder in Dorfnähe aufsuchen.

Trotzdem haben einige Menschen Angst vor dem Wolf.
Nur weil Wölfe scharfe Zähne haben, heisst das nicht, dass sie für Menschen gefährlich sind. Jede Wanderung am Calanda ist diesbezüglich völlig unproblematisch. Das Wichtigste hier ist Aufklärungsarbeit, deshalb startete ich auch mein Projekt. Fakt ist, dass für Menschen eine viel grössere Gefahr von Blitzschlag oder Mutterkühen ausgeht als von Wölfen. 

Sie leben seit 16 Jahren in Kanada und haben sich auch dort intensiv mit Wölfen beschäftigt. Unterscheiden sich nordamerikanische von Schweizer Wölfen?
Es gibt sicher regionale Unterschiede. Aber dass man hiesige Wölfe nicht mit solchen in Kanada vergleichen kann, wie zum Teil behauptet, ist Blödsinn. Ich beobachtete von 2005 bis 2010 ein Wolfsrudel im Banff-Nationalpark in den kanadischen Rocky Mountains. Anfang Winter lag die Familiengrösse stets um zehn Tiere: Zwei Elterntiere, ein oder zwei Junge aus dem Vorjahr und Welpen dieses Jahres. Der gleiche Durchschnitt wurde im Yellowstone in den USA nachgewiesen. Und genau gleich ist es am Calanda. 

Das ist nur eine Parallele.
Es gibt viele andere. Zum Beispiel benützen Wölfe hier wie dort gerne Naturstrassen oder Bahngleise als hindernisfreie Wege, um grös­sere Distanzen zu bewältigen.

Wie steht es in Kanada mit Konflikten zwischen Mensch und Wolf?
Kanada ist kein Vorbild, wenn es um Naturschutz geht. Wölfe sind in den Nationalparks geschützt. Aber sobald sie die Parkgrenzen überschreiten, sind sie buchstäblich Freiwild.

Was war Ihr schönstes Erlebnis in den vier Jahren am Calanda?
Ich wartete Tage, ja Wochen auf meinen Beobachtungsposten. Ich fing an, die Rhythmen des Berges, der Natur, der Wildtiere kennenzulernen. Das war die vielleicht prägendste Erfahrung.

Wie, glauben Sie, wird es mit den Calanda-Wölfen weitergehen?
Die Politik darf keine Regulation der Wolfspopulation beschliessen. Die Bestände wachsen nicht unkontrolliert: Wölfe dulden keine fremden Artgenossen in ihrem Territorium. Zudem sterben viele Jungwölfe auf unserem dichten Schienen- und Strassennetz. Die beiden Gründungs­tiere am Calanda sind um die acht Jahre alt. Stirbt eines, wird ein Artgenosse den freien Platz einnehmen. Solange der Mensch nicht in die Wolfs-Familiendynamik reinpfuscht, wird die Erfolgsgeschichte am Calanda und in der Schweiz weitergehen.

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