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Camargue

Sumpf, Salz und Schwemmland

Natur & Umwelt | Dienstag, 3. April 2018, René Schulte

Ferien im Naturreservat sind nichts für Weicheier. Wer Vogelkacke, Pferdeäpfel und Mückenstiche nicht verträgt, geht also besser an die Côte d’Azur, nicht in die Camargue.

Weisse Pferde, schwarze Stiere und rosarote Flamingos – das sind die drei Symboltiere der Camargue. Allgegenwärtig sind sie trotzdem nicht. Die wahren Herrscher im südfranzösischen Naturreservat sind die Mücken. Vierzig Arten gibt es hier. Zehn davon stechen den Menschen. Im Sommerhalbjahr schwirren Abermilliarden davon über das 1500 Quadratkilometer grosse Feuchtgebiet im Rhonedelta. Ihr Blutdurst ist so legendär, dass sie es als Motiv sogar auf die eine oder andere Postkarte geschafft haben.

«Ich bin froh um die Mücken», sagt Béa­trice Chomel. Das halte die Schickimicki-Touristen fern, wie es sie an der Côte d’Azur zuhauf gebe. Stattdessen kämen echte Naturliebhaber in die Camargue. Menschen, die sich von ein paar Mückenstichen nicht abschrecken lassen. Mögen diese noch so jucken und, wie der Autor selbst erfahren musste, einen fast in den Wahnsinn treiben. 

Béatrice Chomel betreibt einen Gnaden- und Pflegehof für alte, verletzte Camargue­pferde. Er liegt nahe dem Küstenort Les Saintes-Maries-de-la-Mer. Oder wie die Einheimischen sagen: Les Saintes. Der Hof selbst heisst Mas Farola, wobei Mas («ma» ausgesprochen) in der Region die gängige Bezeichnung für Land- und Bauernhäuser ist. Viele davon dienen auch als Ferienunterkunft. Wer also eine Alternative zu Hotels und Apartmentkomplexen sucht und es gerne etwas rustikaler, persönlicher mag, der entscheidet sich dafür. 

«Die meisten hier leben vom Tourismus», sagt Chomel. «Grosse Fabriken, in der die Leute Arbeit finden, gibt es nicht.» Dann lädt sie eines der Camarguepferde in den Transportanhänger und fährt los Richtung Strand. Nicht, um dort zu reiten, sondern zu baden. Mit dem Pferd. «Thalasso-Therapie nennt sich das», ruft sie noch aus dem Autofenster. «Hilft den Tieren gegen Gelenkschmerzen.»

Bronzestatuen für Stiere
Fährt man durch die Camargue, tauchen entlang der Strassen immer wieder Gestüte auf. Viele davon bieten Reitausflüge an. Dazwischen erstrecken sich weitläufige Flächen, auf denen halbwild lebende Herden zu beobachten sind. Camarguepferde sind perfekt an ihre Umgebung angepasst. Ihre weis­se Farbe schützt sie vor Sonneneinstrahlung und Sommerhitze. Zudem können sie als einzige Rasse der Welt ihre Nüstern verschlies­sen und damit im Marsch- und Sumpfland das Gras unter Wasser abweiden. Gezüchtet wird die kleine, robuste Rasse schon seit über 2000 Jahren. Noch heute dient sie den Gardians – das sind die traditionellen Viehhirten, die sich auf den Weiden um die Stiere kümmern – als Reitpferd. 

Apropos Stiere: Die landen in der Camargue nicht nur auf dem Teller, sondern auch in der Arena. Grund dafür ist der provenzalische Stierkampf, die sogenannte Course camar­guaise. Bei diesen «Rennen», die jeweils von März bis Oktober ausgetragen werden und zum Kulturerbe Frankreichs gehören, wird der Stier nicht getötet. Entsprechend steht ihm auf dem runden bis ovalen Sandplatz auch kein Matador gegenüber, sondern ein Raseteur. Dessen Aufgabe ist es, möglichst viele der Schlaufen, Quasten und Schnüre zu ergattern, die der Stier an Kopf und Hörnern trägt. Jene Stiere, die sich am wenigsten abluchsen lassen, werden prämiert, in Büchern erwähnt, auf Gemälden verewigt und mit Bronzeskulpturen auf Dorfplätzen geehrt. Sie tragen Namen wie Goya, Barraïé oder Camarina.

Ein Blick auf die Course camarguaise (Video: Arènes d'Arles):

Dasselbe gilt natürlich auch umgekehrt, also für die erfolgreichsten Raseteure. Ein solcher ist Christian Chomel, der Ehemann von Béatrice. In der Region gilt er als lebende Legende. Zwischen 1976 und 1996 hat der heute 58-Jährige alles gewonnen, was es damals zu gewinnen gab. Entsprechend schwer fiel ihm der Rücktritt. «Zwanzig Jahre lang war die Course camarguaise mein Leben», sagt Chomel, «aber irgendwann musst du halt einen Schlussstrich ziehen.» Seine Pokale habe er danach einem befreundeten Fan vermacht. Was an Erinnerungen bleibt, sind unzählige Narben von Fleischwunden und Knochenbrüchen.

Reisetipps
Das Naturreservat der Camargue lässt sich am besten mit dem Auto, dem Velo und zu Fuss erkunden.Als authentische Ferienunterkunft bietet sich einer der zahlreichen ländlichen Höfe an (Mas). Restaurants und Supermärkte gibt es nur in den touristisch geprägten Orten Les Saintes-Maries-de-la-Mer und Salin-de-Giraud.
Nebst Natur und Tieren bietet die Region auch Kulturhistorisches. Dazu gehört die aus dem 9. bis 14. Jahrhundert stammende Wehrkirche in Les Saintes mit Blick (begehbares Dach) über die Camargue und den Golfe du Lion. Am nördlichen Rand des Reservats liegt die Römerstadt Arles, bekannt für ihr 2000 Jahre altes Amphi-theater und Theater. Im Westen befindet sich die befestigte Stadt Aigues-Mortes aus dem 13. Jahr-hundert. Dort unbedingt den massiven Wehrturm, die Tour de Constance, besteigen und die Mauertour machen, inklusive Blick auf die gewaltigen Salzfelder und -berge der Salin d’Aigues-Mortes.

Unbedingt Fleur de Sel kaufen
Was ihm früher die Stiere in der Arena waren, sind Chomel heute seine Hühner und Enten. Etwa je zwei Dutzend hält er auf Mas Farola. Daneben stolzieren ein paar Pfauen vom Nachbarn auf dem Grundstück herum. Für sie kommt aber wohl kaum ein Vogelfreund in die Camargue. Dann schon eher für die Rosaflamingos. Wer die auffälligen Vögel mit dem dicken Krummschnabel und den dünnen Beinchen in freier Wildbahn sehen will, kann dies zum Beispiel am Étang du Fangassier tun. Der salzhaltige See beherbergt eine der bedeutendsten europäischen Brutkolonien. Über 10 000 Brutpaare sollen sich dort, auf einer streng geschützten Insel, zwischen März und Anfang Mai versammeln. Nähern kann man sich ihnen bis auf rund einen Kilometer.

Deutlich näher kommt man den Rosaflamingos im Parc ornithologique du Pont de Gau, nördlich von Les Saintes. Der Park bietet Einblicke in die Vogelwelt der Camargue. Zudem brüten dort im Sommer Silber-, Seiden- und Graureiher. Ebenso sind Möwen, Seeschwalben, Säbelschnäbler, Sperlinge und viele andere Arten zu beobachten.

Eine etwas andere Art von Vielfalt bietet La Capelière. Das Informationszentrum des Naturreservats erzählt die zehntausendjährige Geschichte der Camargue. Es liegt am Ost­ufer des Étang de Vaccarès und bietet Besuchern zudem die Möglichkeit, innert einer halben Stunde durch praktisch alle natürlichen Lebensräume des Feuchtgebiets zu schreiten. Der anderthalb Kilometer lange Rundweg führt durch einen Auenwald, ein Sumpf- und Moorgebiet, Röhricht sowie eine Salzsteppe.

Letztere soll daran erinnern, vor der Heimreise noch ein paar Dosen Fleur de Sel einzukaufen. Und Camarguereis, wenn man schon dabei ist. Den gibt es in Weiss, Schwarz und Rot. Ob das wohl mit den Pferden, Stieren und Flamingos zu tun hat?

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