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Rettung vor dem Aussterben?

Eine zweite Chance für die Bachmuschel

Wildtiere | Mittwoch, 19. September 2018, Simon Koechlin

Einst lebte die Bachmuschel in jedem noch so kleinen Rinnsal in der Schweiz. Heute ist sie praktisch ausgestorben. Mit einer Doppelstrategie versucht ein Spezialist, sie in geeigneten Gewässern wieder anzusiedeln. 

Arno Schwarzer könnte glatt als Schatzsucher durchgehen, wie er so im Bach steht. Braungebrannt, grau melierte Locken, verwegenes Antlitz, Polo-Shirt mit offenen Knöpfen, Gummistiefel. In den Händen hält er eine Stahlbox, die aus Dutzenden Löchern rinnt. Eine von Gewehrsalven durchsiebte Schmuckkiste aus dem Zweiten Weltkrieg? Vorsichtig nimmt er den Deckel ab. Das Kistchen ist gefüllt mit – Sand. 

Schwarzers Miene zeigt nicht das geringste Anzeichen von Enttäuschung. Natürlich nicht. Er weiss genau, was er da aus dem kleinen Bach irgendwo im Kanton Aargau gehoben hat. Sachte fährt er mit einem Finger durch den Sand, gräbt tiefer und zieht etwas heraus. Er hält seine Faust ins Wasser, schwenkt den Sand weg und öffnet die Hand. Darauf liegt eine Muschel. Graubraun, flach und etwas breiter als ein Zweifränkler. 

«Die ist ganz schön gewachsen», sagt Schwarzer. Er klingt zufrieden. Denn wachsen ist genau das, was die Muschel in der Box tun soll – gemeinsam mit 19 Artgenossen. Die Schalentiere sind Teil einer langwierigen und komplexen Wiederansiedelung. Auf sie setzen Schwarzer und der Kanton Aargau, in dessen Auftrag er hier ist, ihre Hoffnungen in einem fast schon verzweifelten Versuch, die Bachmuschel in der Schweiz zu retten.

Noch vor einigen Jahrzehnten galt die Bachmuschel als Allerweltsmuschel. In der Schweiz fand man sie fast in jedem Fluss und Bach, bis in die kleinsten Rinnsale. «Sie war eine typische Dorfbachmuschel und bildete dort grosse Teppiche», sagt Schwarzer. Doch ab den 1950er-Jahren ging es steil bergab. Nach und nach verschwand sie aus praktisch allen Gewässern – heute sind natürliche Vorkommen in der Schweiz bloss noch aus einer Handvoll Bächen und wenigen Seen bekannt.

Ritt auf dem Fischtaxi
Zugesetzt haben der Bachmuschel vor allem zwei Faktoren. Zum einen ist sie auf saubere, nährstoffarme Gewässer angewiesen. Gerade ihre Hauptlebensräume aber, die kleinen Bäche und Gräben, wurden im Zuge der Intensivierung der Landwirtschaft überdüngt und verschmutzt. Zum anderen erschweren die Begradigungen und Verbauungen der Gewässer die Fortpflanzung der Muschel, weil dadurch gerade jene Fischarten seltener wurden, auf die sie angewiesen ist.

Die Bachmuschel hat nämlich – wie 99 Prozent der weltweit insgesamt rund tausend Süsswassermuschelarten – eine ebenso komplizierte wie faszinierende Fortpflanzung. Das beginnt damit, dass es männliche und weibliche Muscheln gibt. Die Weibchen bilden winzige, den Bruchteil eines Millimeters grosse Larven, sogenannte Glochidien, die sie zu Abertausenden ins Wasser entlassen. Treffen die Larven auf einen Fisch, klammern sie sich an dessen Kiemen fest. Sie schädigen ihren Wirt zwar nicht, lassen sich von ihm aber einige Wochen mittragen. Dann lösen sie sich, sinken auf den Grund und leben dort bis zu 30 Jahre lang, indem sie Schwebstoffe, Plankton und organische Zerfallsstoffe aus dem Wasser filtrieren.

Infektion im Sprudelbad
Die meisten Wiederansiedelungsversuche für Muscheln in Europa setzen bei dieser Verflechtung an: Fische werden mit Glochidien infiziert und in potenziellen Muschelgewässern freigelassen. Auch Arno Schwarzer wendet diese Methode an. Bevor er heute an den Bach gefahren ist, dessen Namen er nicht in den Medien lesen will, um die Muscheln nicht zu gefährden, war er in der Fischhälterungsanlage des Kantons Aargau in Rupperswil.

Dort schwimmen, in einem Rundbecken, ein paar Hundert Elritzen. Diese kleinen, unscheinbaren Fischchen zählen zu den wichtigsten Wirten der Bachmuschel. «Es sind nicht die einzigen, Alet, Egli oder Stichling gehören auch dazu», sagt Schwarzer. «Aber an den Kiemen der Bachforelle zum Beispiel können sich die Glochidien nicht festhalten.»

Jeweils im April fangen die Aargauer Fischereibehörden Elritzen aus der Sissle, einem Bach im Fricktal, in dem der Fisch noch in Schwärmen vorkommt. Aus einem kleinen Bach im Rheintal im Kanton St. Gallen – einer von zwei grösseren Populationen in der Schweiz – holt Schwarzer zur selben Zeit einige trächtige Muschelweibchen. 

Muschellarven und Fische kommen in einen Wasserbehälter, in dem eine Art Rührstab für eine gute Durchmischung sorgt. «Nach 20 Minuten hängen die Glochidien an den Kiemen fest», sagt Schwarzer. Die Prozedur wird drei bis vier Mal wiederholt, dann sind die Elritzen rappelvoll mit Muschellarven. Unter natürlichen Bedingungen trage ein befallener Fisch vielleicht zehn bis zwölf Glochidien, erzählt Schwarzer. «Unsere haben zehn Mal mehr.» 

Aufgepäppelt im Aquarium
Nach der Infektion in diesem Frühjahr drehten die Elritzen für ein paar Wochen ihre Runden in der Fischhälterungsanlage. Nun aber stehen die noch immer mikroskopisch kleinen Jungmuscheln kurz davor, sich abfallen zu lassen. Deshalb hat Schwarzer die Elritzen aus dem Rundbecken gefischt, zu dem Wiederansiedelungsbach gebracht und dort vorsichtig freigelassen. Tausende von Minibachmüschelchen werden sich in den nächsten Tagen ins Bachbett eingraben.

Alles in Ordnung also? Nicht ganz. Bachmuscheln wachsen ganz langsam – und bis sie das fortpflanzungsfähige Alter von etwa vier Jahren erreichen, kann vieles schiefgehen: Jungmuscheln lassen sich am falschen Ort zu Boden sinken, sterben an Sauerstoffarmut in einem schlecht durchflossenen Gewässerabschnitt oder werden von einer Ente gefressen. «Bei einem grossen Projekt in Deutschland dauerte es zehn bis zwölf Jahre, bis man mit dem Aussetzen von infizierten Fischen die ersten geschlechtsreifen Muscheln bekam», sagt Schwarzer.

Deshalb steht er heute mitten in dem Bach mit der Muschelbox in seinen Händen. Sie ist seine Auswilderungsstrategie Nummer zwei. Die zwanzig Muscheln darin hat Schwarzer nämlich bei sich zu Hause in einem speziellen Aquarium aufgezogen: Junge Muscheln nisten sich hier im Sediment ein und entwickeln sich, bis sie eine bestimmte Grösse erreicht haben. Damit das gelingt, müssen Bedingungen wie Wassertemperatur, Strömung und vieles mehr genau stimmen. «Ich habe zehn Jahre lang getüftelt, bis es funktionierte», sagt Schwarzer. Europaweit gebe es bloss zwei oder drei Institutionen, die diese Methode beherrschten.

Sind die Muscheln ungefähr ein Jahr alt, setzt Schwarzer immer zwanzig in eine Box und bringt sie in den Bach. Ungefähr drei Jahre sollen sie dort weiterwachsen – unter natürlichen Gewässerbedingungen, aber gut geschützt vor Feinden. Haben sie die Geschlechtsreife erreicht, kommen sie ins freie Gewässer. Und zwar alle, da ist Schwarzer überzeugt. «Hier drin stirbt mir keine einzige Muschel», sagt er und klopft sachte auf das Kistchen. Dann setzt er den Deckel darauf, setzt es behutsam in den Bach und beschwert es mit einem Stein. Der dient nicht nur als Schutz gegen die Strömung, sondern auch als Tarnung. Schliesslich soll kein Schatzsucher die Rückkehr der Bachmuschel gefährden.

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