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Wandern zu Extrempunkten

Die etwas andere Schweizer Geografie

Unterhaltung | Freitag, 2. August 2019, Heini Hofmann

Die Schweiz ist noch nicht zu Ende entdeckt. Weil der Mensch das Ausgefallene und Grenzwertige liebt, hat sich ein neuer Trend entwickelt: das Erwandern von topografischen und geografischen Extrempunkten.

In der Geografie wimmelt es von Superlativen. Der höchste Punkt, der tiefste Punkt, der nördlichste Punkt, der Mittelpunkt – der ganzen Schweiz, oder jedes einzelnen Kantons: Die Möglichkeiten, nach solchen topografischen Extrempunkten zu suchen, sind unendlich.

Angefangen hat dieser Extrempunkte-Tourismus anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Landesvermessung Schweiz im Jahr 2012. Er fand sofort eine handverlesene Gefolgschaft von Hobby-Topografen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, alle Extrempunkte ausfindig zu machen und zu begehen, soweit dies einem Durchschnittswanderer möglich ist.

Einer dieser Extremrosinensucher ist Jakob Schluep aus Münchenwiler BE. Er hat schon einen Grossteil dieser topografischen Spezialpunkte selber aufgesucht und dokumentiert. Dieses «gesunde Hobby» habe ihn schon an die wundersamsten Örtlichkeiten gebracht, sagt Schluep voller Begeisterung. 

Die bekanntesten Extrempunkte sind die höchsten Berge, vor allem die drei Viertausender unter ihnen: Die Dufourspitze (4634 Meter über Meer) etwa ist der höchste Punkt der Schweiz und gleichzeitig jener des Kantons Wallis. Jener des Kantons Bern ist das Finsteraarhorn (4274 m), über Graubünden wacht der Piz Bernina (4049 m). Sie bleiben Alpinisten vorbehalten, genau gleich wie die sechs Dreitausender: Uri (Dammastock), Glarus (Tödi), Tessin (Adula / Rheinwaldhorn), St. Gallen (Ringelspitz), Obwalden (Titlis) und Waadt (Diablerets). 

Extrempunkte der Schweiz
Höchster Punkt: Dufourspitze,
Wallis, 4634 m

Tiefster Punkt: Mündung Valmara,
Brissago, Tessin, 193 m

Mittelpunkt: Älggialp, Obwalden, 1645 m

Nördlichster Punkt: Schwarze Staa,
Bargen, Schaffhausen, 823 m

Östlichster Punkt: Piz Chavalatsch,
Müstair, Graubünden, 2762 m

Südlichster Punkt: Pedrinate,
Chiasso, Tessin, 493 m

Westlichster Punkt: Rhoneufer,
Chancy, Genf, 333 m

Grenzfernster Punkt: Silbermoos,
Uetendorf, Bern, 554 m

Schluep hat die höchsten Punkte von vierzehn Kantonen begangen und koordinatengetreu festgehalten: Schnebelhorn (ZH), Brien­zer Rothorn (LU), Wildspitz (ZG), Hasenmatt (SO), St. Chrischona (BS), Hinteri Egg (BL), Hagen (SH), Säntis (AR/AI), Geissgrat (AG), Groot (TG), Chasseral Ouest (NE), Weiler Monniaz (GE) und Mont Raimeux (JU).

Mittelpunkt in Reihenhaussiedlung
Viel weniger bekannt und spektakulär sind die kantonalen Tiefstpunkte. Die meisten von ihnen befinden sich zwischen 300 und 400 Meter über Meer. Sie sind mehrheitlich gewässeraffin: Zehn liegen an einem See: Bielersee (NE), Neuenburgersee (FR), Bodensee (SG), Vierwaldstättersee (UR, OW, NW), Zürichsee (SZ), Langensee (TI) und Genfersee (VD, VS). Alle übrigen finden sich an Flüssen und Bächen. Einzige Ausnahme ist Appenzell Ausserrhoden; hier ortet man den tiefsten Punkt in einem Siedlungsgebiet an der Kantonsgrenze (Lutzenberg AR / Thal SG).

Den Rekord hält das Tessin. In Brissago an der Mündung der Valmara in den Langensee, liegt der tiefste Punkt der Schweiz. An sich haben alle Orte am Langensee die gleiche Meereshöhe, nämlich den Seespiegel von 193 Metern über Meer, aber in Brissago ist dieser bei normalen Verhältnissen einige Millimeter tiefer als alpenwärts. Der höchstgelegene Tiefstpunkt der Schweiz liegt im Kanton Appenzell Innerrhoden (Bruggtobel, 539 m), der zweithöchste im Kanton Uri in Seelisberg am Ufer des Vierwaldstättersees (434 m).

Der wohl bekannteste Vermessungspunkt neben dem höchsten Berg ist der geografische Mittelpunkt. Jener der Schweiz (Älggialp OW) wurde schon 1988 mit einer Triangulationspyramide bestückt. Er liegt, bildlich gesagt dort, wo eine in Karton ausgeschnittene Schweiz sich auf einer Nadelspitze im Gleichgewicht hält (Flächenschwerpunkt). Würde man dasselbe mit einem Karton samt Aufbau der Geländetopografie machen, ergäbe sich ein anderes Balancezentrum, der Volumenschwerpunkt. Dieser befindet sich für die Schweiz am Eggstock Nord auf Urner Boden. 

Selbst der gebräuchlichere geografische Mittelpunkt ist jedoch nicht in jedem Kanton gut erreich- und erkennbar, weil nicht überall im Gelände markiert. Deutschschweizer Kantone sind diesbezüglich etwas beflissener. Besonders liebevoll hat der Kanton Aargau sein Zentrum im Hardwald bei Niederlenz gestaltet, mit Denkmal, Ruhebänken und Feuerstellen. Aber auch Zürich, Basel-Landschaft, Schaffhausen, Appenzell-Innerrhoden und verschiedene andere Kantone haben ihre Mitte mit Gedenkstein oder -tafel markiert. Ulkiges Beispiel: Die Kantonsmitte von Basel-Stadt liegt im Gärtchen einer Reihenhaussiedlung namens «Im Heimatland», in der Nähe des Badischen Bahnhofs.

Trickreiche Ausserrhodner
Ein kurioser Fall ist auch der Kanton Appenzell Ausserrhoden, dessen geografische Mitte – welch ein Frust! – im Kanton Appenzell-Innerrhoden liegt – in Schlatt-Haslen, weil sich Ausserrhoden bananenartig-gekrümmt um Innerrhoden schmiegt. Das durfte, obschon alte Rivalitäten heute vergessen sind, nicht sein; also wurde getrickst: Man wählte statt des geografischen Mittelpunkts das arithmetische Mittel der Schwerpunkte aller 20 Gemeinden – und fand so in Dietenschwendi in Teufen doch noch zu heimischer Balance.

Gerade Mittelpunkte sind aber nicht in Stein gemeisselt; sie können sich verschieben. Ein gutes Beispiel ist der Kanton Bern: Seit 1991 war hier der Mittelpunkt in Oberdiessbach markiert. Weil aber 1994 das Laufental zum Kanton Basel-Landschaft wechselte, verschob er sich nach Bleiken auf die Falkenfluh. Und sollte Moutier je den Kanton wechseln, wäre es wieder anders.

Einen ganz speziell-exotischen Extrempunkt hat die bernische Gemeinde Uetendorf aufzuweisen – den grenzfernsten Punkt, mit 69,24 Kilometer Abstand zur Landesgrenze. Noch unmarkiert liegt er mitten in einer Wiese namens Silbermoos, rund 200 Meter entfernt vom ehemaligen Landsitz Eichberg, einer der letzten Sommerresidenzen der Berner Patrizier. Wer weiss: Vielleicht wird er, wenn der Extrempunkte-Tourismus weiter Schule macht, sogar bald zu einer Pilgerstätte.

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