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Artenzählung in den Ozeanen

2700 Forscher aus 80 Ländern beteiligten sich am «Census of Marine Life». Dabei entdeckten sie viele bizarr anmutende Lebewesen.

In wochenlangen Expeditionen erforschten Wissenschaftler mit ferngesteuerten Kameras die Tiefen der Ozeane. 540 Mal rückten sie aus. 200 bis 5000 Meter unter der Meeresoberfläche fanden sie nie gesehene Meerestiere, zum Beispiel einen bis zu neun Meter langen Tintenfisch. Zu den spektakulärsten Funden zählen ein Urzeit Krake, merkwürdige Eichelwürmer und blumen artige Lebewesen sowie «riesige» Einzeller.

Nach zehn Jahren fand die umgerechnet 630 Millionen Franken teure Volkszählung in den Ozeanen nun ihr Ende. Anfang Oktober stellten die Meeresforscher in London die wichtigsten Ergebnisse der 16 Teilprojekte vor. Insgesamt fanden die Wissenschaftler rund 1200 neue Arten. Die behaarte Yeti Krabbe beispielsweise gilt als Sensation. Sie wurde in 2300 Metern Tiefe im Pazifik bei der Osterinsel aufgespürt und ist so speziell, dass für sie eine neue Familie innerhalb der Gruppe der Zehnfusskrebse eingeführt wurde. Ausserdem fanden die Forscher in 3000 Metern Tiefe unter dem Packeis der Arktis viele bisher unbekannte krabbenähnliche Krustentiere. Die Artenzählung maritimen Lebens in 25 Meeresgebieten ist eines der grössten jemals durchgeführten wissenschaftlichen Projekte. Sie zeigt vor allem eins: Die Tiefseebecken sind keine unbewohnten Wüsten – es wurden ungefähr 18 000 Arten erfasst. Die Meeresbiologen fanden darunter skurrile wie auch farbenfrohe Tiere. Der «Dumbo» genannte Krake beispielsweise erhielt seinen Namen nach dem gleichnamigen Disney Elefanten. Er besitzt ohrenartige Flossen, die er, wie seine acht Beine, zur Fortbewegung nutzt. Im Golf von Mexiko in 1000 Metern Tiefe leben Röhrenwürmer der Gruppe Lamellibrachia auf dem Meeresboden. Sie ernähren sich offenbar von Rohölresten. Dort, wo kein Sonnenstrahl je ankommt, leben die Tiere von herabsinkenden Nahrungsresten oder von Bakterien. Würmer der Gattung Osedax fressen sich zum Beispiel durch tote Wale – selbst deren Knochen werden so mit der Zeit verwertet. Beinahe 250 000 verschiedene Arten enthält die Datenbank des Artenzählprojekts mittlerweile. Die Anzahl kleiner Schnecken, Würmer, Muscheln und insbesondere der Einzeller ist jedoch kaum zu erfassen. Allein in einem Liter Meerwasser befinden sich mehr als 38 000 Mikroben, in einem Gramm Meersand sind es bis zu 9000. Wahrscheinlich gibt es insgesamt weit über 10 Millionen Tier und Pflanzenarten in den Ozeanen, vermuten die Meeresbiologen.

Die Auswertung aller Daten wird noch Jahre in Anspruch nehmen

Bei den Fischen besteht bereits eine gute Übersicht: Die Zählung ergab 16 764 Meerfischarten. Geschätzte 5000 weitere sind noch unentdeckt. 19 Prozent der bisher bekannten Meerestierarten gehören zu den Krebstieren (Crustaceen). Zusammen mit Weichtieren (17 Prozent) und Fischen (12 Prozent) bilden sie die Hälfte der Tierarten. Einzeller, Algen, Schwämme oder Ringelwürmer bilden die zweite Hälfte.

Hans Gonella Viele Arten weisen ein weit grösseres Verbreitungsgebiet auf als gedacht. Flächen mässig am weitesten verbreitet sind Algen und Protozoen sowie Seevögel und Meeressäugetiere. Unter den Fischen haben sich die Viperfische (Chauliodus sloani) am stärksten ausgebreitet. Zu den Kosmopoliten der Meere zählen winzige Algen, kleine tierische Einzeller, sogenannte Protozoen und die zum Plankton zählenden Ruderfusskrebse. Den Meeresbiologen zufolge wird die Artenvielfalt am meisten durch Überfischung bedroht. Verschmutzung, Überdüngung, Sauerstoffmangel und die Verklappung von Müll schädigen die Lebensräume. Zudem stellt die Versauerung der Meere ein Problem dar, und einwandernde Arten gefährden die jeweils ansässigen Lebensformen. Die vollständige Auswertung der gewonnen Daten wird noch Jahrzehnte dauern. Dennoch werden viele Organsimen unentdeckt und namenlos bleiben.Mehr Bilder unter www.tierwelt.ch Website des Projekts www.coml.org

Historische Unternehmung 

Mega Forschungsprojekte gab es schon früher. In der viktorianischen Zeit etwa stachen 1872 sechs Forscher und 263 Soldaten an Bord der «Challenger» in See. Dreieinhalb Jahre lang sammelte die Expedition bizarre Lebewesen aus dem Meer. Hierfür standen zur Verfügung: riesige Netze und Tausende Liter hochprozentiger Alkohol, Gläser, Flaschen sowie Mikroskope. Heute gibt es dafür Unterwasserkameras.

Energiesparen

Die Tiefseebewohner müssen mit ihrer Energie haushalten, da Nahrung fehlt. Dies gilt insbesondere für die Fortpflanzung. Vermutlich haben die Männchen mancher Arten deshalb grosse Sinnesorgane, um die Weibchen besser aufzuspüren. Gewisse Krebsmännchen werden zudem ohne Mundwerkzeuge oder Darm geboren. Ihnen muss die Energiemenge aus dem Ei genügen, um die Art zu erhalten.

Jedes einzelne Tier ein Kunstwerk (von oben): Staatsqualle der Art Marrus orthocanna, die Qualle Crossota norvegica und eine am australischen Great Barrier Reef gefundene Qualle.

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