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Interview

Der Hund im Kochtopf

Haustiere | Mittwoch, 12. Juli 2017, Andrea Söldi

Mancherorts werden Hunde heute noch gegessen – in Korea gar in rauen Mengen. Soziologe Rüdiger von Chamier ging der Geschichte des Hundeverzehrs nach und erzählt, wieso man Hund nirgends ungefragt vorgesetzt bekommt – und wie Hundefleisch schmeckt. 

Treuherzig blickt einem der junge Labrador auf dem Buchdeckel entgegen. So ein knuddeliges Tier verspeisen? Doch genau um dieses Thema geht es im neuen Sachbuch von Rüdiger von Chamier. Der Autor berichtet von den Sitten und Gewohnheiten in verschiedenen Ländern im Zusammenhang mit dem Hund als Haustier und Nahrungsmittel. Im Gespräch mit der «Tierwelt» verrät der Hamburger, wie er auf das aussergewöhnliche Thema gestossen ist. 

Herr von Chamier, in Ihrem Buch haben Sie ein ausgefallenes, aber auch heikles Thema aufgegriffen: die Tradition des Hundeessens. Wie sind Sie eigentlich darauf gestossen?
Durch meine Tätigkeit im Import und Export von Lebensmitteln bin ich mit Menschen verschiedener Kulturen in Kontakt gekommen. Ich war häufig im Fernen Osten, zum Beispiel in Kirgisien, wo eine grosse koreanisch-stämmige Minderheit lebt. Einige dieser Geschäftspartner sind zu Freunden geworden. Sie haben mir erzählt, dass Hundefleisch dort häufig auf den Teller kommt. Als Soziologe wollte ich der Sache auf den Grund gehen. Es hat mich interessiert, wieso der Hund je nach Kultur und Epoche eine andere Bedeutung hat.

Was hat Sie besonders erstaunt an dem, was Sie herausgefunden haben?
Bei uns kursieren ja vor allem Anekdoten über die Hundeesser in China. In chinesischen Woks schmoren tatsächlich auch Hunde. Die allermeisten werden aber in Korea verspeist. Hier sollen jährlich bis zu drei Millionen geschlachtet werden. Der Eintopf namens Boshingtang ist sozusagen Koreas Nationalgericht. Es wird vor allem im Sommer gegessen, weil Hundefleisch als gesund gilt und den Körper in der Hitze entspannen soll. Doch auch in der Schweiz wird wahrscheinlich noch heute Hundefleisch gegessen.

Rüdiger von Chamier
Rüdiger von Chamier hat selbst schon ein Hundegericht probiert.
  Bild: ZVG

Können Sie mir eine Metzgerei nennen, die Hundefleisch in ihrer Auslage führt?
Nein, denn das Verkaufen ist schon seit über hundert Jahren verboten. Doch der private Verzehr ist immer noch erlaubt. Es handelt sich aber wahrscheinlich um eine selten gewordene Praxis. Tradition hat Hundefleisch vor allem in ländlichen Regionen wie etwa dem St. Galler Rheintal und dem Appenzell.

Wo kann man es probieren?
Das kann ich Ihnen nicht sagen. Wahrscheinlich würde sich heute kaum jemand mehr wagen, öffentlich zu einer Vorliebe für Hundefleisch zu stehen. Denn gleichzeitig geniesst der Hund in der Schweiz einen sehr hohen Status. Schweizer geben eine rekordverdächtige Summe für Haustier-Futter und die medizinische Versorgung ihrer Lieblinge aus. Einen vagen Hinweis habe ich in einem Artikel des «Rheintaler Boten» von 1996 gefunden: Hier schwärmt ein Bauer, Hund sei die gesündeste von allen Fleischsorten. Auch ein Restaurantbetreiber aus Widnau lobt die Qualität.

Sind wir Schweizer Barbaren?
Dieser Meinung bin ich nicht. Obwohl deutsche Fernsehsender schon über die «skandalösen Essgewohnheiten einiger helvetischer Nachbarn» berichtet haben. Dass die Praxis in der Schweiz nicht grundsätzlich verboten ist, hat wohl mit einer liberalen Einstellung zu tun. Ausserdem handhaben andere westeuropäische Länder die Angelegenheit ähnlich: Auch zum Beispiel in Österreich, Belgien, Frankreich und Spanien sind Hundeschlachtungen erlaubt und werden wohl zuweilen immer noch durchgeführt. In Deutschland hingegen sind sie seit 1986 verboten. Dasselbe gilt übrigens für Katzen.

Wie ist es dazu gekommen?
Bis einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg war Nahrung knapp. Damals war ein Hunde-Ess-Verbot natürlich überhaupt kein Thema. Doch bereits in den Fünfzigerjahren verbesserte sich die Ernährungssituation in Deutschland überraschend schnell. Tierschutzverbände stiessen sich zunehmend an «Hundemorden» und brandmarkten sie. Bald entstand eine bunte Allianz für ein Verbot. 1954 brachte die «Bild-Zeitung» eine ganze Serie reisserischer Artikel. Hundeschlächter wurden mit vollem Namen genannt und teilweise mit Foto abgebildet. Trotzdem dauerte es danach noch gut drei Jahrzehnte bis zum Verbot.

Wie wurde dieses begründet?
Das zuständige Ministerium argumentierte mit hygienischen Mängeln. Doch überzeugend war das nicht. Wahrscheinlich wollte man einfach den Tierfreunden entgegenkommen.

Gibt es denn gesundheitliche Gründe, Hunde nicht zu verspeisen?
Nein. Hundefleisch ist nicht gefährlicher als etwa Schweinefleisch. Man muss es einfach gut durchkochen, um Ansteckung mit Trichinen – eine Gattung der Fadenwürmer – zu vermeiden. Zu Übertragungen kam es bisher beim Genuss von getrocknetem Hundefleisch.

Hundefett soll eine heilende Wirkung haben, wie man in Ihrem Buch erfährt. Was ist da dran?
Das Fett soll bei Halskrankheiten und Erkältungen nützen. Wissenschaftlich ist das natürlich nicht erwiesen. Doch der Mythos hält sich beharrlich. Kürzlich hatte ich Besuch von einem russischen Freund aus Kirgisien, der erkältet war. Er verlangte nach einer Flasche Wodka und einem Hund. Ich konnte ihm nur Ersteres beschaffen. 

Wie ist denn Ihre persönliche Meinung? Soll man Hunde und Katzen essen dürfen?
Ich sehe nicht ein, wieso man einige Tiere verspeist, ohne gross darüber nachzudenken, und andere davon ausnimmt. Kälbchen, Kaninchen, Schweine und Pferde sind genauso herzig wie Hunde und Katzen, und auch sie werden teilweise als Haustiere gehalten. 

Haben Sie denn selber probiert? Darüber schweigen Sie sich in Ihrem Buch diplomatisch aus. Haben Sie Angst vor Anfeindungen?
Man will ja niemanden schockieren. Aber, ja: In einem kirgisischen Restaurant, das von Uiguren aus China geführt wird, habe ich ein Hundegericht gegessen. Es war ein scharf gewürztes Ragout mit viel Sauce. Von der Konsistenz her war es mit Hase vergleichbar. Ich habe nicht erfahren, um was für eine Hunderasse es sich handelte. Übrigens: Hundefleisch ist in den meisten Ländern relativ teuer und wird nur zu speziellen Gelegenheiten serviert. Niemand muss also Angst haben, dass ihm die Speise ohne sein Wissen aufgetischt wird.

Was hat Ihr Buch ausgelöst? Gab es Reaktionen von Tierschützern?
Nein, bisher nicht. Ich mache auch deutlich, dass ich keineswegs ein Hundehasser bin. Ich mag Hunde und halte sie wegen ihrer Beziehungsfähigkeit für besondere Tiere. 

Hunde essen – Hunde lieben

Rüdiger von Chamier: Hunde essen, Hunde lieben
1. Auflage 2016 
Klappenbroschur, 292 Seiten 
Tectum-Verlag, ca. 29 Franken 
ISBN: 978-3-8288-3847-5

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