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«Viren verursachen die meisten Infekte»

Pferde | Donnerstag, 2. Mai 2019 08:00, Interview: Martina Frei

Bei Pferden gibt es kaum Alternativen, wenn ein Antibiotikum nicht mehr wirkt. Die Infektionsspezialistin Angelika Schoster mahnt zum sorgsamen Umgang mit den wertvollen Medikamenten.

Frau Schoster, an den Pferdekliniken der Vetsuisse-Fakultät in Zürich und Bern erhalten Pferde­halter neu ein Infoblatt zum Thema Antibiotika. Weshalb?
Diese Informationskampagne ist Teil der «Strategie Antibiotikaresistenzen Schweiz» des Bundes. Dabei geht es darum, den unsachgemässen Gebrauch von Antibiotika zu reduzieren. Die Flyer sollen Pferdehalter für das Problem sensibilisieren.

Welche Irrtümer sind punkto Antibiotika verbreitet?
Zum Beispiel die Annahme, dass länger dauernder Husten beim Pferd mit einem Antibiotikum bekämpft werden müsse. Da wird zum Teil Druck auf die Tierärzte ausgeübt. Aber ein Antibiotikum bringt da in den allermeisten Fällen trotzdem nichts, weil ein solcher Husten kaum je durch Bakterien verursacht ist. Der wahre Grund ist oft Pferde­asthma. Auch bei hohem Fieber verlangen Tierhalter gern nach einem Antibiotikum für ihr Tier.

Was ist daran falsch?
Wenn aufgrund der Untersuchung durch den Tierarzt kein Verdacht auf eine bakterielle Ursache besteht, dann stecken bei hohem Fieber fast immer Viren dahinter. Und Virusinfekte muss man aussitzen, auch wenn das Fieber eine Woche anhält. Antibiotika helfen nur gegen bakterielle Erkrankungen. Die meisten Infekte sind aber durch Viren ver­ursacht.

Wie lange braucht ein Pferd, um sich von so einer Erkrankung zu erholen?
Bei einer Infektion raten wir pro Tag mit Fieber zu einer Woche Trainingspause. Nach einer Woche Fieber empfehlen wir vier Wochen zu pausieren.

Ist bei Verletzungen ein Antibiotikum nötig?
Nur, wenn es sich um tiefe Verletzungen handelt, die beispielsweise Sehnenscheiden oder Gelenke betreffen. Wichtig ist, dass die Wunde gut ausgespült und gesäubert wird und dass ein Wundabfluss möglich ist. Bei oberflächlichen Wunden ist medizinischer Honig eine gute Sache.

Kann man nicht den preiswerteren normalen Honig verwenden?
Da wäre ich vorsichtig. Sie wissen nicht, was für Bakterien und andere Stoffe er enthält. Im Honig können beispielsweise Sporen der sehr gefährlichen Botulinum-Bakterien sein.

Welche Alternativen gibt es zur antibiotischen Behandlung?
Das Wichtigste ist, sich zu fragen, ob es überhaupt ein Antibiotikum braucht. Bei einer Kolik zum Beispiel ist es nicht angezeigt. Auch die früher übliche Praxis, vor jeder Operation ein Antibiotikum zu geben, ist überholt. Bei kleineren Eingriffen wie Gelenkspiegelungen ist ein solches Medikament – wenn überhaupt – höchstens für 24 Stunden nötig.

So kurz? Muss ein Antibiotikum nicht verabreicht werden, bis die Packung leer ist?
Nein. Man sollte sich an den Rat des Tierarztes halten und es immer nur so lange geben wie unbedingt nötig. Je länger ein Antibiotikum verabreicht wird, umso höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwelche Bakterien im Körper resistent dagegen werden.

Wie lange soll man es konkret geben?
Als Faustregel gilt, das Antibiotikum konsequent bis zum Verschwinden der Beschwerden zu geben und noch ein bis zwei Tage darüber hinaus, um keinen Rückfall zu riskieren. Im Einzelfall hängt es aber von der Erkrankung und weiteren Umständen ab. Am besten hält man sich an das, was der Tierarzt empfiehlt.

2016 haben Sie Pferdetierärzte zum Einsatz von Antibiotika befragt. Von den teilnehmenden Veterinären hätten bis zu 84 Prozent bei fiktiven Pferdepatienten ohne hinreichenden Grund Antibiotika eingesetzt. Müssten Sie nicht auch die Tierärzte zum Thema Antibiotika sensibilisieren?
Das Thema betrifft alle Menschen, die in die Behandlung von Pferden involviert sind, zum Beispiel auch Pferdepfleger, Osteopathen und Chiropraktoren. Es finden auf allen Ebenen Weiterbildungen statt.

Sind resistente Bakterien ein Problem in der Pferdeheilkunde?
Dass gar kein Antibiotikum mehr hilft, erleben wir bei Pferden zum Glück nur sehr selten. Aber insgesamt sind resistente Erreger ein zunehmendes Problem in der Tier- und Humanmedizin. Viele Pferde bringen schon welche in die Klinik mit.

Wie kommt es dazu?
Zur Resistenzbildung führen viele Faktoren. Einer davon ist die Gabe von Antibiotika. Auf und im Pferdekörper leben Milliarden von Mikroben. Die Bakterien tauschen untereinander oft Gene aus. Das ist ähnlich wie beim Transfermarkt im Fussball – ein reges Hin und Her. Dabei kann es auch passieren, dass die Bakterien Gene tauschen, die sie resistent machen gegen ein Antibiotikum. Diese Bakterien können unbemerkt von einem Pferd zum anderen übertragen werden. Das kann überall geschehen, etwa beim Turnier oder im Stall.

Wie gefährlich sind resistente Bakterien?
Sie sind per se nicht «bösartiger» als andere Bakterien, im Gegenteil: Oft geht die Fähigkeit, einem Antibiotikum zu trotzen, sogar mit einer verminderten Ansteckungsfähigkeit einher.

Weshalb herrscht dann Alarmstufe Rot, wenn resistente Erreger entdeckt werden?
Die allermeisten dieser Bakterien schaden gesunden Pferden nicht. Aber bei Pferden, die krank oder geschwächt sind oder eine Verletzung haben, können sie schwierig zu behandelnde Infektionen hervorrufen. Gefürchtet sind sie etwa, wenn nach einer Verletzung Knochenschrauben eingesetzt wurden. Infektionen von solchen Implantaten mit resistenten Bakterien sind sehr mühsam.

Kann man nicht einfach auf ein anderes Antibiotikum ausweichen, gegen das keine Resistenz besteht?
Wenn das Antibiotikum erster Wahl nicht hilft, sind wir bei Pferden sehr eingeschränkt. Es gibt nur ein bis zwei Arten von Antibiotika, die dann noch anwendbar sind.

Weshalb existieren bei Pferden so wenige Alternativen?
Wir wissen bei manchen Antibiotika, weder wie die Pferde sie vertragen noch welche Dosis die richtige ist. Das wurde nie untersucht. Dazu kommen die Kosten: Eine Dosis für ein Pferd kann auf 100 bis 1000 Franken kommen – und das tagelang, dreimal täglich als Spritze.

Können resistente Bakterien vom Pferd auf Menschen überspringen?
Bakterien machen keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier, da passiert ein ständiger Austausch in beide Richtungen. Wenn man weiss, dass ein Tier mit resistenten Erregern besiedelt ist, sollte es keinen Kontakt haben mit kleinen Säuglingen, immungeschwächten Menschen und solchen, die zum Beispiel gerade eine Chemotherapie machen. Umgekehrt können aber auch Menschen, die mit resistenten Bakterien besiedelt sind, Tiere anstecken.

Angelika Schoster ist Oberärztin an der Pferdeklinik der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich. Sie ist spezialisiert auf Infektions-erkrankungen bei Pferden, Erkrankungen des Verdauungstrakts und Intensivmedizin.

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