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Junge Reiter

Kinder im Reitstall brauchen Regeln

Pferde | Montag, 22. Juli 2019, Angelika Nido Wälty

Kinder sind fasziniert von Pferden und Ponys. Doch der Umgang mit Rössern birgt auch Gefahren. Damit die Sicherheit von Mädchen und Jungen gewährleistet ist, müssen Erwachsene klare Spielregeln im Stall und rund um die Vierbeiner festlegen. 

Ställe und Reitanlagen sind für Kinder ein Paradies, das sie magisch anzieht. Während die meisten Knaben von den Traktoren und Landmaschinen auf dem Hof fasziniert sind, strahlen die Mädchen, wenn sie das Fell eines Pferdes oder Ponys streicheln dürfen. Sie zeigen keine Scheu vor den gros­sen Tieren. Nicht selten wuseln schon Drei- oder Vierjährige durch den Stall, suchen die Nähe zu den Pferden, wollen streicheln, mithelfen, putzen – und natürlich reiten! 

«Bei uns halten sich fast immer kleinere und grössere Kinder im Stall auf», sagt die Zürcher Oberländer Reitlehrerin Sonja Monsch, die selber Mutter zweier Jungen ist und in Lottstetten die Reitanlage Feldwiesen mit einer Reitschule und einem Pensionsbetrieb führt. Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass der Umgang mit Pferden positive Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen hat. Sie lernen, Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen, ihre Emotionen zu kontrollieren, Disziplin, Fleiss, Geduld und Teamfähigkeit. 

Kinder nie unbeaufsichtigt lassen
Da zwischen Pferd und Mensch ein Ungleichgewicht in Bezug auf Grösse, Gewicht und Kräfteverhältnis besteht, drohen einige Gefahren. Die einfachsten Verhaltensregeln sollte deshalb wortwörtlich jedes Kind kennen. Im Stall und auf dem Hof darf man weder rennen noch schubsen, kreischen oder mit Gegenständen werfen; man darf sich nicht hinter ein Pferd stellen; Pferde nicht ungefragt füttern und keine Weiden und Boxen von fremden Pferden betreten.

«Kinder können mögliche Gefahren nicht richtig einschätzen. Deshalb müssen wir sie darauf aufmerksam machen», sagt Monsch. Dabei ist es wichtig, dass Kinder verstehen, weshalb sie etwas nicht dürfen. Zum Beispiel, dass das Pferd die Finger mit einem Rüebli verwechseln und zubeissen könnte, was sehr schmerzhaft wäre. Oder dass man im Stall nicht herumtobt, weil sich ein Pferd erschrecken und in der Folge zur Seite springen, ausschlagen oder durchbrennen könnte. Klare Stallregeln sind keine Schikane, sie schützen Kinder und Pferde – und sorgen für ein sicheres und harmonisches Miteinander.

Kleinere Kinder, denen die Konsequenz ihres Verhaltens noch nicht bewusst ist, sollten sich deshalb ausschliesslich unter Aufsicht von Erwachsenen in der Nähe von Pferden aufhalten. Leider fehle auch bei diesen oft das Verständnis für das Pferd und seine natürlichen Verhaltensweisen, erzählt Monsch: «Ich muss heute viel mehr Aufklärungsarbeit leisten als früher.» 

Denn waren es noch vor wenigen Jahrzehnten vor allem Kinder auf dem Land oder der Nachwuchs von reitenden Eltern, die den Weg zum Pferd fanden, suchen viele Kids von heute die Ponyhof-Romantik, die sie vom Fernsehen kennen. Die Ernüchterung ist gross, wenn sie merken, dass die süssen kuschligen Ponys scharfe Zähne und einen eigenen starken Willen haben und nicht auf Knopfdruck reagieren wie in Computer-Spielen.

Damit die kleinen Einsteiger an ihrem neuen Hobby langfristig Freude haben und es möglichst unfallfrei ausüben können, müssen sie es von Grund auf erlernen. An einer umfassenden, altersgerechten und kompetenten Reitausbildung führt kein Weg vorbei. Dabei lernt das Kind das Pferd nicht nur von oben kennen, sondern versteht durch Mithilfe im Stall, beim Putzen, Satteln und Füttern auch seine Körpersprache, seine natürlichen Verhaltensweisen und Bedürfnisse.  

Nicht zu früh reiten lernen
Seriöse Reitschulen bieten Kindern einen optimalen und sicheren Einstieg in den Sport. Am klassischen Reitunterricht mit ersten Longenstunden und späterem Gruppenunterricht können Kinder ab dem Primarschulalter teilnehmen. Reitlehrerin Sonja Monsch erachtet ein Alter von 7, 8 Jahren als ideal: «Der optimale Zeitpunkt ist aber von Kind zu Kind verschieden.» Ein mutiges, selbstbewusstes Kind mit Durchsetzungsvermögen sei womöglich schon früher in der Lage, auf ein Pony oder Pferd einzuwirken, während man bei einem ängstlichen, zaghaften Kind besser wartet, bis es ein bisschen älter ist.

Kinder im Vorschulalter sind noch zu klein, um richtig reiten zu lernen. Dennoch haben viele Ponyhöfe und Kinderreitschulen altersgerechte Angebote ab drei Jahren im Programm. Dort geht es darum, unter ständiger Beobachtung von Erwachsenen oder erfahrenen Jugendlichen eine vertrauensvolle Beziehung zum Tier aufzubauen, spielerisch den Umgang mit den Vierbeinern zu lernen und beim geführten Ponyreiten erste Bewegungserfahrungen zu machen.

Für ihre ersten Gehversuche auf dem Pony benötigen Kinder keine schicke Reitkleidung. Aus Gründen der Sicherheit ein Muss sind ein gut sitzender Velo-Helm für die ersten geführten Ausritte, später ein geprüfter Reithelm, bequeme Hosen, griffige Handschuhe, Stiefel oder über die Knöchel reichende, feste Schuhe mit einem kleinen Absatz, der das Durchrutschen im Steigbügel verhindert, und allenfalls eine genormte Sturzweste.

Weitere Unfallquellen auf Höfen
Allein schon aufgrund ihrer Betriebsabläufe lauern auf Reitanlagen auch einige andere Unfallquellen. Diese zu erkennen und zu entschärfen ist die Aufgabe der Erwachsenen. Für sie hat zum Beispiel der Stromschlag durch einen kurzen Kontakt mit dem elektrisch geladenen Weidezaun keine Konsequenzen, in einem kleinen Kinderkörper kann er jedoch schwere Schäden anrichten. 

Auch Mistgruben, Futtersilos, ungesicherte Leitern und offene Heuabwurfluken stellen für Kinder eine potenzielle Gefahr dar. Das Gleiche gilt für Traktoren, Maschinen und schwere Geräte, die nur in Betrieb gesetzt werden dürfen, wenn man Sichtkontakt zu den anwesenden Kindern hat. Beim Rangieren mit Pferdetransportern und -anhängern ist besonders der gefürchtete tote Winkel ein kritischer Punkt. Hier helfen grosse Rückspiegel, spezielle Rückfahrkameras – oder im Zweifelsfall eine Drittperson, die den Fahrer lotst.

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