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Ritt durch die Natur

Erst die Vorbereitung, dann das Reitvergnügen

Pferde | Dienstag, 3. September 2019, Angelika Nido Wälty

Ein entspannter Ritt in freier Natur ist für die meisten Reiterinnen und Reiter das höchste der Gefühle. Doch im Gelände lauern einige Herausforderungen und Gefahren. Mensch, Pferd und Ausrüstung sollten deshalb einige wichtige Voraussetzungen erfüllen. 

Ein Ausritt ist eine Wohltat für den Körper und die Seele des Reiters sowie des Pferdes. Eine Voraussetzung für den unbeschwerten und sicheren Reitgenuss im Freien ist jedoch, dass Mensch und Tier den Ausflug entspannt angehen können. Dafür müssen beide über eine solide Grundausbildung verfügen. Der Reiter sollte nicht nur in allen drei Grundgangarten absolut sattelfest, sondern auch in der Lage sein, in kritischen Situationen richtig zu reagieren und das Pferd unter Kontrolle zu halten. 

Da sich heutzutage verschiedene Nutzergruppen die Naherholungsräume teilen, werden Pferde oft mit Unbekanntem konfrontiert, wie zum Beispiel bellenden Hunden, rasant vorbeiflitzenden Mountainbikern oder einer lautstarken Kindergruppe. Ein Pferd kann daher erst als geländesicher bezeichnet werden, wenn es gelernt hat, seinen Reiter zu respektieren, ihm zu vertrauen, und wenn es eine gute Portion Gelassenheit mitbringt.

Diese kann man trainieren, indem man das Pferd schon in jungen Jahren verschiedenen Situationen und Szenarien aussetzt, damit es möglichst viel Erfahrung sammeln kann und an der Seite von gelassenen Menschen und älteren Pferden lernt, dass ihm keine Gefahr droht. Später helfen gezieltes «Antischreck-Training» sowie vertrauensfördernde Beziehungsarbeit.  

Gelassen dank artgerechter Haltung
Die Robustheit des Nervenkostüms eines Pferdes hängt zum einen von der Rasse und seinem individuellen Temperament ab – aber auch ganz entscheidend von der Haltung. Man darf sich nicht wundern, wenn Pferde, die nichts anderes kennen als die eigene Box, den Reitplatz oder die Halle, bei einem Ausflug in die Natur überwältigt sind von den vielen neuen Sinneseindrücken und dabei zu einem Nervenbündel werden. 

Täglicher Auslauf auf der Weide oder einem Paddock auf der Reitanlage, bevorzugt mit anderen Pferden, helfen dem Vierbeiner cool zu werden. Durch tägliche freie Bewegung kann das Pferd Energie abbauen, es nimmt tagtäglich eine Vielzahl von äusseren Reizen auf und der Kontakt mit seinen Artgenossen und die Sicherheit in der Gruppe stärken sein Selbstbewusstsein und machen es zufrieden und ausgeglichen. 

Ist das Pferd noch jung, ängstlich oder im Gelände unerfahren, vermittelt ihm ein älteres Führpferd die nötige Ruhe und Selbstsicherheit. Genauso sollten Reiter, die noch nicht so erfahren sind, nicht alleine ins Gelände, sondern eine Begleitperson mitnehmen. Routinierte Reiter gehen oft alleine ausreiten, ohne über die möglichen Konsequenzen nachzudenken. Doch sind selbst reitende Olympiasieger und Weltmeister schon schwer gestürzt. Deshalb sollte zumindest das Handy mit, um im Notfall Hilfe herbeirufen zu können. Sicherer ist jedoch der Ausritt zu zweit oder in einer kleinen Gruppe, in der bei Bedarf einer dem anderen helfen kann und sich auch die Pferde woh­ler fühlen.

Strategien zur Problembewältigung 
Die Dauer des Ausritts sowie die Route sollten der Kondition der Pferde sowie dem reiterlichen Niveau des schwächsten Reiters angepasst werden. Risikoreiche Stellen wie stark befahrene Strassen, Wege mit vielen Fussgängern oder Bauernhöfe mit frei laufenden Hunden werden von vielen Reitern gemieden. Das erscheint nachvollziehbar, der Reiter sollte jedoch nicht zu sehr in eine Vermeidungshaltung verfallen und sämtliche kniffligen Stellen umgehen. Denn auf jedem Ausritt kann dem Pferd etwas Unbekanntes begegnen. Es sollte deshalb seinem Reiter in jeder Situation vertrauensvoll folgen. 

Aufgrund seiner Natur als Fluchttier kann sich jedoch selbst das ruhigste und bravste Pferd im Gelände erschrecken, scheuen, stehen bleiben oder versuchen, sich im Galopp von einer vermeintlichen Gefahrenquelle zu entfernen. Als Reiter ist man gut bedient, wenn man die wichtigsten Strategien zur Problembewältigung kennt. Einige sind sofort anwendbar, andere brauchen etwas mehr Training. Grundsätzlich gilt für den Reiter in einer Schrecksekunde: Ruhe bewahren und nicht durch die eigene Hektik das Pferd in seinen Fluchtabsichten bestätigen. 

Scheut der Vierbeiner vor einem angsteinflössenden Gegenstand, sollte man erst einmal ruhig stehen bleiben – oft hilft es schon, wenn das Pferd Zeit bekommt, das Objekt ausgiebig zu betrachten. Dann reitet man an besagter Stelle ruhig, aber bestimmt und am besten im leichten Schulterherein, einem Seitengang, vorbei. Sträubt sich das Pferd weiter, kann ein mutigerer Artgenosse vorgeschickt werden. Hilft auch das nichts, ist Absteigen die beste Lösung. 

Wenn möglich, führt man das Pferd zwei-, dreimal am Angstmacher vorbei, bis es sich beruhigt hat. Steigt man dann wieder auf, sollte es mit dem Vorbeireiten klappen. Problematischer sind Pferde, die blitzschnell kehrtmachen, sei es, um vor einer vermeintlichen Gefahrenquelle zu flüchten oder um selbstständig den Heimweg anzutreten. Ist der Vierbeiner einige Male mit dieser Unart durchgekommen, braucht es Geduld und Konsequenz, sie ihm wieder abzugewöhnen.

Achtung bei frisch abgemähten Wiesen
Ein flotter Galopp macht  grossen Spass,  birgt aber die meisten Gefahren. Bevor galoppiert wird, muss man sich vergewissern, ob sich das Terrain dazu eignet. Die ideale Galoppstrecke führt leicht bergauf über einen weichen Boden ohne Wurzeln und Steine. Frisch abgemähte Wiesen und Felder sind verlockend, bergen aber Gefahren wie tiefe Löcher, die das Pferd zu Fall bringen können. Ausserdem ist Reiten nicht überall erlaubt. 

Im Schritt und Trab lassen sich Pferde meistens problemlos im Tempo regulieren. Beim Galoppieren, vor allem in der Gruppe, wachen sie dann erst so richtig auf, beginnen stark zu werden und sich auf die Hand zu legen. Dann muss man sofort durchparieren und die Kontrolle wiederherstellen. Das Pferd muss im Galopp jederzeit an den Reiterhilfen stehen und gelernt haben, auch im Freien in einem gleichmässigen, nicht immer schneller werden Tempo zu galoppieren. 

Geht ein Pferd im Gelände doch einmal durch, sollte man versuchen, es auf immer kleiner werdenden Volten unter Kontrolle zu bringen. Ist dafür kein Platz, mit einer Hand in den Mähnenkamm greifen, um die Balance zu behalten, und mit der freien Hand Paraden geben. Ist ein solches Durchgehen kein einmaliger Ausrutscher, gehört das Pferd in die Hände eines erfahrenen Trainers.

Die Ausrüstung muss in Schuss sein
Ein weiteres Schreckensszenario im Gelände ist ein reissender Zügel, Steigbügelriemen oder Sattelgurt – alles kann im schlimmsten Fall zu einem Sturz mit bösen Verletzungen führen. Daher muss die Ausrüstung von Pferd und Reiter für den Ausflug ins Gelände gepflegt und in tadellosem Zustand sein. 

Die Beine des Pferdes kann man mit Gamaschen schützen. Sie sind im Gelände den Bandagen vorzuziehen, die sich leichter lösen können. Wird der Ausritt zeitlich so angelegt, dass man nicht vor Einbruch der Dunkelheit zurück ist, muss man für eine korrekte Beleuchtung von Pferd und Reiter mit Stiefellampen, Leuchtgamaschen und Leuchtwesten sorgen. Der Reiter sollte Stiefel oder festes Schuhwerk, Handschuhe und einen Reithelm mit Dreipunktbefestigung tragen.

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