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Verhalten der Rassetauben

Wie Tauben ticken

Tauben | Mittwoch, 4. Oktober 2017, Kaspar Dietrich Kradlofer

Sie balzen, fliegen im Schwarm und picken sich durch Felder. Unsere Rassetauben legen ein vielfältiges Verhalten an den Tag. Es ist tief in ihrem Erbgut verankert und stammt von ihren Vorfahren.

Mit aufgeblasenem Kropf und betont gekrümmter Haltung trippelt der Täuber mit breit gefächertem Schwanz seiner auserwählten Täubin nach, umkreist diese imponierend und treibt sie vor sich her. Entfernt sich die Täubin, so hüpft der Täuber ihr in kurzen Sprüngen gezielt nach. Nimmt die Täubin die Werbung an, so bleibt sie aufrecht und mit satt angelegtem Gefieder stehen. Ist sie interessiert, so berührt sie leicht schnäbelnd das Gesicht des Täubers – seine erogene Zone.

Sie beginnt bei auf- und anschwellendem Hals Luft zu schlucken. Ihre Augen blitzen auffordernd und sie wartet, bis der balzende Täuber seinen Schnabel öffnet. Daraufhin steckt die Täubin wie ein Jungvogel ihren Schnabel in denjenigen des Partners und ein ausgiebiges Schnäbeln erfolgt. Dabei hält der Täuber den Schnabel der Täubin fest und die beiden nicken heftig im Gleichtakt. Dieses Ritual wird mehrmals wiederholt, ist eine Geste der Einwilligung und dient dem partnerschaftlichen Zusammenhalt.

Nebst dieser Bodenbalz verfügt der werbende Täuber auch über eine auffällige Flugschau. Dabei wechselt er plötzlich aus dem normalen Ruderflug in eine kräftige, langsame Flügelbewegung über, bei der er die Schwingen weit ausholend über seinem Rücken geräuschvoll zusammenschlägt. Zwei oder drei solcher Einlagen mit Aufsteigen und Senken stellt er zur Schau, bis er wieder zu seinem normalen Flugstil in der Horizontalen übergeht.

Die Nistzelle ist ein Tabu
Hat der paarungswillige Täuber im Schlag eine Nistzelle erobert, so verteidigt er diese aufs Schärfste gegen Rivalen und lockt seine Täubin intensiv an. Geduckt und flügelzitternd kauert der Täuber gurrend an seinem auserwählten Brutplatz. Erscheint die Täubin, erfolgt das oben geschilderte Balz­gebaren, bis die Taube sich niederkauert und die Kopulation erfolgt. 

Damit signalisiert sie, dass ihr Partner und Nistplatz zusagen. Vehement treibt nun der Täuber seine Täubin immer wieder zum Nest und wehrt seine Rivalen hackend und flügelschlagend in die Flucht. Dabei greift er sowohl Täuber wie Täubinnen an. Diese Angriffe beziehen sich in erster Linie auf den Raum vor und rund um den Nistplatz.

Jeder Täuber versucht so seine Einflusszone zu sichern, die er imponierend freizuhalten versucht. Ist ein Eindringling stärker als der Revierbesetzer, so zieht sich der Eigentümer in den Nestbereich zurück, von wo aus er aber mit seinen Drohgebärden weitermacht. Die Nistzelle jedes Paares ist ein Tabu, sie wird aufs Äusserste verteidigt. 

Ansonsten unterliegen die Reviergrenzen des Taubenpaares immer wieder Änderungen. Trotz heftiger Auseinandersetzungen rund um den Nistplatz leben Tauben in lockerer Schwarmgemeinschaft. Sie sind Koloniebrüter. Die Kolonie ist eine überlebenswichtige Sozialstruktur. Besonders ledige Tauben finden darin Schutz und die Möglichkeit, Partner und sicheren Brutplatz zu gewinnen. Das einzelne Paar bildet in der Taubenkolonie die unterste Einheit innerhalb der Gemeinschaft. Die Tauben kennen sich persönlich, doch ist ihnen die Individualität der Schwarmgenossen nicht so wichtig.

Geschickte Manöver in der Luft
Hat die Partnerin das erste Ei gelegt, balzt ihr Täuber nur noch verhalten, vornehmlich mit Flugschau. Die Nestverteidigung bleibt aber erhalten. Beide Partner wechseln sich beim Brüten ab. Fliegt der eine Partner zum Nest, so gurrt er leise, krault mitunter den Brutvogel. Dieser verlässt nun das Nest und der andere übernimmt. Nach einer inneren Uhr lösen sich die Partner ab. Hudern, Füttern und Verteidigen praktizieren beide Brutvögel. Die Jungen veranlassen den Altvogel mit eigens entwickelten Bettelgesten, Kropfmilch in ihren geöffneten Schnabel zu pressen. Dabei halten Jung- und Altvogel die Schnäbel gegenseitig umfangen.

Sind die Jungtauben flügge, folgen sie ihren Eltern zu Beginn noch fast auf Schritt und Tritt. Die Jungen leben im lockeren Schwarm und wachsen so von den andern lernend zu selbstständigen Erwachsenen heran.

In der Luft sind die meisten Tauben in ihrem Element. Durch kräftige Flügelschläge beschleunigen sie ihren Flug und bringen ihren Körper ins Gleichgewicht. Geschickt verstehen Tauben zu manövrieren, Geschwindigkeiten einzuteilen, Feinden auszuweichen. Das Abbremsen in der Luft geschieht durch Aufrichten der Schwingen nach vorne und gleichzeitiges Fächern des Schwanzes.

Beim Landen geht die Taube in den Sinkflug, stellt den kräftigen Schwanz hoch, um die waagrechte Körperhaltung wieder zu erreichen, streckt die sonst im Fluge angezogenen Beine weit nach vorne und peilt kräftig flügelschlagend den Landungsplatz an.

Das pfeilschnelle Fliegen im Schwarm ist für die Taube das wichtigste Fortbewegungsmittel, um Nahrungsgründe und Nistplätze aufzusuchen. Es ist auch die beste Strategie, sich vor Feinden zu schützen. In wechselnden Formationen zieht sich der Schwarm zusammen und dehnt sich wieder aus, die Tiere steigen hoch und sinken wieder; so können angreifende Raubvögel verwirrt werden. Eine einzeln dahinziehende Taube hingegen setzt sich grosser Gefahr aus.

Nebst dem Fliegen sind für die Taube das Baden und Sonnen wichtige Betätigungen, die ihrer Fitness und Gesundheit dienen. Doch auch diese Bewegungsabläufe unterliegen einem klaren Schema: Am Rand einer stehenden Wasserstelle picken die Tauben erst auf die Oberfläche, tauchen anschlies­send ihren aufgeplusterten Oberkörper tief ein, lassen das Nass ins Gefieder dringen, schütteln sich wiederholt und tauchen erneut ein. Den Schwanz tragen sie dabei beim Baden breit gefächert.

Flügelschlagend und aufgerichtet verlässt die Taube nach ihrem Bad das Nass und beginnt am Trockenen ihr Gefieder zu ordnen. Dabei zieht sie jede Feder einzeln durch den Schnabel und ordnet sie so. Abwechslungsweise wird ein Flügel über das nach hinten gerichtete Bein gedehnt. Auch bei dieser Pflegephase ist der Schwanz gefächert, gibt Halt. Beim Sonnenbaden liegt die Taube an einer besonnten Stelle und streckt einen Flügel steil nach oben. So kriegt ihr Untergefieder Sonnenlicht und Wärme ab. Oft begibt sich die Taube dabei in leicht seitliche Lage. 

Im Schwarm durch die Felder
Auch das Feldern ist eine wichtige und lebenserhaltende Betätigung. Dabei trippeln die Tauben mit kleinen Schrittchen über die Felder. Der Kopf bewegt sich dabei dauernd vor und zurück, was dem Sehen förderlich ist. Hat die Taube etwas Interessantes erblickt, pickt sie danach und testet so, ob das Ding fressbar ist. Gefeldert wird vorwiegend im Schwarm. Die Tauben breiten sich über das ganze Feld aus, so bleiben kaum Nahrungspartikel unentdeckt. Droht Gefahr, fliegen die Tauben gemeinsam auf, um erst nach einigen Sicherungsrunden erneut zu landen und weiter nach Futter zu suchen.

Das Verhaltensrepertoire ist unseren Haustauben angeboren und von ihrer wilden Vorfahrin, der Felsentaube, erblich übernommen. Durch unterschiedliche Haltungsformen und Zuchtauslese haben sich die Verhaltensgesten bei unseren Rassetauben leicht abgeändert – aber im Grundsatz noch immer erhalten.

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