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Tierwelt 15/2014

Im Tierreich leben die besten Schauspieler am längsten

Wildtiere | Donnerstag, 10. April 2014 08:00, Heidi van Elderen

Wer in die Rolle eines anderen schlüpft, hat bessere Überlebens­chancen. Darum kopieren zahlreiche harmlose Insekten, Reptilien und Fische giftige Tierarten.

Der vermutlich brillanteste Schauspieler des Tierreiches beherrscht gleich mehrere Rollen aus dem Effeff. Um Feinde abzuschrecken, verwandelt sich der Karnevals-Tintenfisch durch Form- und Farb­veränderung ganz nach Bedarf in die hochgiftige Seeschlange, den gefährlichen Feuerfisch, den Stachelrochen, eine unauffällige Flunder oder eine Schnecke. Ohne sein kunstvolles Verwirrspiel würde der Tintenfisch schnell gefrässigen Räubern zum Opfer fallen. Der Einfallsreichtum des Meeresbewohners, der über offenen Sandböden vor der Küste Südostasiens lebt, kennt kaum Grenzen. Bis zu 1000 Mal am Tag wechselt er allein die Farbe, dazu ist er mit speziellen Farbzellen, den so genannten Chromatophoren, ausgestattet. 

Bekannt wurde der seltene Kopffüsser erst 2001 durch einige eindrucksvolle Filmaufnahmen australischer Forscher. Bis heute weiss man noch nicht, ob die Kraken schon als begnadete Schauspieler zur Welt kommen oder ob sie diese Fähigkeit erst später erlernen. Der Thaumoctopus mimicus mag vielleicht das einzige Lebewesen sein, das so gleich ein halbes Dutzend Tierarten perfekt imitieren kann. Doch in weniger starker Ausprägung ist die sogenannte Bates’sche Mimikry (vom griechischen Wort «mimese» für Nachahmung) ziemlich verbreitet. 


Video: YouTube/marcelnad

Die Kopiervorlage muss häufig sein

 Der Hummelschwärmer. Bild: spacebirdy/wikimedia.org/CC-BY-SA

Der Engländer Henry Walter Bates beschrieb 1862 als erster Wissenschaftler das Phänomen, das besonders häufig bei Schmetterlingen beobachtet werden kann. Ein harm- und wehrloses Tier imitiert eine ungeniessbare oder gefährliche Art und wird, wenn die Rechnung aufgeht, von Angreifern gemieden. So sieht der Hornissen-Glasflügler mit den durchsichtigen Flügeln, der schmalen Wespentaille und dem schwarz-gelben Streifenlook einer angriffslustigen Hornisse täuschend ähnlich. Eine «Verkleidung», der der harmlose Tagfalter sicher manches Mal sein Leben verdankt. Nach dem gleichen Prinzip erhöht der Hummelschwärmer-Schmetterling seine Überlebenschancen. 

Seit 2012 steht fest, dass es sogar unter den Schaben echte Mimikry-Künstler gibt. Deutsche Forscher entdeckten im Regenwald Südvietnams eine neue, bisher unbenannte Art mit einer für Schaben ungewöhnlichen Färbung: gelbe Flecken auf schwarzem Grund. Vorbild der Schabe ist der Laufkäfer Craspedophorus sublaevis, der seine Angreifer mit übel riechender Flüssigkeit vollspritzt und so vertreibt. Räuber, die einmal in den zweifelhaften Genuss einer solchen «Dusche» gekommen sind, lassen vorsichtshalber wahrscheinlich auch die ähnlich aussehende Schabe in Ruhe.

Funktionieren kann der Bluff nur dann, wenn es ausreichend Exemplare der Kopiervorlage gibt. Würde zum Beispiel die giftige gelb-schwarze Gelblippen-Seeschlange selten werden oder gar aussterben, hätte ihr Nachahmer, der friedfertige Schlangenaal, ein Problem. Denn seine Feinde wüssten ja nicht mehr, weshalb sie die Farbe Gelb-Schwarz mit Giftigkeit verbinden sollten.

Schlangen sind nicht nur im Wasser, sondern auch an Land eine beliebte Vorlage. So gibt die harmlose Blindschleiche vor, keine Eidechse, sondern eine Schlange zu sein. Die Weinschwärmerraupe tarnt sich mit einer Musterung, die Schlangenaugen gleicht. Den Effekt verstärkt sie noch, indem sie sich hin und her wiegt. Und Meisen benutzen gelegentlich tiefe Zischlaute, um Verfolger in die Flucht zu schlagen.

 Das Kalifornische Erdhörnchen. Bild: Bagginz/wikimedia.org/CC-BY-SA

Mittelmässige Imitation
Ganz gerissen sind Kalifornische Erdhörnchen, die auf dem Speiseplan von Klapperschlangen stehen. Eine US-amerikanische Biologin beobachtete 2007, dass die Hörnchen abgelegte Schlangenhaut kauten und den Geruch durch Lecken auf ihrem Fell verteilten. Kommt eine Klapperschlange an der Höhle eines so parfümierten Nagetiers vorbei, glaubt sie, einen Artgenossen zu riechen und lässt die Höhle links liegen. 

In unseren Breitengraden greifen unter anderem die Schwebfliegen zum Trick, sich als jemand anderes auszugeben. Um nicht zu schnell als Leckerbissen eines Vogels zu enden, tarnt sich immerhin rund ein Viertel der weltweit bekannten 5600 Arten dieser Insektenfamilie als Wespen oder Honigbienen, um die Federvieh meist einen grossen Bogen macht. 

Allerdings sind nicht alle Schwebefliegen mit der gleichen Gewissenhaftigkeit am Werk. Während manche Kopien täuschend echt sind, imitieren andere Insekten die Wespen und Bienen nur sehr ungenau. Das stellte die Wissenschaft lange vor ein Rätsel. Einige Forscher vermuteten, dass es von Vorteil sein könne, sich nicht nur ein ungeniessbares Tier zum Vorbild zu nehmen, sondern mehreren ungeniessbaren Arten ein wenig zu ähneln. Eine andere These: Die halbherzigen Kopien gaukelten den Räubern eine Wespen- und Bienenvielfalt vor. In Folge würden die verunsicherten Vögel auch andere getarnte Schwebefliegen verschmähen und so die ganze Sippe schonen.

Auf Beutezug mit Stimmimitation
2012 veröffentlichten die kanadischen Forscher Thomas Sherratt und Heather Penney aber eine Studie mit mehreren Dutzend Schwebfliegenarten, die diese Hypothesen widerlegte. Sie fanden heraus, dass das Schauspieltalent der Schwebfliegen immer nur so gut ausgeprägt ist wie nötig. Kleinere Arten kommen offenbar oft auch schon mit dem Leben davon, wenn sie den Wespen und Bienen nur ein bisschen ähneln. Grössere Tiere sind als Beute jedoch so attraktiv, dass Vögel besser hinschauen und bereit sind, ein grösseres Risiko einzugehen. Der Anpassungsdruck auf fette Fliegen ist also deutlich höher. 

Das Imitieren anderer Tiere kann nicht nur dabei helfen, einem Fressfeind ein Schnippchen zu schlagen. Die Kunst des Kopierens wird auch von einigen Räubern gekonnt eingesetzt. In der Fachsprache nennt man dieses Verhalten nach seinem Entdecker «Peckham’sche Mimikry» oder auch «aggressive Mimikry». So kann zum Beispiel der Seeteufel mit einem Hautanhängsel an der Rückenflosse gekonnt einen Wurm nachahmen. Wollen andere Fische nach dem vermeintlichen Leckerbissen schnappen, schwimmen sie ihrem Räuber quasi direkt ins Maul. 

Auf ein akustisches Schauspielmanöver setzt der afrikanische Trauerdrongo. Der Sperlingsvogel imitiert die Rufe von Greifvögeln, vor denen sich Erdmännchen hüten müssen – und zwar immer dann, wenn diese sich gerade über schmackhafte Insekten oder kleine Reptilien hermachen wollen. Und während die Erdmännchen vor dem vermeintlichen Angreifer in den Bau flüchten, macht sich der Trauerdrongo in Ruhe über die zurückgelassene Beute her. Rund ein Viertel ihrer Nahrung, fanden Wissenschaftler heraus, erräubern die schwarzen Vögel auf diese Art. Sie beobachteten auch, dass die Erdmännchen nach einer Weile nicht mehr auf den Trick hereinfallen. Doch dies stört den Trauerdrongo nicht sehr. Er kopiert dann ganz einfach den Ruf anderer Vögel und kann die Erdmännchen so in der Regel tatsächlich wieder zur Flucht animieren. 

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