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Geier-Strategie

Der Schmarotzer und das Adlerauge

Wildtiere | Dienstag, 9. September 2014, Matthias Gräub

In der Schweiz sind Vogelschützer momentan damit beschäftigt, den Geier vor dem Aussterben zu bewahren. In Kenia haben Forscher derweil herausgefunden, was für hinterhältige Biester diese Tiere dort sind.

Geier machen sich über ein Aas her, während ein Adler (rechts) zuschaut. Video: Darcy Ogada 2014

Schreiend und keckernd machen sie sich über ihre Beute her, einer Horde Barbaren gleich hacken die Sperbergeier auf einen Kadaver ein. Das Video oben wurde von einem Forscherteam des Trinity College in Dublin aufgenommen, die dem Verhalten der grossen Greifvögel in Kenia auf der Spur sind.

Erst vor kurzem hat der Schweizerische Vogelschutz die Wichtigkeit der Arterhaltung des Geiers in Europa unterstrichen und darauf hingewiesen, wie schädlich es für die Tiere wäre, das Schmerzmittel Diclofenac in der Tiermedizin einzusetzen («Tierwelt Online» hat berichtet). Doch auch wenn ihr Aussterben keineswegs wünschenswert ist: Ihren schlechten Ruf haben die Aasfresser nicht von ungefähr, wie die Zoologen in ihrer neuen Studie darlegen.

Nur Tote werden angegriffen
Das Forscherteam aus Irland hat in Kenia Geier untersucht, die einzigen Wirbeltiere, die sich (fast) ausschliesslich von Aas ernähren. Lebendige Tiere müssen sich nicht vor ihnen fürchten, sie werden in Ruhe gelassen. Stirbt aber eines durch einen Raubtier-Angriff oder aus natürlichen Gründen, schlägt die Stunde der Geier. Natürlich wollen sie so rasch wie möglich an Ort und Stelle sein, um sich die besten Stücke des Kadaverkuchens zu sichern. Und dafür haben sie ganz schön hinterhältige Strategien.

Schon lange ist bekannt, dass die Geier in ihrem kreisenden Flug über den weiten Ebenen Afrikas nicht nur ein Auge für die allfällige Beute am Boden haben, sondern sich auch gegenseitig beäugen. Hat einer das Objekt der Begierde entdeckt, lassen die anderen nicht lange auf sich warten – so ergibt sich rasch ein Bild wie auf dem Video oben.


Ein Weissrückengeier im Flug. Bild: Darcy Ogada 2014

Doch die Zoologen haben nun herausgefunden, dass sich die Geier auch nach anderen Tieren in der Luft umschauen: nach Adlern. Im Gegensatz zu den Geiern sind diese zwar Raubvögel, die ihre Beute – etwa Nagetiere oder Eidechsen – eigenhändig erlegen, sie sind sich aber ihrerseits ebenfalls nicht zu schade, gefallenes Wild zu plündern.

Mit ihren sprichwörtlichen Adleraugen sehen Raub- und Steppenadler in Kenia die mögliche Beute in der Regel eher als ihre Nahrungskontrahenten, die Geier. Stürzen sie sich also aus der Luft auf ein Aas, richten sich die Augen der kreisenden Geier auf sie und die Verfolgung wird aufgenommen. Praktisch, so ein Peilsender.

Adler bereiten den Tisch
Aber das ist noch nicht alles. Anstatt sich flugs den Adlern an die Fersen zu heften und sich den Schnabel an der zähen Haut der Beute auszubeissen, lassen die Geier ihren Vorarbeitern erst mal den Vortritt. Denn für einen Adler ist so eine Antilopenhaut kein Problem. Mit ihren scharfen Schnäbeln und Klauen schlitzen sie dem Kadaver den Bauch auf und richten so den Tisch für die Geier. Nun, wenn alles angerichtet ist, kommen die viel grösseren Schmarotzer herbeigeflattert, scheuchen ihre unfreiwilligen Vorkoster davon und tun sich selbst an der Beute gütlich. Den Adlern bleibt nur zuzuschauen, wie ihre Mahlzeit von marodierenden Geiern verschlungen wird. Mit etwas Glück bleibt noch ein kleiner Rest für die bemitleidenswerten Adler.

Das Forscherteam hat mit seiner Studie eindrücklich dargelegt, dass die Geier in Kenia ein äusserst unsympathisches Verhalten an den Tag legen, aber in der Natur gilt schliesslich das Recht des Stärkeren, kein Grund also, die Aasfresser dafür zu verdammen. 

Ausserdem halten die Zoologen fest, dass Geier durchaus nicht nur brandschatzende Schädlinge sind. Vielmehr würden sie in ihren Ökosystemen eine wichtige Rolle als «Recycling»-Experten übernehmen. Tote Tiere und verwesende Biomasse stellen grosse Risiken für die Umwelt dar, weil sie – blieben sie zu lange liegen – gefährliche Infektionskrankheiten verbreiten könnten. Ausserdem würde ohne die Geier, gerade in Afrika, die Population wilder und streundender Hunde vermutlich stark wachsen, die wiederum Menschen mit Tollwut anstecken könnten.

Originalpublikation:
Adam Kane, Andrew L. Jackson, Darcy L. Ogada, Ara Monadjem, and Luke McNally: «Vultures acquire information on carcass location from scavenging eagles», Proc R Soc B 2014 281
doi: 10.1098/rspb.2014.1072 

 

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