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Ameisenzucht

Das grosse Krabbeln im Keller

Wildtiere | Donnerstag, 25. September 2014 07:30, Eva Rosenfelder

Der Thurgauer Christian Mock frönt einem speziellen Hobby: Er kümmert sich um Ameisen – nicht etwa im Wald, sondern im Terrarium. Ein Besuch im einzigen Ameisenshop der Schweiz. 

Ameisen sind nützliche Tiere. Das wird niemand bestreiten – solange sie sich in Wald und Garten aufhalten. Doch gelangen die Tierchen mal auf die Terrasse oder durch eine Ritze ins Haus, dann wird nicht lange gefackelt. Mit Hausmittelchen und oft mit Gift wird den einmarschierenden Truppen der Garaus gemacht. 

Nicht so Christian Mock. Er ist ein solcher Ameisenfan, dass es ihm nicht genügt, die Tierchen in freier Wildbahn zu beobachten. Er hält gar eigene Kolonien in speziellen Terrarien, sogenannten Formicarien – und er verkauft Ameisen. In Steckborn TG betreibt er seit vier Jahren den ersten Schweizer Ameisen-Shop. 

Mocks Beziehung mit Ameisen begann in seiner Kindheit mit einem Sturz in den Ameisenhaufen. Das weckte sein brennendes Interesse für Ameisen – eine Begeisterung, die den 35-jährigen Familienvater bis heute nie mehr losgelassen hat. Als Jugendlicher verbrachte Mock Stunden damit, ein Computerspiel zu spielen, bei  dem es galt, Ameisenkolonien zu gründen und grosszuziehen, um diese zu verkaufen. Das animierte ihn, es real auszuprobieren. 

Bald knüpfte er Kontakt zum europaweit ersten und einzigen Ameisen-Shop in Berlin, der heute weltweit der grösste ist und mehrere deutschsprachige Foren zum Thema betreibt. Mock konnte sehr von diesen Erfahrungen profitieren und die einzige Filiale in der Schweiz eröffnen. Diese betreibt er hobbymässig im Keller seines Take-away- und Lebensmittelladens «Trasse». Wer in Steckborn auf den Zug wartet, kann hier bei einer Tasse Kaffee beobachten, was die stets geschäftigen Tierchen so treiben. Ein riesiges Formicarium ziert nämlich  das Verkaufslokal. Und sollte das «Ameisenvirus» unverhofft auf die Gäste übergreifen, so können sie sich im Ameisen-Shop im Untergeschoss mit Zubehör und Anleitung eindecken und sich ihre eigene Truppe ins Haus holen.

 Christian Mock hat ein Herz für Ameisen.
 Bild: Eva Rosenfelder

Mit «Anfänger-Ameisen» starten
«Weltweit sind bisher etwa 15 000 verschiedene Ameisenarten beschrieben und benannt worden, doch es gibt schätzungsweise noch um die 20 000 unbekannte Arten», sagt Mock. Jede Ameisenart sei an ihre besondere Umgebung angepasst. «Wir Ameisenfreunde halten uns Kolonien aus aller Welt, um Einblick in die Geheimnisse dieser Kleinstaaten zu bekommen und tauschen unsere Erfahrungen rege untereinander aus.»

Erfahrung und Wissen braucht es für die Ameisenhaltung, denn die Tiere sind sensibel und reagieren bereits auf kleinste Veränderungen von Temperatur oder Umgebung sehr heikel. «Anfängern rate ich, mit einheimischen Arten zu starten, die relativ wenig Ansprüche an Temperatur oder Luftfeuchtigkeit stellen», sagt Mock. So könne man sich zuerst einmal mit den Tieren vertraut machen. 

Geeignet sei etwa die Schwarze Wegameise (Lasius niger), eine kleine und arbeitsame Art, deren Königin sich durch ihre Grösse stark abhebe. Infrage komme auch die Rote Gartenameise (Myrmica rubra), die etwas kampflustiger sei und über mehrere Königinnen pro Kolonie verfüge, weniger Eier lege und eine feuchte Umgebung liebe. Auch die  Gelbe Wiesenameise (Lasius flavus) ist für Anfänger geeignet, doch in der Regel zeigt diese Art laut Mock wenig Aktivität, was einigen Haltern dann zu langweilig sei. Sie alle sind im Ameisenshop samt einer Starterbox und Anleitung erhältlich.

Diese Ameisenarten stellen nicht nur geringe Ansprüche an ihren Lebensraum – ihre Haltung ist auch erlaubt. Das ist nicht selbstverständlich. Denn: Fast 90 Prozent der einheimischen Ameisen seien geschützt, sagt Mock. «Wir halten uns genau an die Regeln und verkaufen nur Arten, die erlaubt sind.» Verboten sind sämtliche geschützten Arten und invasive Arten, die grosse Schäden verursachen können. Trotzdem wird laut Mock immer wieder nach solchen Tieren gefragt, zum Beispiel nach der Pharaonenameise. Beim Kauf von exotischen Arten muss jeder Kunde einen Vertrag unterschreiben, dass er informiert wurde, dass diese Tiere nicht in freier Natur ausgesetzt werden dürfen. «Gelangen solche Arten in die Natur, so geschieht dies meistens durch Pflanzenimporte und gewiss nicht durch meinen Ameisenhandel», betont Mock.

Ameisen seien Lebewesen, die auch nicht zur Ansicht an Schulklassen oder für naturkundliche Ausstellungen einfach mal ausgeliehen würden, betont der Ameisenfreund. Jede Art von Tieren zu halten, bedinge Verantwortung. Wenn er merkt, dass Kunden keine Ahnung haben von den Tieren, aber gleich mit teuren und heiklen exotischen Sorten experimentieren wollen, verweigert er den Verkauf. 

Selbst ein blutiger Anfänger hat schon für einige Grundvoraussetzungen zu sorgen, denn Ameisen haben delikate Bedürfnisse, was Umgebung, Temperatur und Nahrung betrifft und bauen deswegen auch dauernd um. Ihr Heim muss dem natürlichen Lebensraum nachempfunden sein. In ihrem Formicarium brauchen die kleinen Haustiere genügend Platz für ein «Nest» und eine «Arena». Wie in der Natur erfolgt der Nestbau durch das Graben unterirdischer Gänge. Die Arena ist der Bereich, in dem sich die Ameisen frei bewegen, auf Futtersuche gehen, oder ihre toten Artgenossen «begraben» können. 

Ameisen leben in Staaten, die mehrere Tausend Tiere umfassen können und teilen sich alle anfallende Arbeit. «Unsere Startersets lassen sich, je nachdem wie die Kolonien gedeihen, stetig erweitern», versichert Mock. Grundsätzlich reicht eine befruchtete Königin aus, um anzufangen. Die Königinnenzucht allerdings müssen die Ameisenhalter nach wie vor den Tieren überlassen, die das schon seit 65 Millionen Jahren tun. «Das zu übernehmen, ist im Gegensatz zur Bienenzucht noch keinem Menschen gelungen», sagt Mock. Eine einmal befruchtete Königin aber, die in freier Natur eingesammelt wird, ist eine verlässliche «Brutmaschine», die bis 30 Jahre alt werden kann.

Das Leben der Tiere ist gut organisiert
Wichtig ist auch der Standort des Formicariums: Möglichst lärmgeschützt soll er sein. Denn Fernseher, Radio und andere Geräte verursachen Vibrationen, welche die sensiblen Insekten stören.  Auch unmittelbare Sonneneinstrahlung bekommt den emsigen Krabblern nicht, sie brauchen einen schattigen Platz, an dem sie geschützt sind vor Überhitzung und Austrocknung. Das Nest der Tiere soll immer leicht feucht sein, sonst besteht Lebensgefahr. Dafür kann man einen Wassergraben bauen oder das Nest regelmässig mit Wasser befeuchten, je nach Terrarium. 

Während Exoten wie Blattschneiderameisen nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen in einem Terrarium überleben, genügt bei heimischen Ameisen in der Regel ein Nest aus Gips, Porenbeton, Sand/Lehm oder Holz und eine Arena aus sandigem Boden, die mit Blättern, Ästen und Steinen ausgestattet sein kann. «Wir suchen mit den Kunden zuerst die geeignete Art aus, dann stellen wir das passende Set zusammen», sagt Mock. Zwischen Oktober und April halten die einheimischen Tiere Winterruhe, die sie in entsprechenden Behältern an einem kühlen, aber frostgeschützten Ort verbringen sollten, ansonsten besteht die Gefahr, dass sie eingehen.

Mock liebt es, die Tiere beim Bauen, Futtersuchen und Rekrutieren zu beobachten. Er ist fasziniert vom bis ins kleinste Detail durchorganisierten Ameisenleben und ihrer Gruppenintelligenz. «Wie bei den Bienen ist der Staat das eigentliche ‹Wesen›.» Auch seine beiden kleinen Töchter haben schon ein Auge für die «kleine Welt» und helfen, die Tierchen mit Honigwasser, Fruchtzucker, Insekten und Früchten zu füttern. Das freut den Ameisenexperten: «Sie lernen so vieles über die Natur und das Leben.»  

Mehr Informationen unter: www.antshop.ch, www.ameise.net

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