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Tierhaare in Pinseln

Wenig Haare, viel Leid

Wildtiere | Donnerstag, 1. Dezember 2016, Meret Signer

Echthaarpinsel für Kunst oder Kosmetik tragen oft Bezeichnungen wie «Rotmarder» oder «Kolinsky». Dies ist irreführend, denn es gibt keine Tiere, die so heissen. Das Haar, das in Pinseln verwendet wird, stammt meist aus der Pelzindustrie.

Für einen Pinsel braucht es nur wenige Haare und wer nicht gerade seinen Lebensunterhalt als Künstler oder Make-up-Artist verdient, besitzt meistens auch nicht viele davon. Deshalb fragt man sich häufig auch nicht, woher dieses kleine Büschel Haare eigentlich kommt.   

Pinsel werden jedoch zu Tausenden hergestellt. Aus wenigen Haaren werden plötzlich viele. Beim Kauf von Pinseln in Fachgeschäften sucht man meist vergebens nach einem Hinweis auf ihre Herkunft. Angegeben wird lediglich die Art der Haare – allerdings helfen einem Bezeichnungen wie «Rotmarder» und «Kolinsky-Marder» nicht viel weiter. Diese Tiere gibt es nicht. Das macht stutzig – zu Recht, wie Sarah Wehrli von der Fachstelle Wildtiere beim Schweizer Tierschutz (STS) sagt, denn das Echthaar in Pinseln stamme entweder aus Restmaterial von Pelzfarmen oder von Tieren, die mit Schlingfallen oder Schlageisen gejagt werden und dabei teilweise qualvoll verenden. An Ersterem sei «das einzig Positive, dass für die Pinsel nicht extra Tiere getötet werden, sondern dass es sich um eine Resteverwertung handelt.»

Herkunftsländer der Haare sind meist China und Russland (Sibirien). Als «Rotmarder» oder «Kolinsky-Marder» werden eine Reihe von Tieren gehandelt. Am häufigsten das Sibirische Feuerwiesel (Mustela sibirica), auch das Altai-Wiesel (Mustela altaica) kommt in Frage. Beide Arten werden laut Sarah Wehrli auf Pelzfarmen gezüchtet, aber vor allem mit Fallen in Russland bejagt. «Die Verwendung von Kunstbegriffen wie ‹Rotmarder›, ‹Feh› für Eichhörnchen oder ‹Seefuchs› für den Marderhund ist in der Pelzindustrie weit verbreitet», sagt Wehrli. «Damit wird einerseits eine ‹Exotik› geschaffen, die wohl als verkaufsfördernd erachtet wird – und zum Anderen erschwert dies natürlich herauszufinden, um welches Tier es sich handelt. So wird die Entfremdung zum Tierschicksal noch grösser.»

Für die Herstellung von Pinseln werden nur die Haare des Schweifs der Wiesel benötigt, da nur diese die feinen Spitzen aufweisen, die als Voraussetzung für hochwertige Pinsel gelten. Weitere Verwendung finden Tierhaare aus der Pelzindustrie laut Tierschutz manchmal auch bei falschen Wimpern. «Diese Branchen unterstützen durch den Bezug von Tierhaaren die Pelzindustrie, die unsägliches Tierleid verursacht», sagt Wehrli.

Uneinigkeit bei Pinselherstellern
Die Pinselhersteller beschwichtigen – zumindest teilweise. Bei Winsor & Newton in London, einem der weltweit grössten Fabrikanten von Pinseln, heisst es auf Anfrage, dass keine von der Firma verwendeten Haare von Pelzfarmen stammen. Man verwende für Rotmarder-Pinsel ausschliesslich Haare von Sibirischen Feuerwieseln, die von lizenzierten Jägern gejagt wurden. Winsor & Newton betont zudem, dass das Feuerwiesel von der Naturschutzunion IUCN als «nicht gefährdet» eingestuft wird.

Ähnlich tönt es bei Leonhardy, einem deutschen Hersteller aus Nürnberg. Das Schweifhaar von Tieren aus Pelzfarmen sei für die Pinselherstellung nicht geeignet, da die Haare sich durch die häufige Berührung mit Gittern und Käfigwänden stark abnutzen und so ihre feinen Spitzen verlieren. Über die Jagd heisst es bei Leonhardy: «Die Tiere werden in den Herkunftsländern (meist Sibirien und China) aus den verschiedensten Gründen bejagt – meistens sicherlich, weil es sich in den Augen der Einheimischen, oft indigene Völker, um sogenannte ‹Schädlinge› handelt.»

Bei da Vinci, ebenfalls aus Nürnberg, sieht das Ganze ein bisschen anders aus. Markus Giel von der Verkaufsleitung International erklärt, dass man viele der teuersten Feinhaare wie die von den als Rotmarder gehandelten Tieren selbst zurichtet. «Das heisst, wir erwerben auf den Auktionen in St. Petersburg oder Kanton (China, Amn. d. Red.), teils über spezialisierte Zwischenhändler, Schweife dieser Tierarten, die seit jeher als Nebenprodukt aus dem Pelzhandel an das Pinselhandwerk weiterverkauft werden.» Weiter sagt Giel ehrlich: «Wir haben als mittelständischer Hersteller leider keinen Einfluss auf die Abläufe bei den asiatischen Händlern und das Verarbeiten der Rohware.» Er versichert allerdings wie die beiden anderen Pinselfabrikanten, dass die Regelungen des internationalen Artenschutzabkommens (CITES) strengstens eingehalten würden. Man bemühe sich ausserdem, die Verbesserung und Entwicklung von Kunstfasern mehr und mehr voranzutreiben und das Sortiment laufend auszubauen.

Am schwierigsten ist der Nachweis wohl bei Importpinseln aus Billiglohnländern wie China. Diese mögen preislich zwar verlockend sein – doch ist es wohl nahezu unmöglich, die Herkunft der Haare zu belegen.

Keine Deklarationspflicht für Pinsel
In der Schweiz gibt es keine Fabriken für Künstlerpinsel mehr – es gibt aber die Firma Lascaux mit Sitz in Brütisellen ZH, die sich auf die Herstellung von umweltfreundlichen Farben spezialisiert hat. Auf der Webseite von Lascaux erfährt man, dass das ganze Pinselsortiment ausschliesslich aus Pinseln mit synthetischen Fasern besteht – aus ethischen Gründen. Firmenchefin Barbara Diethelm bestätigt dies. Die Pinsel lasse man in Japan herstellen, erklärt sie. Weshalb niemand auf die Idee kommt, in der Schweiz Pinsel herzustellen, beispielsweise mit Haaren von Kaninchen, die aus der Schweiz stammen oder eventuell auch Marderhaaren oder von «Roadkill», erklärt sie einfach: «Es würde sich nicht rentieren.»

Seit dem 1. März 2014 gilt in der Schweiz eine verbindliche Deklarationspflicht für Pelz und Pelzprodukte. Geschäfte, die solche kaufen und verkaufen, müssen angeben, um welches Tier es sich handelt – und zwar mit der richtigen Bezeichnung inklusive wissenschaftlichem Namen, nicht mit einem Kunstbegriff. Ausserdem muss das Herkunftsland und die Gewinnungsart des Pelzes deklariert werden, also ob das Tier gejagt oder gezüchtet wurde und wie es gehalten wurde. Importiert werden darf alles ausser Robben-, Hunde- und Katzenfell, so lange die Vorschriften von CITES eingehalten werden.

Mit Pelzprodukten sind gemeinhin Produkte gemeint, die aus Haut und Haaren bestehen. Für Pinsel gilt die Deklarationspflicht nicht, da es sich um einzelne Haare handelt, nicht um Pelz, sagt Nathalie Rochat, Mediensprecherin beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Wer sich also ganz sicher sein will, kein Tierleid zu versursachen, sollte ganz auf Echthaarpinsel verzichten und nur noch solche mit synthetischen Fasern benutzen.

Informationen zur Pelzdeklaration des BLV finden Sie hier, eine Liste mit den am häufigsten im Pelzhandel verwendeten Bezeichnungen für Arten gibt es hier.

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