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Paläontologie

Bisonkuh litt Mangel – vor 45`000 Jahren

Wildtiere | Sonntag, 22. Januar 2017 08:00, pd/nsn

Trächtigkeit und Säugen hat bei einer Bisonkuh in der letzten Eiszeit zu Knochenabbau geführt, wie ein deutsches Forschungsteam entdeckt hat. Solche Mangelerscheinungen waren bislang nur von Nutztieren bekannt.

Von heutigen Milchkühen sind die Anzeichen bekannt: Werden diese zu häufig und zu intensiv gemolken, dies zu schwerwiegenden Skelettveränderungen führen. An den Hornzapfen der Tiere können sogar Löcher von einigen Zentimetern Durchmesser entstehen. «Wir haben nun erstmals vergleichbare Hornzapfenveränderungen bei einem wildlebenden Tier aus der letzten Eiszeit entdeckt», sagt Ralf-Dietrich Kahlke, Professor an der Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar.

Abbau des Hornzapfens war «clever»
Der Eiszeitforscher hat gemeinsam mit seinen Kollegen den Hornzapfen einer vor etwa 45'000 Jahren lebenden Steppenbisonkuh untersucht. Als Hornzapfen wird der Knochen bezeichnet, die bei Wiederkäuern im Innern eines Horns zu finden ist. «Bei unserer Untersuchung sind uns zwei mehrere Zentimeter grosse und tiefe Löcher aufgefallen», erläutert Uwe Kierdorf, Professor an der Universität Hildesheim und Erstautor der Studie.

Das Wissenschaftlerteam führt die Vertiefungen im Horn auf eine Mangelerscheinung in Folge von Trächtigkeit und/oder Stillzeit zurück. In Zeiten extremer Belastungen, wie beispielsweise einer Unterernährung, baut der Körper Mineralstoffe aus dem Skelett ab, um sie für lebenswichtige Prozesse einzusetzen. Bei der Bisonkuh fand der Abbau an den knöchernen Hornzapfen statt. Ein «cleverer Schachzug», erläutert Kahlke, denn «weibliche Bisons setzen ihre Hörner nur selten starker mechanischer Beanspruchung aus; ein Materialverlust an dieser Stelle ist also zu verkraften.»

Futtermangel wegen Verwaldung
Doch wie konnte es überhaupt zu den Mangelerscheinungen kommen? Der Hornzapfen wurde in Mecklenburg-Vorpommern von einem privaten Sammler gefunden und ist auf etwa 45'000 Jahre datiert. Zu dieser Zeit, dem späten Pleistozän, lag der Lebensraum der Bisonkuh mehrere hundert Kilometer südlich des skandinavischen Eisschildes und war daher eisfrei. Trotzdem litt das Tier offenbar Mangel.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Wiederbewaldung, welche in diesem Abschnitt der Erdgeschichte im heutigen Mecklenburg-Vorpommern stattfand, grasfressenden Tierarten das Leben schwermachte. «Die geringeren Nahrungsangebote durch weniger Weideland gekoppelt mit dem erhöhten Energiebedarf während der Trächtigkeiten führten dann wahrscheinlich zu der Reaktion des Körpers bei der untersuchten Bisonkuh», erklärt Kierdorf.

Zwei Trächtigkeiten überstanden
Dennoch scheint das Tier die Doppelbelastung überlebt zu haben: Die vermutlich sehr kräftige Kuh überstand nach Aussage des Wissenschaftlerteams wahrscheinlich sogar zwei Trächtigkeiten und das anschliessende Säugen ihrer Jungtiere – die körperlichen Strapazen dokumentierten sich aber in ihren Hörnern. «Wir möchten nun gerne weitere Hornzapfen von weiblichen Bisons untersuchen, um unsere These zu festigen und eventuelle Regelhaftigkeiten für die fossile Parallele des Übermelkens bei Wildtieren zu finden», sagt Kahlke. Die Studie wurde kürzlich im «International Journal of Paleopathology» veröffentlicht.

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