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Jagd

Streifschüsse, Vorwürfe, Funkstille

1 Kommentare Wildtiere | Montag, 11. September 2017, Julian Perrenoud

Der Herbst steht vor der Tür und mit ihm die Debatte um das Jagen. Ein Aspekt wird dabei jeweils besonders intensiv diskutiert: Streifschüsse. 

Wenn in der Morgendämmerung Männer mit Gewehren durchs Unterholz pirschen, wenn im Wald Schüsse fallen und die Schweisshunde von der Leine gehen, dann tut sich in der Schweiz ein Graben auf. Für die einen ist die Jagd eine alljährlich wiederkehrende Tierquälerei, für die anderen ein unersetzbares Stück hiesiger Kultur. Die Jäger stehen dabei unter grossem Druck. Wenn sie ihrer liebsten Passion nachgehen, schauen Tierschützer ihnen genau auf die Finger, oder besser gesagt auf die Flinte.

Ein Aspekt hat sich in den letzten Jahren besonders in die Diskussion gedrängt: derjenige der Fehl- und Streifschüsse. Wenn Wildtiere angeschossen werden, aber nicht fallen. Im letzten Jahr hat der Schweizer Tierschutz (STS) einen Bericht zu Streifschüssen und Nachsuchen publiziert und dabei das Verhalten der Jäger harsch kritisiert. Von fehlender staatlicher Kontrolle war darin die Rede und davon, dass die Anzahl Jäger verkleinert werden müsse, um landesweit die Qualität der Jagd zu verbessern.

Anschuldigungen, die der Schweizer Jägerverband nicht auf sich sitzen lassen wollte. In einer internen Stellungnahme beschuldigt er seinerseits den Tierschutz, den Report ohne jagdliche Erfahrung verfasst zu haben. Bei einer Abschussquote von rund 90 000 Wildtieren pro Jahr in der Schweiz sei die in der Eidgenössischen Jagdstatistik ausgewiesene Fallwildzahl von 334 Tieren mit Schussverletzungen kleiner als 0,5 Prozent. 

Null Fehlschüsse unrealistisch
«Die Forderung nach null Prozent ist unrealistisch und kann auch durch eine Verstaatlichung der Jagd nicht erreicht werden», heisst es weiter. Zu dieser Meinung steht David Clavadetschter, Geschäftsführer von Jagd Schweiz, auch heute noch. «Wir waren von der Studie inhaltlich nicht besonders begeistert», sagt er. Denn sie sei oberflächlich und inkorrekt.

Ein Problem damit, über das Thema zu sprechen, hat Clavadetscher nicht. Schliesslich sei es das höchste Interesse der Jäger, zu treffen, bei Fehlschüssen das Tier zu finden und ihm unnötiges Leid zu ersparen. Um einen sauberen Job zu machen, sagt er, seien Jäger wie Jagdhund schliesslich ausgebildet worden. Eine qualifizierte und gute Schulung dauere heute mindestens zwei Jahre. «Die Jagdausbildung ist schliesslich keine Schnellbleiche.»

Die Jäger im Test
Das Bundesrecht zur Jagd verlangt, dass jeder Jäger periodisch einen Nachweis zur Treffsicherheit erbringen muss, um vom Kanton eine Jagdbewilligung zu erhalten. Beim Schrot- und Kugelschuss wird eine Viererserie geschossen. Um den Nachweis zu erfüllen, gilt: Der erste Schuss genauso wie die drei Folgeschüsse müssen treffen. Zusätzlich werden die für die Jagd rechtlich zugelassenen Waffen und Fallen so gewählt, dass sie einen möglichst schnellen Tod des Tieres sicherstellen.

Mit der Stellungnahme der Jäger zum Streifschuss-Report ist wiederum der Schweizer Tierschutz nicht einverstanden. Die geäusserten Behauptungen nennt Hansuli Huber, Geschäftsführer Fachbereich, «billige Argumentation». Die STS-Studie sei sehr wohl von einer ausgebildeten Jägerin erstellt worden. «Unsere Philosophie ist es nicht, die Jagd abzuschaffen.» Jedoch will Huber, der sich seit 30 Jahren im Tierschutz engagiert, aufzeigen, wie Fehlschüsse zu den grössten Problemen bei der Jagd gehören. Deshalb fordert er, eine landesweite Statistik darüber zu führen.

Unsichere Datenlage Der Schweizer Tierschutz geht davon aus, dass neben den geschossenen Wildtieren zusätzlich 3000 bis 4000 angeschossen werden und verletzt fliehen. Diese Hochrechnung beruht auf einer Erhebung im Kanton Graubünden aus den Jahren 2013 und 2014. Dort sind neben 5000 geschossenen Hirschen zusätzlich 300 angeschossen worden, circa sechs Prozent. In Graubünden gebe es sogar jedes Jahr neue Erhebungen, sagt Georg Brosi, Vorsteher Amt für Jagd und Fischerei im Kanton. Dabei sei es entscheidend, dass Jäger Fehlschüsse meldeten. «Sonst erwarten sie schwere Verzeigungen.» Eine aufschlussreiche Datenbasis sei jedoch nicht vorhanden, was in der Natur der Sache liege. «Denn in vielen Fällen finden wir auch bei Nachsuchen die Tiere nicht.» Dasselbe gelte im Verkehrsbereich: Im Kanton Graubünden kommt es jährlich zu circa 800 Wildunfällen. «Wir wissen aber, dass dies nur die Spitze des Eisberges ist», sagt Brosi.

Dass eine landesweite Statistik zu Nachsuchen die Qualität der Jagd erhöht, daran glaubt Martin Baumann, stellvertretender Leiter Sektion Wildtiere und Wildbiodiversität beim Bundesamt für Umwelt (BAFU), nicht: «Der Tierschutz profitiert aber durch die Jagdkontrollen der rund um die Uhr einsatzbereiten Wildhüter und Jagdaufseher.» Baumann ist überzeugt, dass diese Kontrollen in keinem anderen Land besser sind als in der Schweiz. Er weist zudem darauf hin, dass im Bundesrecht die nachhaltige Nutzung der Wildbestände rechtlich verankert sei und der Tierschutz auf der Jagd von diversen Regelungen profitiere. «Wichtig ist, dass der Jäger sein Handwerk perfekt beherrscht.»

Aus diesem Grund kommt der Aus- und Weiterbildung der Jäger grosse Bedeutung zu. Hier unterstütze der Bund die Kantone wesentlich, sagt Baumann. Der Bundesrat verabschiedete ein Gesetz, nach dem seit diesem Januar in der ganzen Schweiz ein Treffsicherheitsnachweis (siehe Kasten) für die Jagd obligatorisch ist. Da die Planung und Regelung der Jagd Sache der Kantone ist, fallen auch Jagdkontrollen und die Wildhüter in deren Aufgabenbereich. In der Diskussion um den Jägerverband und den Fehlschuss-Report des Schweizer Tierschutzes verhält sich das BAFU neutral. Die Diskussion werde leider meist nicht fachlich, sondern emotional und ideologisch geführt, sagt Baumann. «Wer recht oder unrecht hat, kann mit solchen Argumenten nicht beurteilt werden, weil Ansichtssache.»

Gespräche gestoppt
Einen Punkt, den der Jägerverband kritisiert, ist die fehlende Gesprächsbereitschaft zwischen den Konfliktparteien, obschon man dazu jederzeit bereit sei. Der Schweizer Tierschutz lehne diese sogar ab. Tierschützer Hansuli Huber bestätigt dies. Der STS habe versucht, mit dem Jägerverband zu verhandeln. «Wir haben dies aber gestoppt, weil kein einziges unserer Anliegen durchkam.» Als Beispiele nennt er das Verbot der Baujagd oder das Abwürgen von nachgesuchtem Wild durch einen Jagdhund.

Beide Seiten sind sich aber einig: Es bringt nur etwas, wenn alle am selben Strick ziehen. Doch das ist bis jetzt nicht der Fall. Die Jagd ist und bleibt eine emotional geführte Pro-Kontra-Debatte. Zusätzliche Fehlschüsse dürften dabei die Fronten nur weiter verhärten.

Kommentare (1)

Simon am 14.09.2017 um 09:36 Uhr
Herzlichen Dank für diesen Bericht. Ich finde ihn sehr neutral geschrieben, was bei Berichten über die Jagd leider selten der Fall ist. Etwas möchte ich noch anfügen. Ich bin selbst Jäger und hatte auch schon einmal einen Fehlschuss. Das ist das Schlimmste, dass einem Jäger passieren kann und jeder hofft, dass es nie passiert. Nach dem Schuss flüchtete das Reh in den Wald und ich konnte am Anschuss weder Blut noch sonstige Zeichen finden. Ich bot zwei verschiedene Schweisshunde auf, die beide erfolglos suchten und ich machte auf dem Schiessstand am Tag danach mehrere Probeschüsse. Es stellte sich heraus, dass meine Waffe (obwohl ich ihr sehr viel Sorg gebe) viel zu hoch schoss. Knapp zwei Wochen lang sass ich praktisch jeden Morgen und Abend an dieser Stelle bis ich das damals beschossene Tier wieder fand und feststellen konnte, dass mein Schuss vorbei ging. Diese ganze Zeit war ich wie auf Nadeln weil es sein konnte, dass ich einem Tier unnötiges Leid angetan haben könnte. Kein Jäger (auch kein Wildhüter) ist perfekt. Aber jeder Jäger gibt sein Bestes, solche Situationen zu verhindern.

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