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Costa Rica

Im Wald des Göttervogels

Wildtiere | Dienstag, 8. Januar 2019, Win Schumacher

Costa Rica ist eines der artenreichsten Länder Lateinamerikas. Mit dem Pferd kommt man der wilden Natur des Landes ganz nah.

«Nein, einen Jaguar fürchtet Princesa nicht – und schon gar keinen Puma!» Raúl Sanchez lacht und lässt die Zügel sinken. Sein Criollo-Pferdchen stürmt geradewegs in die Gischt der Pazifikwellen, die mit ungebrochener Wucht am schwarzen Strand von Carate zerren. Über den Dschungel ist die Dämmerung hereingebrochen, doch das aufgebrachte Meer übertönt das Gezeter der Urwaldvögel. Wilde Schaumlinien umspülen die Hufe von Princesa. Nur ein paar Trabschritte trennt hier im Corcovado-Nationalpark den Regenwald vom Ozean.                   

Früher bewachte Sánchez Kuhherden vor Jaguaren und Pumas. Heute bringt er Touristen mit dem Pferd ins Revier der Raubkatzen. «Hier gibt es jede Menge von ihnen», sagt der Sabanero, wie man die Cowboys Costa Ricas nennt, «aber nur selten bekommt man sie auch wirklich zu Gesicht.» Immerhin sind ihre Spuren immer wieder zu sehen.                  

Wer mit Sánchez durch den Nationalpark reitet, fühlt sich wie die ersten Europäer, die auf dem Pferderücken das abenteuerliche Land in Zentralamerika erkundeten, dass sie später Costa Rica, die reiche Küste, nannten.  Nebel wabert über den düsteren Strand. Princesa tritt in gewaltige Tierspuren im Sand. Ein Tapir hat sie hinterlassen – das grösste Wildtier Mittelamerikas. Manchmal versperren umgestürzte Bäume den Weg. Ein Helmbasilisk flieht ins Unterholz, wo ein Bach aus dem Wald seinen Weg zum Meer sucht. Wegen ihrer Angewohnheit bei der Flucht auch längere Strecken übers Wasser zu flitzen, werden die bizarr aussehenden Leguane manchmal auch Jesus-Christus-Echsen genannt (wie das aussieht, sehen Sie hier). Aus den Wipfeln tönt ein heiseres Grölen, dem eine wilde Horde aufgebrachter Geisterstimmen antwortet. «Brüllaffen», murmelt der Sabanero. Ihr Rufen klingt wie ein Chor heiserer Dämonen.

Reisetipps
Mit Edelweiss Airlines non-stop ab Zürich nach Costa Rica. «Pegasus» hat unter anderem ein zehntägiges Reitabenteuer vom Pazifik zur Karibikküste im Programm:
www.reiterreisen.com

Im Corcovado-Nationalpark bietet die La-Leona-Ökolodge Reitausflüge an: www.laleonaecolodge.com

Von der Selva Bananito Lodge aus kann man Touren mit dem Pferd in den Bergwald unternehmen.

www.selvabananito.com
www.visitcostarica.com 

Unglaubliche Artenvielfalt
National Geographic hat den Corcovado-Nationalpark einmal als biologisch intensivsten Ort der Erde bezeichnet. Auf 424 Quadratkilometern sollen sich hier 2,5 Prozent der gesamten Artenvielfalt der Erde versammeln: allein 500 verschiedene Bäume, 140 Säugetier-, 367 Vogel-, 117 Amphibien- und Reptilienarten. Zoologen verzeichneten zudem etwa 6000 unterschiedliche Insekten.                      

Diese atemraubende Wildnis lässt sich kaum besser erkunden als mit dem Pferd. Kaum irgendwo sonst werden sich Tier und Reiter so eins mit der Natur fühlen. Mit jedem schillernden Schmetterling und farbenprächtigen Tukan und Papagei wird die grüne Hölle ein wenig mehr zum leuchtenden Tropenparadies.

Der Corcovado-Nationalpark auf der Osa-Halbinsel im Süden Costa Ricas ist ein Eldorado für Reiter und Tierfreunde. Wer es abenteuerlich mag, kann hier tagelange Ausritte durch den Dschungel unternehmen und einer einzigartig vielfältigen Tierwelt begegnen. Nasen- und Ameisenbären, Nabelschweine und Agutis kreuchen durchs Dickicht. Im Geäst der Urwaldriesen turnen Kapuziner-, Klammer- und Totenkopfäffchen. Hellrote Aras und Regenbogentukane bringen Farbe in die Baumkronen.

Wem die Strände auf der Osa-Halbinsel zu rau sind, der findet auf der karibischen Seite des Landes ihr Gegenstück für einen sonnigen Ausritt: Zwischen dem Cahuita-Nationalpark und Puerto Viejo strecken sich postkartenkonform Kokospalmen über puderfeine Sandstrände dem türkisblauen Meer entgegen. Auch hier steckt der Regenwald voller Leben und Reiter finden noch immer Strände fast ganz für sich allein.                      

Wie John Lennons Brillengläser
Wer allerdings ein wahres Reitabenteuer sucht, sollte sich auch ins gebirgige Landesinnere wagen. Von der Karibikküste führt eine abenteuerliche Piste hinauf in die Cordillera de Talamanca, den höchsten Gebirgszug Costa Ricas, der mit dem Cerro Chirripó 3820 Meter aufragt. Zwischen ausgedehnten Rinderfarmen plätschern schäumende Urwaldbäche dem Meer entgegen. Nebelfetzen hängen in den dschungelbedeckten Hängen, die hinter sattgrünen Viehweiden und Bananenplantagen aufragen. Ein Grossteil des Bergregenwalds ist heute Teil des Nationalparks und Unesco-Welterbes La Amistad. Das riesige Schutzgebiet umfasst auch die angrenzenden Nebelwälder in Panama. Es ist Heimat von etwa 600 der annähernd tausend Vogelarten Costa Ricas. Einige von ihnen kommen fast nur hier vor.                    

Nicht weit von La Amistad liegt das private Selva-Bananito-Reservat, das von deutschen Auswanderern gegründet wurde und heute eine der bekanntesten Öko-Lodges des Landes beherbergt. Ursprünglich sollte der Dschungel für Viehweiden und Plantagen gerodet werden, doch die Eigentümer entschieden sich, den Primärwald zu verschonen.

Auch in Selva Bananito kann man die bunte Vogelwelt hoch zu Ross beobachten. Allan Cruz hat im eigenen Reitstall der Lodge bereits am frühen Morgen die Pferde aufgezäumt. Der 49-jährige Costa Ricaner ist passionierter Hobby-Ornithologe und führt Liste über alle bereits gesichteten Arten: vom winzigen Brillenzaunkönig über den schillernden Zweifarbenfischer bis zum stattlichen Waldstorch. Mal sehen, was ihm heute vor das Feldstecher flattert.                      

In den Urwaldriesen hängen noch Nebelschwaden, als die mit Ferngläsern und eindrucksvollen Kameraobjektiven bestückte Reitertruppe das Ranchgelände der Bananito-Lodge verlässt. Drei Nachtreiher haben sich schon im Morgengrauen in die Bäume neben einem Weiher zurückgezogen. «Kahnschnäbel», erklärt Cruz, «sie fischen meist nur nach Einbruch der Dunkelheit.» Mit ihren übergrossen Schnäbeln, die an orientalische Pantoffeln erinnern, sehen sie recht drollig aus. Ein Kaiman beobachtet die Pferde aus dem trüben Wasser des Tümpels. «Sehen seine Augen nicht wie die Brillengläser von John Lennon aus?», fragt Cruz. Der Blick des Naturführers  wandert jedoch schnell wieder hinauf in die Baumkronen. Dort tummelt sich schon vor Sonnenaufgang eine illustre Vogelschar: Strahlend bunte Tangare, Braunhauben- und Weisskopfpapageien. Im Nu haben die Reiter Dutzende Arten gezählt. Manche tragen im Deutschen zum Schmunzeln einladende Namen wie Schläfenfleckspecht, Zimtbrustmotmot oder Südlicher Waldschnäppertyrann. Zu vielen kann der gewitzte Vogelführer eine kleine Geschichte erzählen. So vergisst der Ornithologie-Novize auch nicht gleich wieder die Unscheinbareren unter den Meistersängern. «Klingt der Montezumastirnvogel nicht wie Tarzan in den alten Schwarz-Weiss-Filmen?», fragt Cruz. Der Lachfalke kann darüber nur heiser lachen.  «Wir lieben ihn, weil er uns giftige Schlangen vom Leib hält», erzählt der Guide über den Raubvogel mit der schwarzen Gesichtsmaske, «aber die Indianer halten sein Erscheinen für ein schlechtes Omen.»                  

Gefiederte Schlange lässt sich nicht blicken
Aufmerksam traben die Pferde voran in den Regenwald bis der Urwald um sie dichter und dichter wird. Hin und wieder fällt der Blick durchs Dickicht auf steil aufragende Bergwände. «Dort oben ist der Quetzal zu Hause», sagt Cruz, «die fliegende Schlange der Maya.» Wegen ihrer Farbenpracht und ihrer auffällig langen Schwanzfedern, die sich im Balzflug wie grüne Nattern schlängeln, wurde der Quetzal von den Atzteken und Maya als Göttervogel verehrt. Wer ihn tötete, war selbst des Todes. Allein Adelige und Priester durften sich mit seinem schillernden Gefieder schmücken. Sie rupften lebendigen Männchen ihre Prachtfedern, bevor sie sie wieder in die Freiheit entliessen.                  

Die gefiederte Schlange der Götter bleibt heute jedoch im Nebelwald verborgen. Stattdessen bekommen die Ausflügler aber einen ihrer Verwandten zu Gesicht. Cruz hat einen Veilchentrogon entdeckt, der zur selben Vogelfamilie gehört. Mit seiner violettblauen Brust und dem leuchtend gelben Bauch ist auch er ein echter Hingucker. Geduldig halten die Pferde inne, bis auch der letzte Reiter seine Kamera gezückt und den bunten Vogel im richtigen Winkel eingefangen hat.

Etwa zwei Tagesritte von hier Richtung Süden sind es auf einsamen Reiterpfaden zum Bribri-Dorf Yorkin direkt an der Grenze zu Panama. Es ist bis heute nur mit dem Pferd oder Kanu zu erreichen. Vor dem mit Palmwedeln gedeckten Hütten reiten kleine Kinder, als seien die zierlichen Reittiere ein  Schaukelpferdchen-Ersatz. Im Schatten von Kakaobäumen und Bananenstauden scharren Hühner. Überall in den Gärten leuchten mohnrote Hibiskusblüten. Schmetterlinge flattern über die Pferdeweiden, Blattschneiderameisen hasten in wuselnden Einbahnstrassen mitten durch das Dorf. Vom Fluss her ist das leise Jauchzen planschender Teenager zu vernehmen.                      

«Niemand hat hier ein Auto, aber dafür mindestens ein oder zwei Pferde», sagt Rolando Morales, «ohne sie wäre das Leben hier unvorstellbar.» Der 24-jährige gewährt Touristen Einblick in eine Welt, die in weiten Teilen Mittelamerikas längst verschwunden ist. Die Bribri gehören zu den letzten indigenen Völkern Costa Ricas. In Yorkin können aufmerksame Besucher so einiges über das traditionelle Leben und den Alltag im Urwald lernen., zu versteckten Wasserfällen reiten und über den ökologischen Anbau tropischer Pflanzen erfahren. Eine besondere Rolle spielt für die Dorfbewohner der Kakao. Er gilt als heilig und sie glauben an seine spirituelle Reinigungskraft. In einer Bribri-Legende verwandelte der Schöpfergott Sibu einst eine Frau in einen Kakaobaum. Folglich sind es in der matrilinearen Gesellschaft auch nur Frauen, die das traditionelle Kakaoritual durchführen. In dem achtstöckigen Kosmos der Bribri haben die Geister von Pflanzen und Tieren ihre eigene Etage. «Respekt vor den anderen Lebewesen ist für uns Bribri selbstverständlich», sagt Morales, «Wo Bäume und Tiere geachtet werden, ist auch der Mensch glücklich.» Wer Costa Ricas Naturlandschaften mit dem Pferd erkundet, beginnt langsam, die Welt zumindest ein klein wenig mit den Augen der Bribri zu sehen.

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