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Patagonien

Im Bann des Guanakos

Wildtiere, Aktuelle Ausgabe | Dienstag, 9. Juli 2019, Meret Signer

Kondore, Guanakos, Pinguine, Wale: Im Süden von Chile findet man sie alle. Wer hier Ferien macht, muss allerdings auch im Sommer meist eine warme Jacke tragen. 

Guanakos lassen sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Seelenruhig geht die Herde ihrer Hauptbeschäftigung, dem Grasen, nach und lässt sich dabei von Touristen fotografieren. Manchmal hebt eins der Tiere neugierig den Kopf, mustert ein wenig misstrauisch die Besucher. Das ist der Moment, auf den sie gewartet haben. Endlich schaut das Guanako in die Kamera und gibt mit seinen grossen Ohren, den schönen dunklen Augen und dem scheinbar freundlich lächelnden Mund ein schon eher lustiges Bild ab. Die Touristen sind entzückt. Das Guanako indes beschliesst, dass diese Menschen einen längeren Unterbruch seiner Mahlzeit nicht wert sind, bewegt den Kopf wieder in Richtung Gras und nimmt gemütlich seinen nächsten Bissen.

Von den Menschen geht keine Gefahr aus. Das haben die Guanakos, die wilde Stammform des domestizierten Lamas, im Nationalpark Torres del Paine im Süden Chiles schon vor langer Zeit gelernt. Rund um die grasende Herde stehen auf den Hügeln dennoch wachsame Späher. Sie halten Ausschau nach dem Hauptfeind: dem Puma. Von ihm gibt es im Nationalpark, insbesondere um den Lago Sarmiento, eine gesunde Population (lesen Sie hier mehr dazu) – und er hat grossen Appetit auf Guanako. Davon zeugen die vielen toten Tiere entlang der Wege. Manche wurden erst vor Kurzem gerissen, von anderen sind nur noch die Knochen übrig.

Das wiederum freut den Andenkondor. Als Aasfresser findet der Neuweltgeier hier einen reich gedeckten Tisch. Mit seinen über drei Metern Flügelspannweite und zehn Kilogramm Körpergewicht gehört er zu den grös­sten flugfähigen Vögeln der Welt. Durch seine breiten Flügel mit den langen Handschwingen und der weissen Halskrause ist er auch hoch oben am Himmel unverkennbar. Richtig beeindruckend wird seine Grösse aber erst, wenn er herunterschwebt und über die Köpfe der Besucher hinwegsegelt.

Allgegenwärtiger Wind
«Halten Sie Ihre Hüte fest!», mahnt die Reiseleiterin eine Gruppe Wanderer. Aber nicht wegen des Kondors, sondern wegen des Windes. Dieser ist in Patagonien, der Südspitze Südamerikas bestehend aus Chile und Argentinien, allgegenwärtig und einer der Gründe, weshalb man hier auch im Sommer selten ohne Jacke auskommt. Ein anderer ist das sowieso eher kalte und nasse Klima. Trotzdem schwitzt man auf dem ersten Streckenabschnitt des Aufstiegs zu den «Torres», den gezackten Felsentürmen, die dem Nationalpark seinen Namen geben. Dann jedoch folgt der «windige Pass». Und flugs bläst es einer älteren Dame die Kopfbedeckung davon. Sie kann ihren Schlapphut gerade noch retten, bevor er sich ins Tal verabschiedet.

Der Torres del Paine ist für viele das Highlight ihrer Patagonien-Reise. «Paine» bedeutet blau in der Sprache der Aonikenk – vielleicht waren die Ureinwohner, die hier einst lebten, ebenso beeindruckt von den vielen blauen Seen, wie die Touristen es heute sind. Und auch sonst hat der Park viel zu bieten: spektakuläre Felsformationen, Gletscher in nächster Nähe, Wälder und Steppen mit vielen Tieren drin. In Letzteren tummeln sich zum Beispiel der Argentinische Kampffuchs, der zwar wie ein Fuchs aussieht, aber zu den Echten Hunden gehört, und sein naher Verwandter, der Culpeo. Darwin-Nandus stolzieren umher und die mit den Falken verwandten Schopfkarakaras suchen auf dem Boden nach Beute. Auf dem Wasser schwimmen elegante Schwarzhals- und Coscoroba-Schwäne, in den Wäldern klopft der sehr grosse und mit seinem roten Kopf mit Federhaube sehr schöne Magellanspecht an die Bäume. Die Smaragdsittiche hört man meistens schon, bevor man sie sieht. Die Schwärme kündigen sich lautstark an.

Ein einmaliges Naturerlebnis also, aber kein einsames. Der Torres del Paine ist längst kein Geheimtipp mehr. Im Sommer – von Dezember bis Anfang März – teilt man sich die Wege mit scharenweise Wanderern. Glücklicherweise beschränkt sich das Natur-erlebnis in Patagonien aber nicht auf diesen einen Nationalpark – es ist überall. In der trockenen und windigen Pampa ebenso wie in den Anden mit ihren Gletschern und
Regenwäldern.

Reisetipps
Flug mit Alitalia via Rom nach Santiago de Chile. Von der chilenischen Hauptstadt aus erfolgt die Anreise nach Patagonien am schnellsten mit einer lokalen Fluglinie über Puerto Montt oder Puerto Natales. Da der öffentliche Verkehr nur sehr spärlich fährt, kommt man mit einem Mietauto am besten voran. Auf weiten Strecken fährt man ausschliesslich auf Schotterstrassen, daher ist ein Geländefahrzeug zu empfehlen. Genug Bargeld sollte man immer dabei haben – die Bankomaten scheinen teilweise willkürlich zu entscheiden, ob sie nun Geld herausgeben wollen oder nicht.

Wer eine Rundwanderung im Torres del Paine machen will, muss alle Übernachtungen vorher buchen.

www.parquetorresdelpaine.cl

Wale in der Magellanstrasse
An der Pazifikküste zieht sich das Gebirge durch unzählige Inseln und Fjorde bis nach Feuerland. Mittendurch führt die Magellanstrasse, die den Pazifik mit dem Atlantik verbindet. In der Nähe der Stadt Punta Arenas befindet sich der Leuchtturm San Isidro. Hierher verirren sich wesentlich weniger Touristen. Wer sich in die Berge hochwagt und auf die zerklüftete Inselwelt herunterschaut, wähnt sich wie am Ende der Welt. Diese steinigen und extrem windigen Hänge sind die Heimat des Weissbauch-Höhenläufers. Der kurzbeinige, gedrungene Vogel ist nicht nur dank seiner ausgezeichneten Tarnung schwierig zu finden; er kommt zudem in sehr niedrigen Dichten vor. 

Mehr Glück haben Ornithologen unten an der Küste, wo es Vögel in Hülle und Fülle gibt. Gerne lassen sie sich aber von anderen Tieren ablenken. Die aus dem Wasser spritzenden Fontänen bleiben nicht lange unbemerkt. «Es sind Seiwale», erklärt der Guide. «Sie waren gestern schon bei Punta Arenas zu sehen. Vielleicht ziehen sie bald weiter. Ausserdem leben weiter draussen in der Magellanstrasse viele Buckelwale.» Die Birdwatcher sind
begeistert.

Eine weitere Besonderheit Patagoniens ist die einzige Königspinguin-Kolonie, die sich nicht auf einer subantarktischen Insel befindet, sondern im chilenischen Teil der Insel Feuerland, in der Bahía Inútil, der unnützen Bucht. Diese ist allerdings überhaupt nicht unnütz, schliesslich haben diese nach den Kaiserpinguinen zweitgrössten Pinguine der Welt 2010 beschlossen, sich dort niederzulassen. Nach Angaben des Parque Pingüino Rey, der sich um den Schutz der Vögel kümmert, ist die Kolonie seither auf über 100 Tiere angewachsen. Zwei Holzunterstände erlauben das Beobachten im Park – aus sicherer Entfernung, damit die Pinguine und ihre flauschigen Küken nicht gestört werden. Diese kuscheln sich aneinander und warten wie die Besucher auf weniger windige Zeiten. Solche gibt es tatsächlich. Dann kommt sogar manchmal etwas Sommer-Feeling auf.

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