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Perfide Fangmethode

Brutale Vogelwilderei auf Zypern

1 Kommentare Wildtiere | Mittwoch, 21. August 2019, Klaus Petrus

Auf der Mittelmeerinsel Zypern gelten Singvögel als Delikatesse. Hunderttausende Tiere gehen den einheimischen Jägern jedes Jahr in die Netze oder bleiben auf Leimruten kleben. Eine Schweizer Stiftung versucht, wenigstens einige davon zu befreien. 

Das Prinzip ist erschreckend einfach: Man bestreiche eine Rute von etwa 70 Zentimetern Länge mit dem eingekochten Saft der Syrischen Pflaume und lege sie horizontal zwischen die Äste eines Baumes. Dann warte man, bis sich ein Vogel daraufsetzt – und kleben bleibt.

Und das tun die Vögel zuhauf, denn diese Leimruten, wie sie heissen, lassen sich kaum von normalen Ästen unterscheiden. Ausser man hat ein geschultes Auge wie Carmen Sedonati. Zusammen mit anderen Vogelschützern durchstreift die 32-jährige Bernerin an diesem Nachmittag einen Olivenhain. Plötzlich wird sie fündig. In einem Radius von rund 20 Metern glitzert ein halbes Dutzend Bäume vom frischen Leim der Ruten. Irgendwo baumelt ein Rotkehlchen im Wind. 

Wilderei von Polizei geschützt
Denn wenn das Vögelchen auf einer Rute landet, klebt es mit seinen Füssen fest und kippt vornüber. Beginnt es zu flattern, verkleben auch seine Flügel, der Schwanz, manchmal sogar der Kopf, wenn es sich mit dem Schnabel befreien will. Oft hängt das Rotkehlchen dann stundenlang am Baum. 

Wir sind auf Zypern, der schönen Urlaubsinsel mit ihren weissen Stränden, dem blauen Wasser, der heissen Sonne. Was viele Strandgäste nicht wissen: Im Landesinnern sterben derweil massenweise Singvögel einen grausamen Tod. 800 000 werden allein auf Zypern jedes Jahr gefangen und gegrillt oder mariniert als «Ambelopoulia» aufgetischt, eine traditionelle Delikatesse. Im gesamten Mittelmeerraum sollen es 25 Millionen Singvögel sein. Dabei ist die Vogeljagd mit Leimruten und Fangnetzen auf Zypern bereits seit 1974 verboten. 

Der deutsche Naturschutzbund (Nabu) fahndet auf Zypern nach Vogelwilderern (Video: Nabu TV):

Wie kann es sein, dass diese Wilderei trotzdem kein Ende nimmt? «Dahinter steckt eine Mafia, und die Polizei spielt mit.» Mários, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, arbeitete bis vor zwei Jahren bei einer Anti-Wilderei-Einheit der griechisch-zypriotischen Polizei, dann wurde er versetzt. Sein Chef begründete das mit einem Personalentscheid, er selber sieht es anders: «Ich weiss einfach zu viel.» Viele Polizisten, behauptet Mários, würden mit den Jägern kooperieren. Korruption sei weit verbreitet auf der Insel. 

Und subtil. Er nennt als Beispiel Wilderer, die von der Spezialeinheit beim Aufhängen eines Netzes überführt und gebüsst werden. Das sehe gut aus für die Polizeistatistik. In Wahrheit sei es ein abgekartetes Spiel. «Wurden die Jäger einmal angezeigt, lässt man sie gegen Geld in Ruhe.» Dann kämen die Wilddiebe zurück – aber diesmal nicht nur mit einem Netz, sondern gleich mit einem Dutzend Netzen. Seinen Vorgesetzten hatte Mários schon früh über diese Vorfälle berichtet. Doch sei er ignoriert, später unter Druck gesetzt und zuletzt bedroht worden. Inzwischen erledigt er auf der Polizeistation nur noch den Papierkram. Gleichwohl schaut Mários jeden Morgen unter sein Auto. Er fürchte die Vogel-Mafia, wie er sie nennt.

Vogelfang auf Zypern
Vorsichtig wird das Rotkehlchen aus seiner misslichen Lage befreit.
  Bild: Klaus Petrus

 

Auch Andreas Pitsillides kennt die Korruptionsvorwürfe. «Schwarze Schafe gibt es immer wieder. Aber nicht bei mir», sagt er entschlossen. Pitsillides leitet die 2003 gegründete Anti-Wilderer-Einheit in Dhekelia. Das Gebiet gehört der ehemaligen Kolonialmacht Grossbritannien und liegt am östlichen Ende der Uno-Pufferzone, welche die Insel seit 1974 in den türkisch-zypriotischen Norden und den griechisch-zypriotischen Süden teilt. In einem Punkt gibt der Polizeikommandant dem Whistleblower Mários aber recht: Der illegale Vogelfang sei ein grosses Geschäft, an dem sich Banden beteiligten, die auch in Drogen und Prostitution verstrickt seien. «Vieles deutet darauf hin, dass es sich um ein organisiertes Verbrechen handelt.» 

Hohe Gewinne, geringe Strafen
Dabei sei das Risiko, das die Wilderer auf sich nehmen, letztlich gering, sagt Pitsillides. Nur ausnahmsweise werden die Jäger überführt und müssen mit einer Busse rechnen. In den britischen Gebieten liegt diese für ein Netz bei 2000 Euro. Benutzen die Wilderer zudem ein Lockgerät, kommen weitere 2000 Euro hinzu, und nochmals 2000 Euro müssen sie während der Jagdsaison Ende August bis Mitte März als Pauschale für bis 50 gefangene Vögel bezahlen. Für Pitsillides ein zu geringes Strafmass angesichts der Gewinne der Wilderer – und deren geringe Unkosten.  

Tatsächlich sind Netze auf Internetportalen inzwischen fast umsonst zu haben. Auch Leimruten kosten nichts. Vogelschutzorganisationen haben errechnet, dass ein Jäger in der Hochsaison pro Netz und Nacht bis hundert Vögel fängt, die er zu je vier Euro verkaufen kann. Insgesamt soll der Handel mit Singvögeln den 3000 zypriotischen Wilderern jährlich 15 Millionen Euro einbringen. 

Auch auf Malta werden im grossen Stil Vögel gejagt (Video: Arte):

«Der Himmel ist voll von Federvieh»
Gerade ältere Leute auf Zypern verstehen den Aufruhr um die Vogeljagd nicht. Viele von ihnen leben auf dem Land und sind oder waren selbst Vogeljäger, für sie ist das eine gute, alte Tradition. Zudem machen sie den Vogelschützern Vorwürfe. Nicht auf sie, die Kleinen, sollen sie Jagd machen, sondern auf die organisierten Banden. «Wir holen doch nur ein paar Vögel vom Himmel herab, der noch immer voll ist von diesem Federvieh», sagen sie dann. 

Carmen Sedonati kennt diese Argumente. «Doch das alles ist illegal. Solange die Jagd weitergeht, werden wir wiederkommen.» Seit 2012 reist die Projektmanagerin der Schweizer Stiftung Pro Artenvielfalt nach Zypern und nimmt mehrmals im Jahr an Vogelschutzcamps teil, die vom deutschen Komitee gegen Vogelmord organisiert und von ihrer Stiftung unterstützt werden. 

Inzwischen hat die Berner Tierschützerin die Leimrute mit dem Rotkehlchen vom Baum genommen. Zuerst trennt sie ganz vorsichtig die Krallen vom klebrigen Saft, dann träufelt sie Wasser auf die Flügel und löst die Federn von der Rute. Viel Kleinarbeit ist das. Kommen die Wilderer, geht das im Handumdrehen, sie stossen dem Vogel einen metallischen Stift in die Brust oder schneiden ihm die Kehle durch. Doch dieses Mal ist es anders: Noch einmal streift Carmen Sedonati mit ihren Fingern durchs Federkleid des Rotkehlchens, dann öffnet sie ihre Hand und der Vogel fliegt fort.

Vogelfang auf Zypern
Auch mit fiesen Netzen werden Vögel gefangen – hier hat es eine Singdrossel erwischt.
  Bild: Klaus Petrus

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Kommentare (1)

renata mühleisen am 24.08.2019 um 17:25 Uhr
ich möchte gerne helfen Vogel zu befreien . egal wo. ich bin auch bereit den Flug selber zu bezahlen. freundliche grüsse Renata

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