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Raubtiere

Das Zmorge kommt auch mal aus dem Gehege nebenan

Zoo | Donnerstag, 16. Juli 2015 09:00, Matthias Gräub

Die Schweizer Zoos verfüttern jeden Tag kiloweise Fleisch an ihre Tiere. Es kommt vom Schlachthof, aus dem Wald oder aus dem Labor. Und manchmal wird sogar eine Zuschauerattraktion zum Raubtierfutter.

Ob Wölfe, Geparden oder Greifvögel: Raubtiere gehören zu unseren Lieblingen beim Zoobesuch. Doch die Fleischfresser haben einen gehörigen Appetit. Die vier grössten Schweizer Zoos geben Auskunft, woher das Fleisch stammt, das sie ihren Tieren verfüttern.

Im Natur- und Tierpark Goldau werden laut Kurator Martin Wehrle jeden Tag rund 30 Kilogramm Rind-, Schaf- und Ziegenfleisch verfüttert. Es stamme meist von Notschlachtungen. Im Berner Tierpark Dählhölzli hingegen sind die Quellen vielfältiger: Dort stammt das Fleisch für die Raubtiere von Metzgern, Bauern, Wildhütern, aber auch Labortiere werden eingekauft, wie Thomas Zurbuchen, Gruppenleiter Raubtiere, sagt. Einen eindeutigen Futterplan gebe es in Bern allerdings nicht: «Mir ist wichtig, dass der Tierpfleger die Raubtiere und deren Verhalten täglich beobachtet», sagt Zurbuchen. So unterscheide sich die Fütterung täglich in Form, Art und Menge. «Ob die Sonne bei 30 Grad scheint, es regnet oder Schneetreiben herrscht, sind für mich massgebliche Unterschiede.»

Ausgediente Legehennen enden hier
Im Zoo Basel setzt man auf einen Hauptlieferanten, der Rinder und ältere Kühe für den Zoo besorgt. Zum Teil sei da sogar Fleisch dabei, das für den menschlichen Verzehr geeignet sei, sagt Tierarzt Christian Wenker. Daneben würden Ratten und Kaninchen tiefgefroren geliefert und ausgediente Legehennen lebendig übernommen. «Die werden separat gehalten und bei Bedarf geschlachtet», sagt Wenker. Ausserdem hat der Zoo Basel eine eigene Mäusezucht. Damit wird der gesamte Bedarf an Mäusen für die Schlangen, Fischotter, Störche und Eulen gedeckt. Ähnlich klingt es im Zoo Zürich. Auch hier werden laut Kurator Robert Zingg gefrorene Kaninchen geliefert, Hühner kämen von privaten Züchtern, die ihre Bestände reduzieren. Auch das Tierspital sei eine regelmässige Quelle. 

Zingg und seine drei befragten Kollegen betonen allesamt, dass sämtliches Fleisch, das bei ihnen verfüttert wird, geprüft und als Tiernahrung zugelassen ist. Und sie alle bestätigen ebenfalls, dass auch mal Tiere aus dem eigenen Zoo geschlachtet und den Raubtieren zum Frass vorgeworfen werden. «Ein Überschuss-Tier, zum Beispiel eine Antilope, geht ab und zu in die Nahrungskette», sagt Zingg. «Das ist das Fleisch, das wir am besten kennen.»  Tiere, die an einem Tag noch eine Attraktion für die Zoobesucher sind, landen am nächsten also auf dem Speisezettel der Raubtiere. Ist das ethisch verantwortbar? «Zolli»-Tierarzt Christian Wenker ist sich der Brisanz des Themas bewusst. Er sagt aber auch, die Tiere würden nicht gezielt als Futter für Fleischfresser gezüchtet. «Wenn wir ein überzähliges Tier haben, suchen wir immer zuerst nach einem guten Platz, um es abzugeben.» Sei es an einen anderen Zoo oder – im Fall von Streichelzoo-Tieren – an einen Abenteuer-Spielplatz oder Ähnliches. Nur wenn der Zoo auf dem Tier sitzen bleibt, kommt es in den «Nahrungskreislauf», wie Wenker sagt. 

Die Pille soll nicht Schule machen
Überzählige Jungtiere im Zoo sind nur durch eine Geburtenkontrolle vermeidbar. Also die Pille fürs Tier, Sterilisation oder Kastration. Für Wenker ist das keine Lösung: «Da nimmt man den Tieren etwas weg», sagt er. Zum Leben von Wildtieren gehöre eben auch die Aufzucht von Jungen. So dachte man auch im Tierpark Dählhölzli, als im vergangenen Jahr zwei junge Braunbären zur Welt kamen, die kurz darauf von ihrem Vater angegriffen wurden und starben. Die Proteste waren laut, die Reaktion des Tierparks rasch: Die Bäreneltern wurden kurz darauf sterilisiert. Was im Einzelfall wohl angebracht war, soll laut «Zolli»-Tierarzt Wenker nicht Schule machen. «Sonst gibt es im Zoo nur noch alte Tiere, die sich nicht mehr fortpflanzen.» Dies sei in den USA und in Südeuropa vielerorts der Fall.

Im vergangenen Jahr sorgte auch der Zoo von Kopenhagen für einen Aufschrei, als eine überzählige Giraffe getötet, vor den Augen von Kindern zerlegt und an die Raubtiere verfüttert worden war. So weit gehen die Schweizer Zoos nicht. Aber auch sie setzen auf die sogenannte Ganzkörperfütterung. Ganze oder halbe Rinder, Schafe oder eben auch mal Antilopen landen dabei im Gehege der Raubtiere. «Dann nehmen die Tiere das auf, was sie brauchen», sagt Wenker. Kalzium und Phosphor für die Knochen etwa, Vitamin A aus der Leber des Beutetieres. «Wenn man nur Hackfleisch verfüttert, kriegen Wildhunde krumme Beine», veranschaulicht der Tierarzt das Problem an einem Beispiel. 

Ausschliesslich ganze Tiere kann der Zoo Basel seinen Raubtieren aber nicht bieten, dafür würden zu wenige geliefert. Und so wird sämtliches Fleisch zusätzlich mit Mineralstoffen angereichert. «Die Tierfütterung erfüllt alle Bedürfnisse», sagt Wenker. Alle körperlichen zumindest. Doch was ist mit der Bewegung, dem Jagdtrieb? «Das ist ein Hauptthema», sagt der Tierarzt. Die Tiere dürfen nicht dick werden, Überfütterung kann zum Problem werden. Dem wird in Basel entgegengewirkt. Für die Pflanzenfresser wird Stroh ins Heu gemischt, die Karnivoren müssen Fastentage einlegen. «Oder wir binden ihnen das Fleisch an einem Baumstamm fest, damit die Tiere ein wenig dafür arbeiten müssen.»

Das löst das Problem der mangelnden Bewegung nicht, weiss auch Wenker. Doch sagt er: «Ich weiss nicht, ob es einen Jagdtrieb als solchen überhaupt gibt.» Es sei sehr schwierig, etwa Raubkatzen zur Bewegung zu animieren. Versuche in anderen Zoos mit Seilbahnen, die Fleisch durch das Gehege sausen liessen, scheiterten kläglich. Nach wenigen Tagen wussten die Tiere einfach, wo die Bahn anhält und warteten dort auf ihr Futter. 

Lebendige Beute ist die Ausnahme
Laut Wenker muss man vorsichtig sein, wenn man menschliche Züge in Tiere hineininterpretiert: «Der Gepard will nicht Sport machen wie wir», sagt er. In der Natur ist der Gepard gezwungen, Sport zu machen, wenn er eine Antilope jagt. Lebendige Tiere werden in Schweizer Zoos allerdings nie verfüttert. Fast nie jedenfalls. Tatsächlich dürfen wirbellose Tiere lebendig verfüttert werden. Insekten beispielsweise landen meist lebend im Terrarium ihrer Fressfeinde. Wirbeltiere hingegen müssen laut Gesetz tot verfüttert werden, mit wenigen Ausnahmen. Eine davon findet im Zoo Zürich Anwendung: «Junge Schlangen erhalten bei uns lebendige Mäuse, wenn sie noch nicht futterfest sind», sagt Kurator Zingg. Dann also, wenn sie tote Tiere nicht als Futter erkennen und dadurch verschmähen würden.

Raubtiere dürfen ebenfalls mit lebendigem Futter auf eine bevorstehende Auswilderung vorbereitet werden. Und zuletzt dürfen Beutetiere und Raubtiere zusammen in einem Gehege untergebracht werden, wenn dieses für beide tiergerecht eingerichtet ist. Genügend Möglichkeiten zur Flucht oder Verstecke müssten also vorhanden sein, um dem Beutetier eine reelle Chance aufs Überleben zu lassen. Dies ist im Zoo Basel beim Fischottergehege umgesetzt, wo zuweilen Fische das Bachsystem mit den Räubern teilen. Mit grossen Raubtieren kann sich Christian Wenker eine solche Kombination nicht vorstellen. Ein Geparden-Antilopen-Gehege etwa müsste riesig sein.  Ausserdem sagt er: «Das Zur-Schau-Stellen von Bestien hinter Gittern wollen wir nicht.»

Ab und an gibt es sie – unfreiwilligerweise – trotzdem. Im Zoo Basel lebt eine grosse Storchenkolonie. Und der erste Flugtag der Jungtiere sei jeweils eine Lotterie. «Einige davon fliegen direkt zu den Schneeleoparden und werden sofort gerissen.» 

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